Aber was mich damals so tief ergriff , daß ich meinte , es zerdrückt mir das Herz - denke , Tas , in der großen Szene zwischen Fides und ihrem Sohn , da ging es mir plötzlich durch den Kopf : ob nicht Mama so ausgesehen haben könnte wie Fräulein Herwegh als Fides ? « In Freude hatte Tassilo den sprudelnden Worten der Schwester gelauscht ; nun furchte sich seine Stirn ; schwer atmend schüttelte er den Kopf . Kitty hielt das Bild im Schoß , lehnte die Wange an die Schulter des Bruders und sah ins Leere . » Es war ein Unglück für mich , daß ich Mama so früh verlieren mußte . Je älter ich werde , desto schmerzlicher fühl ' ich das . Und wenn ich an Mama denke , ist alles leer vor mir . Ich sehe nichts ! « Sie hob das Köpfchen und sah dem Bruder in die Augen . » Tas ? Es ist doch eigentlich ganz unverständlich , daß wir von Mama kein Bild haben , weder hier in Hubertus noch in München ? « Tassilos Stimme schwankte . » Mama wollte sich niemals malen lassen . « Fester schlang er den Arm um Kitty . » Aber ich habe dir doch die Mutter schon sooft geschildert . « » Wie schön sie war , und wie gut , ja , Tas ! Aber ich sehe sie nicht . Wenn ich mir eine Vorstellung von ihr zu machen suche , schwimmt mir alles . Ich sehe das Haar , die Augen , aber kein Bild , das ich mit dem Herzen festhalten könnte . Das ist in mir eine unstillbare Sehnsucht . Sooft ich eine Dame sehe , deren Erscheinung mich anzieht , geht es mir heiß durch das Herz : vielleicht hat Mama so ausgesehen ? Das war auch damals so , als ich Fräulein Herwegh in der Rolle der Fides sah . Diese schöne , stille Größe - « Verstummend betrachtete Kitty das Bild . Plötzlich glitt es wie Schreck über ihre Züge , und sie stammelte : » Aber Tas ! Wie kommt denn dieses Bild zu dir ? « » Fräulein Herwegh hat es mir geschenkt . « » Sie ? Dir ? Kennst du sie denn ? « » Seit drei Jahren . « » Und davon hast du nie gesprochen ? « Dem Lächeln des Bruders gegenüber steigerte sich ihre Verwirrung . » Und das Bild ? Daß sie dir das Bild gab ? Das muß doch einen Sinn haben ? « » Den errätst du nicht « » Tas ! « Ohne das Bild aus der Hand zu lassen , schlang Kitty den Arm um den Hals des Bruders . » Ich liebe sie . Und Anna liebt mich wieder . Wie es kam ? Das ist eine stille Geschichte . Weißt du , das rechte Glück ist nie eine komplizierte Sache . Da fällt ein Same in ein Menschenherz . Niemand weiß , wer ihn streute . Er wächst , und du fühlst es nicht . In guter Stunde kommt der helfende Sonnenstrahl dazu , und der Keim ist eine Blume geworden , mit Duft und Farben . Das ist mein ganzer Roman . Ich verehrte Anna schon als Künstlerin , bevor ich sie persönlich kennenlernte . Die erste Begegnung hatte ich mit ihr an jenem Tag , an dem ich als Konzipient bei Doktor Neuroth eintrat . Er war ihr Anwalt . Als er mir seine Kanzlei übergab , wurde Anna meine Klientin . Da hatte ich Gelegenheit , ihren lauteren Charakter kennenzulernen , ihr tiefes Gemüt , auch die schöne Häuslichkeit , in der sie mit Mutter und Schwester lebt . Wir glaubten Freunde zu sein und wußten nicht , daß wir uns liebten . « Regungslos hatte Kitty gelauscht . Nun fragte sie flüsternd : » Wie kam es , daß ihr euch gefunden habt ? « Tassilo lächelte . » Du wirst enttäuscht sein , wenn ich es dir erzähle . Es war im Frühjahr . Da bat sie mich eines Tages um meinen Besuch . Ich sah , daß die Zeilen in erregter Hast geschrieben waren , und ließ alle Arbeit liegen . So kam ich zu ihr und erfuhr , sie hätte einen glänzenden Antrag der Wiener Oper erhalten , müsse sich innerhalb eines Tages entscheiden und bäte mich um meinen Rat . Mir fuhr es an die Kehle , daß ich keine Silbe herausbrachte . Sie sah mich betroffen an , und so standen wir eine Weile wortlos voreinander . Dann las ich den Vertrag , wir besprachen alle Verhältnisse der neuen Stellung , und aus ehrlichem Gewissen mußte ich ihr raten , den Kontrakt zu unterzeichnen . Lange saß sie schweigend , dann faltete sie den Vertrag zusammen und verschloß ihn . Wir plauderten noch über alle möglichen Dinge ; dabei saß sie auf dem Stuhl vor dem offenen Flügel und griff zuweilen mit einer Hand ein paar Akkorde . Plötzlich brach sie mitten im Worte ab und begann zu spielen - « » Und sang ? « Er nickte . » Ein kleines Liedchen von Schumann , Jasminenstrauch . « » Ich kenne das Lied ! « Zwei Tränen schimmerten an Kittys Wimpern , während sie leis die Verse flüsterte : » Grün ist der Jasminenstrauch Abends eingeschlafen . Als ihn mit des Morgens Hauch Sonnenlichter trafen , Ist er schneeweiß aufgewacht : Wie geschah mir in der Nacht ? Seht , so geht es Bäumen , Die im Frühling träumen . « Ein tiefer Atemzug schwellte ihre junge Brust , und die Tränen rollten von ihren Lidern . » Dieses Liedchen sang sie . Dann ließ sie die Hände in den Schoß fallen . Und ohne das Gesicht nach mir zu wenden , sagte sie : Ich habe mich besonnen , ich gehe nicht nach Wien . Eine Antwort fand ich nicht . Aber ich umschlang sie und küßte ihren Mund . «