? « » Ich ? Nein , ganz und gar nicht . Ich bin ein Mann der Wissenschaft . « » Wie pedantisch ! Kann man dabei nicht auch Dichter sein ? Ist nicht jeder ein Dichter , der eine Empfindung in sich zur Gestalt machen kann ? « Sie waren an einer Allee , beschneite Bäume und beschneite Wege blickten ihnen entgegen . An einem zerstörten Staket lagen Steine , Mörtelbehälter , Schaufeln , aufgeschichtete Ziegel und dahinter stand ein unfertiger Bau mit schwarzen Fensterhöhlen . Nur im Erdgeschoß brannte ein Trockenofen und düstere Röte strahlte durch die Fensterscheiben , fiel auf die blätterlosen Sträucher und Baume bis über die Straße . Die beiden gingen an den Fenstern vorbei , schauten zufällig hinein und sahen vier Knaben um den Glühofen kauern und mit den geröteten Gesichtern emporschauen zu einem jungen Menschen , der mit dem Rücken gegen das Fenster stand und zu ihnen redete . » Agathon Geyer ! « flüsterte Bojesen erschrocken und auch Jeanette war aufs höchste erstaunt . Bojesen hatte ihn sofort erkannt an Gestalt und Bewegung . Als Agathon ein wenig seitwärts trat , konnten sie beide sein Profil sehen ; gedankenvoll und entschlossen sah er ins Feuer . Die Knaben schienen Agathons Worte zu trinken , und es lag etwas Gläubiges und Ergebenes in ihren Gesichtern ; der Älteste , der etwa sechzehn Jahr alt war , trug die Kappe der Waisenhauszöglinge . » Wir wollen gehen , « sagte Bojesen leise , » es ist kalt . « Jeanette riß sich los und sagte im Weitergehen langsam : » Es ist etwas Außerordentliches in ihm . « » Sie kennen ihn ? « fragte Bojesen betroffen . Jeanette nickte . Eine Viertelstunde darauf standen sie wieder vor dem siebenten Himmel . Jeanette schaute hilflos umher und schien nachzusinnen . In diesem Augenblick ging eine in einen dicken Pelz vermummte Gestalt vorüber . Nur die Augen waren sichtbar , die boshaft funkelnd denen Bojesens begegneten . Bojesen kannte diese Augen und wußte , was er von der Begegnung zu halten habe . Er lächelte ergeben . Sie traten ein . Barbin schlief auf dem Villard ; die jungen Männer in Trikot schliefen auf dem Podium , Liebespaare saßen flüsternd oder stumfsinnig in finstern Ecken , der Glühende allem war noch wach . Er hockte an der Rampe mit weit von sich gestreckten Beinen , die Stirn nachlässig in die gerundete Hand gestützt , den Blick mit stillem Triumph in die Ferne sendend . Eine Schnapsflasche stand vor ihm auf dem Boden . » Was sinnst du , Liebling der Götter ? « fragte Jeanette , seine Schulter leicht mit den Fingern berührend , und jener deklamierte : » Wenn ich doch auf einem Felsen stünde , weit im Meer , und erlöst von meinen Träumen wär ' ! « Dann zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und begann ein Menuett zu spielen . Jeanette erhob sich , faßte den Rock mit den Fingerspitzen beider Hände und tanzte : lächelnd , berückend . Bojesen stand auf , ging hinab vom Podium in die Dämmerung des übrigen Raumes und stellte sich unter die Schläfer . In ihm erwachte eine heiße Leidenschaft und das Menuett , wie er es jetzt vernahm , fast wie hinter Mauern , hätte ihn beinahe aufschluchzen lassen . Er glaubte kaum , daß ihn mit solchen Gefühlen der Erdboden würde tragen können , so schwer war seine Seele von ihnen . Er wandte zufällig den Kopf nach rückwärts und sah Jeanette hinter sich stehen . Sie blickte ihn verträumt und selbstvergessen an ; ihre Augen waren jetzt von einem dunklen , undurchdringlichen Grün , und die roten Lippen gaben dem überaus bleichen Gesicht etwas von dem Wesen einer Fabelwelt . Langsam nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn fort , hinaus in den finstern Gang und weiter . Zehntes Kapitel Die strahlende Mittagssonne leuchtete , als Agathon von der Höhe herabstieg ins Dorf . Zu beiden Seiten des Wegs standen die Bäume im Schnee , spärlich behangen mit braunroten Blättern . Weithin leuchtete die Schneedecke und bisweilen lag ein dunkles , mürbes Blatt gleich einem großen Blutstropfen darauf . Als Agathon durchs Dorf ging , grüßten ihn viele Leute mit scheuem Gruß . Rasch hatte sich die Kunde verbreitet , daß Frau Jette durch seine wunderbare Berührung gesundet war , und alle suchten in seinem Gesicht , an seinem Wesen nach einem äußeren Zeichen der inneren Kraft . Er fühlte sich Herr über diese Kraft , gehoben und emporgetragen ; alles was rein in ihm war , hatte sich mit diesen Gefühlen vereinigt , und alles Düstere und Kleinliche seiner Seele war abgestreift wie verbrauchtes Gewand . Er hatte ein altes Buch aufgefunden und darin die Geschichte des Sabbatai Zewi entdeckt . Mit durstigen Augen las er sie . Wie wußte er gut zu scheiden unter dem Wahren und Erlogenen , dem Phantastischen und Tiefsinnigen ! Wie sah er durch die Person des falschen Propheten in die Seele der Menschen , die nicht dem beharrlichen Ernst sich beugen , nicht der beweglichen Stimme des mitleidenden Beraters , sondern dem prunk- und goldstrotzenden Worthelden , dem Halboffenbarer , dem , der mit ihrer Begeisterung spielt und dann achtlos über ihre Leichen schreitet . Aber noch fehlte all diesen Dingen der tiefere Bezug auf sein eigenes Tun , und er fand sich in der Welt mit einer Binde vor den Augen , des gütigen Lösers harrend . Es war nichts von Prophetentum oder Prophetenwollen in ihm . Das reiche innere Leben verlieh seinen Zügen etwas Leuchtendes , doch er fand sich klein neben einem geträumten Bilde von sich selbst . Mehr als sonst waren seine Nächte belebt von schwülen Bildern : nackte Frauen , die ihn neckten , die ihn zu sich zogen , ihn umarmten , ihn verlachten . Wie oft sprang er auf vom Bett und trat aus Fenster , um durch die Kälte sein Blut zur Ruhe zu