bitten müssen , auf alle Fälle sich demütigen vor den Verwandten . Dabei war ihm die ganze Familie widerlich . Seinen Onkel Kaschel hatte er nie ausstehen mögen . Wenn er an seine Cousine Ottilie dachte , hätte ihm übel werden können . Und auch mit seinem Vetter Richard stand er auf gespanntem Fuße , seit er ihn als Jungen einmal windelweich geprügelt . Gustav hatte den Vetter nämlich dabei überrascht , wie er mit dem Pustrohre nach einem Huhn schoß , das er an einen Baum angebunden hatte als lebendige Zielscheibe . Diese Züchtigung hatte Richard Kaschel wohl nicht so leicht vergessen . Gustav traf in der Schenkstube seine Cousine Ottilie . Er fragte sie ohne Umschweife nach dem Vater . Der sei im Keller mit Richard und ziehe Bier ab , erklärte das Mädchen , verlegen kichernd . Dann bat sie den Vetter , doch ins gute Zimmer zu treten . Dieser Raum lag neben der großen Gaststube und unterschied sich von ihr in seiner Ausstattung eigentlich nur durch ein Paar schlechte Öldrucke , welche den Kaiser und die Kaiserin darstellten . Hier mußte Gustav Platz nehmen . Ottilie war übergeschäftig um ihn bemüht , ihm einen Stuhl zurechtzurücken und den Tisch vor ihm mit einem Tuche abzuwischen . Dabei blinzelte sie den Vetter mit vielsagendem Lächeln von der Seite an . Er sei von der Stadt her verwöhnt , zirpte sie mit erkünstelt hoher Stimme , aber er müsse eben hier vorlieb nehmen mit dem , was er vorfände . Es sei doch recht langweilig in Halbenau . Warum sich denn der Vetter nicht öfter mal blicken lasse . Und zum Tanze sei er noch gar nicht gesehen worden im Kretscham . Die Mädchen hier seien ihm wohl nicht sein genug ? - Gustav antwortete kaum auf ihre Bemerkungen . Er witterte etwas von Eifersucht in dem Wesen der Cousine . Hübsch war sie nicht mit ihrem Kropfansatz , der langen , überbauten Figur und dem schiefen Munde , der neuerdings eine Zahnlücke aufwies . Doch dafür konnte sie schließlich nichts . Aber was für eine Schlampe sie war ! So herumzulaufen ! Mit zerrissenen Strümpfen , zerschlissener Taille und ungemachtem Haar . Und so was wollte die reichste Erbin in Halbenau sein ! Gustav stellte unwillkürlich Vergleiche an zwischen ihrer Schmuddelei und der Sauberkeit , die stets um Pauline herrschte . Ottilie lief plötzlich hinaus . Er glaubte , es sei , um den Vater herbeizuholen . Eine ganze Weile hatte er zu warten . Dann kam das Mädchen zurück , aber ohne den Wirt . Sie brachte vielmehr ein Brett mit Frühstück darauf . Da waren verschiedene Flaschen und Schüsseln . Freundlich lächelnd setzte sie das vor den Vetter hin . Gustav war ärgerlich . Zwar ein Kostverächter war er nie gewesen , und bei den Eltern ging es neuerdings schmal genug her ; ein Frühstück nahm er immer gern an . Aber von der hier bewirtet zu werden , das paßte ihm ganz und gar nicht . Ihr Anblick konnte ihm jeden Appetit verderben . Ottilie schien den Widerwillen nicht zu bemerken , den sie einflößte . Sie schenkte ein , zunächst ein Glas Bier , neben das sie noch zur Auswahl ein kleineres Glas mit rötlichem Inhalt stellte . Dann setzte sie sich ihm gegenüber an den Tisch und sah ihm zu , wie er aß und trank , mit dem Ausdrucke innigster Befriedigung in ihren Zügen . Es entging ihm nicht , daß sie sich inzwischen eine andere Taille angezogen hatte . Er mußte unwillkürlich lächeln über so viel verlorene Mühe . Schöner sah sie in dem rot und gelb gemusterten Zeuge auch nicht aus mit ihrer flachen Brust und der gelblichen Hautfarbe . Das Mädchen tat sein Möglichstes , um den Vetter zum Zulangen zu bringen . Nach jedem Schlucke , den er nahm , schenkte sie nach , so daß der Inhalt des Glases niemals abnahm . Gustavs gesunder Appetit hatte bald den anfänglichen Widerwillen überwunden . Zudem fragte er sich , warum er die Torheit des Frauenzimmers nicht ausnutzen solle . Er ließ sich seines Onkels Bier , Schnaps und Schinken gut schmecken . Als er sich soweit gesättigt hatte , daß er nicht mehr imstande war , noch einen Bissen herunterzubringen , schob er den Teller von sich . Ottilie sprang auf , holte Zigarren und brannte ihm eigenhändig eine an . Er bat sie , daß sie nun den Vater aus dem Keller holen möge . Sie meinte darauf , das habe ja noch Zeit . Man habe sich doch so mancherlei zu erzählen , wenn man sich so lange nicht gesehen . Dabei wechselte sie den Platz , setzte sich an seine Seite . Das wurde ihm doch zu viel des Guten . Es bedurfte einer sehr energischen Aufforderung von seiner Seite , daß sie sich bewogen fühlte , endlich den Vater herbeizurufen . Der Wirt erschien , wie gewöhnlich , in Pantoffeln , die Zipfelmütze auf dem Kopfe , die Hände unter der blauen Schürze . Hinter ihm sein Sohn wußte die Haltung des Vaters vortrefflich nachzuahmen . Nach Kaschelscher Art begrüßten sie Gustav mit Kichern und Grinsen , das sich bei jedem Worte , das gesprochen wurde , erneuerte . » Ottilie ! Ich nahm o eenen ! « rief der Wirt . » Vun an Bierabziehn kann eens schon warm warn . Newohr , Richard ? « Der Sohn feixte dummdreist und schielte falsch verlegen nach dem Vetter hin . Er mochte an die Lektion denken , die er von dem einstmals empfangen hatte . Gustav , um etwas zu sagen , fragte , ob Richard nicht bald zu den Soldaten müsse . Da erhellten sich die Gesichter von Vater und Sohn gleichzeitig . Der Alte meinte schmunzelnd : » Ar is frei gekummen . Ju , ju ! Richard is militärfrei ! « Gustav sprach seine Verwunderung darüber aus , Richard habe doch seines Wissens kein Gebrechen . » Nu , mir