letzten Stunde geworden . Am 13. August , als die Belagerten schon bestimmte Nachricht von dem Herannahen der Entsatztruppen unter den Generalen Gaselee und Fukushima hatten , machten die Chinesen noch einen besonders starken Angriff , als hofften sie , doch noch Herr der kleinen Schar zu werden , die ihnen während sieben Wochen widerstanden hatte . Von früh bis spät pfiffen die Kugeln und kamen wie Hagel über die Barrikaden geflogen . Am heftigsten soll der Angriff gegen das Suwangfu gewesen sein . Am Nachmittag ward dort einer der Chinesen verwundet , die Oberst Shiba zu einer Wachttruppe ausgebildet hatte . Unser Freund sprang vor , um den Verwundeten aus dem Bereich der Kugeln zu tragen , aber im selben Augenblick stürzte er selbst tödlich getroffen nieder . Am Abend begrub man ihn . Am nächsten Tage rückten die Entsatztruppen ein . Monate verstrichen dann , bis ich nach Peking kam . Alles dort mahnte mich an ihn und an sie , obschon es doch ein ganz anderes Peking war , das ich wiederfand , und das alte , in dem die Beiden gelebt , für immer verschwunden ist . In der verwüsteten Stadt bin ich lang herumgeirrt und habe in all der Zerstörung nach Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit gesucht . Aber wo einst die verwitterte Steinschildkröte stand und die Wistaria blühte , lag ein einziger Schutt- und Trümmerhaufen , kaum dass man den Platz unseres Häuschens noch bestimmen konnte . Wie eine ungeheure Last senkte sich die Trauer um unwiderruflich Verlorenes auf mich herab . Keine Spur von ihm oder ihr . Als sei es alles nie gewesen . Abends sass ich dann lange sinnend vor den ausgebreiteten Briefen meiner Schwester . Zuerst dachte ich daran , sie zu verbrennen . Etwas Rauch , der zum Kamin hinaufsteigt und sich im Raum verliert , ein paar wehe Gedanken bei einigen Zurückbleibenden , die selbst auch bald dahin sein werden - und dann ist eines Menschen Spur verwischt . Aber ich vermochte es nicht . Das Letzte , was von jenen Beiden geblieben , sind diese Briefe , und als ich in ihnen blätterte , empfand ich so recht , wie sehr sie das wahre Leben meiner Schwester enthalten und ein Stück von ihr sind , die mir so lieb gewesen . Während ich dann weiter las , fühlte ich , wie Zeiten , die entschwunden sind , noch einmal vor mir vorüberzogen ; ich fühlte auch , wie sie , die von mir gegangen ist , wieder vor mir erstand und mit ihr die Erinnerung an die Wanderjahre , die wir beide zusammen verlebt haben . Ich vermochte nicht die Briefe zu vernichten . Es wäre mir gewesen , als würde damit das Leben meiner Schwester noch einmal grausam zerstört . Ich habe lange gezaudert . Doch schliesslich entschloss ich mich , zur Erinnerung an jene Beiden diese Briefe , die ihn nicht erreichten , herauszugeben . Vielleicht bringen sie dem einen oder dem andern , der die Beiden im alten Peking einst gekannt hat , einen Gruss . Vielleicht erreichen sie auch andere , einsame Menschen , die noch auf der grossen Lebensfahrt begriffen sind und gern einen Augenblick am Wege rasten , um auf die Stimmen derer , die vor ihnen gegangen sind , zu lauschen , wie sie leise aus der Vergangenheit klingen . New York 1902 .