Eifer , er , was an ihm liege , er werde die Unschuld des Jünglings bezeugen , und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte . Graf Stanhope war sichtbar erschüttert ; er lächelte , sagte , hier sei ja nicht von Schuld die Rede , und entließ den Mann fürstlich belohnt . Nun endlich entschloß er sich , Herrn von Tucher und damit auch Caspar selbst gegenüberzutreten . Wenn man ihn verwundert gefragt hatte , weshalb er dies so lang verzögerte , hatte er erwidert , er bedürfe dazu seiner ganzen Sammlung und Seelenkraft , denn vor dem Augenblick , wo er Caspar zum erstenmal sehen werde , sei ihm bange , freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend . Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer , als man ihm die Karte des Engländers brachte . Es versteht sich von selbst , daß er von der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen Umtrieben unterrichtet war . Da er in jedem Fall einen Friedensstörer in ihm sah , war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen . Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswürdige und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet ; gleichwohl war er überrascht , als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah , und im Nu schwand seine durch das Hörensagen und trübe Vorgefühle entstandene Abneigung . Es war allerdings etwas Gefährliches um den Mann , das spürte Herr von Tucher auf den ersten Blick , doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz von Weltlichkeit und geistreicher Anmut über seiner Person . Da seine Haltung stolz war , erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht weibisch ; die Züge , durchaus englisch markant , waren edel geschnitten und ließen die fahle Färbung der Haut vergessen ; das wechselnde Feuer der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle , bald an die Ruhe des Tigers , kurz , Herr von Tucher wurde in einen Zustand angenehmer Spannung und Erregung versetzt , der durch das schnell in Fluß gebrachte Gespräch nicht im mindesten betrogen wurde . Die bloßen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und Kenntnis des Lebens , und was er sagte , eroberte die Zustimmung des Hörers mühelos . Auf die Beweggründe seines Hierseins kam er von selbst zu sprechen . Was er vorbrachte , klang unbestimmt genug ; er war augenscheinlich ein Meister in der Kunst , seine wahren Absichten zu verschleiern , aber kein Argwohn konnte Herrn von Tucher beifallen . Der Name Stanhope gab ausreichende Bürgschaft . Was konnte einen Lord Stanhope verhindern , deutlich zu sein ? War es nicht Feingefühl und angestammter Takt , so war es eine Verschwiegenheit , die zugleich das Gelöbnis enthielt , zur gebotenen Stunde alles schicklich offenbar zu machen . Herr von Tucher fand sich dadurch eher verpflichtet als enttäuscht ; ohne die ausgesprochene Bitte des Lords abzuwarten , fragte er höflich , ob es ihm genehm sei , Caspar zu sehen . Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lächelnd abwehrte , läutete er und gab Auftrag , daß man den Jüngling hole . Es entstand nun eine Stille ; Herr von Tucher verblieb in unwillkürlichem Lauschen an der Tür , und der Lord saß mit übergeschlagenen Beinen , den Kopf in die behandschuhte Linke gestützt , das Gesicht dem offenen Fenster zugekehrt . Es war ein sonniger Sonntagnachmittag ; der Himmel lag blaustrahlend über dem fächrigen Geschiebe der roten Dächer , zwitschernde Schwalben schossen längs der grauen Häuserfronten hin . Als Caspar in das Zimmer trat , veränderte Stanhope langsam die Richtung seines Blickes , und ohne jenen eigentlich anzusehen , schien er doch das ganze Bild des Menschen in sich festzuketten . Noch während Caspar , durch ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher über die Person des illustren Mannes belehrt , auf den Grafen zuging , erhob sich dieser und sagte mit überraschender Erregung und sichtlich tief berührt : » Caspar ! Also endlich ! Gesegnete Stunde ! « Dann streckte er die Arme nach ihm aus , und wie zu einem Tor , das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden , begab sich Caspar in diese geöffneten Arme , ein heller , scharfer , kühler Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten , und er vermochte weder zu sprechen noch sich zu regen . Das war er , der aus weiter Ferne kam . Von ihm der Ring , von ihm die Botschaft . Schon oben , als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten gehört , war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen , und als der Diener ihn rief , war es , als ob ein Morgenschein das Haus durchglühe . Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte , sah Caspar nur ihn , den Fremden , Fremdvertrauten , und wie wenn ihm bisher die Hälfte seines Herzens gefehlt hätte , fühlte er sich auf einmal ganz geworden , rund und neu : mit gebadetem Auge sah er sich selbst , zweckvoll erschaffen . Mild an ihre Glocke schlug die Uhr , und das Licht des Nachmittags war wie Honig und süß zu schmecken . Auf den Lord übte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend große Wirkung . Für die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig bewegt , und die Augen trübten sich wie in peinvollem Erstaunen . Er war ohne Zweifel verwirrt , die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm , und bei der ersten zärtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme rauh . Mit der Hand streichelte er Caspars Haare , preßte die Wange des Jünglings gegen seinen Busen , und ein verlorener Blick traf den stumm abseits stehenden Herrn von Tucher , der mit Verwunderung die ungewöhnliche Szene beobachtete . Stanhope bat ihn dann , weil das Verhüllte des Vorgangs zu irgendeiner Klärung drängte , ob er Caspar für einige Stunden mit sich nehmen dürfe , ein Ansuchen , dem Herr von Tucher nicht