die Nase kraus : » Ich rieche Spiiiritus « , sagte sie und blickte sich mißtrauisch um . Olga legte eben die Brennschere , mit der sie ein paarmal durch ihr Haar gefahren war , das in weiten und weich sich biegenden Wellen ihr Gesicht umrahmte , aus der Hand . » Ich habe nichts gekocht , Frau Schöchert ; Sie wissen ja , daß ich morgens mein warmes Wasser von Ihnen bekam . « Frau Schöchert hatte ihr nicht gestattet , sich selbst Wasser zu wärmen , und nahm ihr für ein Kännchen heißen Wassers zehn Pfennige ab . Tief aufseufzend stellte sie das Tablett mit dem Frühstück , - dünnem Kaffee von graubrauner Farbe und einer kaum be-strichenen » Schrippe « - auf den Tisch ; auch Olgas Post lag darauf . » Mit dem Spiiiritusbrennen werden Sie mir noch die Politur ruinieren « , sagte sie weinerlich und strich mit den Fingerspitzen untersuchend über die Tischplatte . » Das ist unmöglich , Frau Schö - - Frau Expeditor , - sehen Sie , die Maschine steht ja auf dem starken Nickeltablett . « » Man braucht sich nicht die Haare zu brennen « , meinte Frau Schöchert , deren Stirnsträhne , in papierne Haarwickel eingerollt , um ihren Kopf gepreßt waren . Olga war die Reden der Frau schon so gewöhnt , daß sie ihr nicht einmal antwortete ; dieses möblierte Elend , das sie in der kurzen Zeit ihres Berliner Aufenthaltes schon in allen möglichen Variationen erfahren hatte , dauerte ja nicht mehr lange . Seit sie hier gekündigt hatte , war es am schlimmsten geworden . Sie griff nach ihrer Post , nahm die Briefe nacheinander zur Hand , ohne sie noch zu öffnen , und betrachtete die Poststempel . Es war wiederholt vorgekommen , daß ihre Briefe , anstatt ihr übergeben zu werden , in der Küche liegen geblieben waren . Als sie einmal , zu bestimmter Zeit , einen Brief erwartet hatte und , nachdem sie den Postboten kommen gehört , nach der Küche gegangen war , ihn zu holen , hatte ihr Frau Schöchert gesagt : die Mieter hätten in ihrer Küche nichts zu suchen , und sie habe zu warten , bis sie ihr die Post bringe . Auch heute wieder fand sie zwei Briefe , die schon am vorigen Abend angekommen waren . Es waren Nachrichten , die ihre Zeitung betrafen , auf die sie ungeduldig wartete . Der Unmut stieg in ihr auf . Trotz ihres Entschlusses , die Frau in der kurzen Zeit , in der sie noch auf eine Gemeinschaft mit ihr angewiesen war , durch nichts zu reizen , konnte sie die Beobachtung , die sie da wieder machte , nicht unterdrücken . Sofort stieg der Frau die helle Zornesröte in das verzogene Gesicht . » Na nu , wollen Se mir in meinem Hause Vorschriften machen ? « » Meine Post gehört nicht zu Ihrem Hause . Entweder Sie weisen den Postboten direkt zu mir , oder , wenn Sie meine Briefe übernehmen , ist es Ihre Pflicht , sie sofort abzuliefern . « » Haha ! Das wäre ja noch schöner . Übrigens Ihre Post ! Da kann sich mancher was denken , wenn ein Fräulein , was anständig sein will , so viele Briefe auf einmal bekommt . « » Frau Schöchert , nehmen Sie sich in acht ! « » Und überhaupt : Sie haben sich hier als Fräulein angemeldet , - in Ihrem Meldezettel haben Sie geschrieben unverehelicht - - und hier - hier - - - « sie wies auf einen Brief , - » hier steht Frau Olga Diamant ! - - - Nu ja , in Berlin kommt eben alles Mögliche vor , - auch Falschmeldungen - alle Tage kommt das hier vor , - wo so viel Schwindler sind . « Die rabiate Dummdreistigkeit der Frau machte es Olga schwer , sie nicht tätlich hinauszubefördern . » Wie kommt das , wie denn ? « bohrte sie weiter , - » nu , geben Se doch gefälligst Auskunft , sonst sage ich das augenblicklich meinem Mann . « » Mein Mann , « pflegte sich vor seiner keifenden und stöhnenden Lebenshälfte in alle Winkel zu verkriechen ; aber den Mietern gegenüber wurde das zusammengedrückte Kerlchen als » mein Mann « und damit als autoritative Instanz dieses Hauses ins Treffen geführt . Olga hatte die kindliche Idee , die Frau belehren zu wollen . » Sehen Sie , Frau Schöchert - wenn ich Sie und Ihre Verhältnisse vielleicht nicht genau kennen würde , so könnte ich ja ebenfalls einen Brief an Sie schreiben mit der Aufschrift : Fräulein Schöchert ; dann würden Sie eben einen solchen Brief bekommen . Wären Sie deswegen eine Schwindlerin ? « » Gelungene Ausrede ! « war die Antwort , und ein verzweifelter Seufzer , der aus der Tiefe des Magens zu kommen schien , folgte . » Übrigens hat das Wort Frau hier auch noch darin seinen Grund , daß man heutzutage auch selbständige Mädchen mit dem Titel Frau anzureden pflegt . « » Eine schöne Mode wäre mir das ! Haha ! Wenn ein Mädel , das sich mit allen möglichen Ker ... Herren abgibt , noch eine gnädige Frau vorstellen wollte ! « » Frau Schöchert « , sagte Olga warnend . » Und daß ich ' s Ihnen nur sage , « brüllte die Wütende , - » Ihre Herrenbesuche dulde ich nicht . « » Ich habe Ihnen beim Mieten dieses Zimmers gesagt , daß ich Bekannte empfange ; und meine Nachbarin hier , das Barfräulein , gibt in ihrem Zimmer einem Mann , der gar nicht einmal gemeldet ist , - Unterkunft , - das wissen Sie sehr wohl . « » Das geht Sie einen Dreck an . Das ist dem Fräulein ihr Bräutjam ! Aber Sie - Sie haben keinen Bräutjam , - zu Ihnen laufen alle möglichen Mannsleute - am hellichten Tag ! «