nicht die Antworten ? « fragte ich neugierig . Es war , als hätte Abelone mich nicht gehört . Sie saß da in ihrem lichten Kleid , als ob sie überall innen ganz dunkel würde , wie ihre Augen wurden . » Gieb her « , sagte sie plötzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus der Hand und schlug es richtig dort auf , wo sie es wollte . Und dann las sie einen von Bettinens Briefen . Ich weiß nicht , was ich davon verstand , aber es war , als würde mir feierlich versprochen , dieses alles einmal einzusehen . Und während ihre Stimme zunahm und endlich fast jener glich , die ich vom Gesang her kannte , schämte ich mich , daß ich mir unsere Versöhnung so gering vorgestellt hatte . Denn ich begriff wohl , daß sie das war . Aber nun geschah sie irgendwo ganz im Großen , weit über mir , wo ich nicht hinreichte . Das Versprechen erfüllt sich noch immer , irgendwann ist dasselbe Buch unter meine Bücher geraten , unter die paar Bücher , von denen ich mich nicht trenne . Nun schlägt es sich auch mir an den Stellen auf , die ich gerade meine , und wenn ich sie lese , so bleibt es unentschieden , ob ich an Bettine denke oder an Abelone . Nein , Bettine ist wirklicher in mir geworden , Abelone , die ich gekannt habe , war wie eine Vorbereitung auf sie , und nun ist sie mir in Bettine aufgegangen wie in ihrem eigenen , unwillkürlichen Wesen . Denn diese wunderliche Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben , geräumigste Gestalt . Sie hat von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet , als wär sie nach ihrem Tod . Überall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt , zugehörig dazu , und was ihr geschah , das war ewig in der Natur ; dort erkannte sie sich und löste sich beinah schmerzhaft heraus ; erriet sich mühsam zurück wie aus Überlieferungen , beschwor sich wie einen Geist und hielt sich aus . Eben warst du noch , Bettine ; ich seh dich ein . Ist nicht die Erde noch warm von dir , und die Vögel lassen noch Raum für deine Stimme . Der Tau ist ein anderer , aber die Sterne sind noch die Sterne deiner Nächte . Oder ist nicht die Welt überhaupt von dir ? denn wie oft hast du sie in Brand gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine andere ersetzt , wenn alle schliefen . Du fühltest dich so recht im Einklang mit Gott , wenn du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest , damit doch alle drankämen , die er gemacht hatte . Es kam dir armsälig vor , sie zu schonen und auszubessern , du verbrauchtest sie und hieltest die Hände hin um immer noch Welt . Denn deine Liebe war allem gewachsen . Wie ist es möglich , daß nicht noch alle erzählen von deiner Liebe ? Was ist denn seither geschehen , was merkwürdiger war ? Was beschäftigt sie denn ? Du selber wußtest um deiner Liebe Wert , du sagtest sie laut deinem größesten Dichter vor , daß er sie menschlich mache ; denn sie war noch Element . Er aber hat sie den Leuten ausgeredet , da er dir schrieb . Alle haben diese Antworten gelesen und glauben ihnen mehr , weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur . Aber vielleicht wird es sich einmal zeigen , daß hier die Grenze seiner Größe war . Diese Liebende ward ihm auferlegt , und er hat sie nicht bestanden . Was heißt es , daß er nicht hat erwidern können ? Solche Liebe bedarf keiner Erwiderung , sie hat Lockruf und Antwort in sich ; sie erhört sich selbst . Aber demütigen hätte er sich müssen vor ihr in seinem ganzen Staat und schreiben was sie diktiert , mit beiden Händen , wie Johannes auf Patmos , knieend . Es gab keine Wahl dieser Stimme gegenüber , die » das Amt der Engel verrichtete « ; die gekommen war , ihn einzuhüllen und zu entziehen ins Ewige hinein . Da war der Wagen seiner feurigen Himmelfahrt . Da war seinem Tod der dunkle Mythos bereitet , den er leer ließ . Das Schicksal liebt es , Muster und Figuren zu erfinden . Seine Schwierigkeit beruht im Komplizierten . Das Leben selbst aber ist schwer aus Einfachheit . Es hat nur ein paar Dinge von uns nicht angemessener Größe . Der Heilige , indem er das Schicksal ablehnt , wählt diese , Gott gegenüber . Daß aber die Frau , ihrer Natur nach , in Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen muß , ruft das Verhängnis aller Liebesbeziehungen herauf : entschlossen und schicksalslos , wie eine Ewige , steht sie neben ihm , der sich verwandelt . Immer übertrifft die Liebende den Geliebten , weil das Leben größer ist als das Schicksal . Ihre Hingabe will unermeßlich sein : dies ist ihr Glück . Das namenlose Leid ihrer Liebe aber ist immer dieses gewesen : daß von ihr verlangt wird , diese Hingabe zu beschränken . Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden : die beiden ersten Briefe Heloïsens enthalten nur sie , und fünfhundert Jahre später erhebt sie sich aus den Briefen der Portugiesin ; man erkennt sie wieder wie einen Vogelruf . Und plötzlich geht durch den hellen Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt , die die Jahrhunderte nicht fanden , da sie sie im Schicksal suchten . Ich habe niemals gewagt , von ihm eine Zeitung zu kaufen . Ich bin nicht sicher , daß er wirklich immer einige Nummern bei sich hat , wenn er sich außen am Luxembourg-Garten langsam hin und zurück schiebt den ganzen Abend lang . Es kehrt dem Gitter den Rücken