- « » Also ist es doch richtig , « unterbrach der Pfarrer , » daß die sogenannten Friedensfreunde - denn dazu gehören Sie ja - Feinde der Religion sind ? « » Es ist nicht richtig . Gewiß gibt es unter den Kriegsfeinden viele Freidenker - aber auch viele Gläubige . Und in dem Kampfe gegen den Krieg betätigen die Freidenker doch ihre Gesinnung nicht , - sie trachten vielmehr , in der Kirche eine Verbündete zu finden , denn sie wissen , welche Macht ihr innewohnt , und wissen , wie sehr die Religionsgebote mit den Friedensgeboten übereinstimmen . Eben weil die organisierten Verfechter der Friedensidee sich der Bekämpfung einzelner Richtungen und Einrichtungen - die ich bekämpfen wollte - enthalten , unterlasse ich es , mich ihren Vereinen und Kongressen anzuschließen . Ich will nach jeder Richtung hin die neue Weltanschauung vertreten - eine Weltanschauung , die meiner Überzeugung nach bestimmt ist , wie eine neue Religion ( das Wort heißt ja Band ) die kommenden Geschlechter zu verbinden - « » Freilich , « unterbrach Pater Protus mit leiser Bitterkeit im Tone , » mit solchem neuen Glauben muß man dem alten gegenüber als Feind auftreten - nicht als Patron . « » Feind ? Im Sinne von Haß und gewalttätigem Verfolgungs- und Vernichtungseifer ? - nein . Loyaler Gegner ? - ja . Ach , Pater Protus , Pater Protus - was sind das doch noch für unklare , traurige Zustände in der Welt ... wie schmerzlich stoßen die Gedanken , die Pflichten , die Leidenschaften aneinander ! Dabei sehe ich so deutlich , wo das Heil liegt ... einfach darin : gut sein und wahr sein - in jeder Lage , unter allen Umständen , niemals Böses zufügen , niemals behaupten , was falsch ist ... Welche von den bestehenden Institutionen im Staate verstößt nicht gegen diese zwei Dinge - Güte und Wahrheit ? « » Was ist Wahrheit ? Das hat schon Pontius Pilatus gefragt , Herr Graf . « » Was Lüge ist , mußte er jedenfalls wissen , denn als er sagte : ich wasche meine Hände in Unschuld , da hat er gelogen - er wusch sie in Blut . Was Güte ist , braucht keiner zu fragen , das fühlt jeder - auch der Harte , indem er sie verlacht ... Aber , lieber Herr Pfarrer , ich habe ja nicht mit Ihnen philosophieren wollen - nur Lebewohl wollte ich Ihnen sagen , dabei herzhaft Ihre Hand drücken und - ohne die Punkte auf die i zu setzen - Aug ' in Auge Sie versichern , daß ich Sie verstehe und Sie schätze und mich von Ihnen verstanden weiß . Auch meinen weiteren Kurs werden Sie nicht verdammen , selbst wenn ich das nicht mehr bin , was wir vorhin taktvoll nannten . « Pater Protus drückte fest die dargereichte Hand und blickte dem anderen ins Auge : » Ja , wir verstehen uns . « Rudolf sah nun , daß Gräfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane im Begriffe waren , sich von seiner Mutter zu verabschieden . Er eilte auf die Gruppe zu , denn es drängte ihn , mit diesen lieben Nachbarinnen noch ein paar Worte zu tauschen . » Wie , Sie wollen schon fort ? ... Nein , so lasse ich Sie nicht - ich muß Ihnen noch sagen , daß zu den Dingen , die ich durch den Verlust von Brunnhof am schmerzlichsten vermissen werde , die Nachbarschaft der Raneggsburg gehört . « » Sie gehen ja nicht aus der Welt , lieber Graf Rudi , « sagte die Gräfin freundlich . » Den Weg nach unserem Hause - hier und in Wien - werden Sie hoffentlich immer noch finden . Und recht oft . « » Danke , Gräfin . Aus dieser liebenswürdigen Aufforderung sehe ich , daß Sie in mir nicht - wie so viele hier - einen gefährlichen Narren sehen . « Cajetane fiel lebhaft ein : » Sprechen Sie nicht so ... Sie sind ein - « Hier blieb sie stecken . Rudolf schaute sie überrascht an . Ihre Wangen glühten und ihre großen schwarzen Augen blickten ihn eigentümlich an . Gräfin Ranegg ließ sich nicht mehr zurückhalten . Sie verließ den Saal , an ihrer Seite Martha , die ihr das Geleite gab . Rudolf bot Cajetane den Arm und die beiden folgten in einiger Entfernung den vorangehenden Müttern . Der Weg zum Schloßhof , wo der Wagen stand , führte über mehrere lange Korridore , die Treppe hinab , durch eine lange Halle ; man hatte Zeit zu einem Gespräch . » Was wollten Sie vorhin sagen , Gräfin Cajetane ? « fragte Rudolf . » Sie sind ein - begannen Sie und brachen ab . Was bin ich ? « » Ein ungewöhnlicher Mensch . « » Das ist sehr milde ausgedrückt . « » Sie glauben doch nicht , daß ich mir eine Verurteilung erlaube - « » Doch wäre eine solche - von Ihrem Standpunkt - nur zu natürlich . Ich bin ein aus der Art Geschlagener , während Sie ein Muster - ein Prachtexemplar der Art sind , aus der ich geschlagen bin . Sie müssen mich daher verurteilen . « » Ich tue es nicht . Zwar verstehe ich Sie nicht ganz , aber ich weiß , ich fühle , daß Sie Großes und Edles bezwecken - « » Und glauben Sie , daß ich es erreiche ? « » Auch das kann ich nicht wissen . Ich habe ja in das alles keinen Einblick - bin ganz unwissend . Was Sie getan haben , hat großen Eindruck auf mich gemacht - dennoch , wenn ich mir Ihre Worte zurückrufen will , so geht es nicht . Ich weiß nicht mehr , was Sie gesprochen haben - ich gäbe was drum , wenn ich ' s noch einmal hören oder lesen könnte ... ich glaube , ich könnte da etwas lernen , etwas ganz