eine gleich große wäre - nicht mehr die Rechtsentscheidung überantwortet werden . Warum schreibe ich Dir dies alles ? Warum breche ich nicht , wie es einem Kriegsmann ziemt , in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus ? Warum ? Weil ich nach Wahrheit - und nach rückhaltloser Äußerung derselben - dürste ; weil ich jederzeit die lügenhafte Phrase hasse , - in diesem Augenblick aber - wo ich dem Tode so nahe bin ; und wo ich zu Dir spreche , die Du vielleicht auch im Sterben liegst - es mich doppelt drängt , zu sprechen , wie es mir ums Herz ist . Mögen tausend Andere auch anders denken , oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dünken , ich will , ich muß es noch einmal gesagt haben , eh ' ich dem Krieg zum Opfer falle : ich hasse den Krieg . Würde nur jeder , der das Gleiche fühlt , es laut zu verkünden wagen - welch ein dröhnender Protest schrie da zum Himmel auf ! Alles jetzt erschallende Hurrah samt dem begleitenden Kanonendonner würde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit lechzenden Menschheit übertönt , durch das siegesgewisse : Krieg dem Kriege ! 1 / 2 4 Uhr früh . Obiges schrieb ich gestern nachts . Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt und ein paar Stunden geschlafen . In einer halben Stunde wird aufgebrochen , und dies kann ich noch der Feldpost übergeben . Alles ist schon wach und rüstet zum Abmarsch . Die armen Leute : wenig Ruhe haben sie gefunden , nach der gestern vollbrachten - wenig Kräftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ... Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazareth gemacht , welches hier zurückbleibt . Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein paar , denen ich es gern so gemacht hätte , wie dem brennenden Pferde : ihnen eine Gnadenkugel durch den Kopf gejagt . Da ist einer , dem der ganze Unterkiefer weggeschossen ist ; da ist ein anderer , der - Genug ... Ich kann nicht helfen - niemand kann da helfen , als der Tod . Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn verzweifelt anruft , dem gegenüber stellt er sich taub . Er ist anderweitig viel zu sehr beschäftigt , diejenigen hinzuraffen , die inbrünstig auf Genesung hoffen , die ihn flehentlich anrufen : O verschone mich ! Mein Pferd ist gesattelt - jetzt heißt es , diese Zeilen schließen . Leb wohl ! Martha - wenn Du lebst . « Zum Glück befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jüngeren Datums , als das eben angeführte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten großen Schlacht hatte Friedrich berichten können : » Der Tag ist unser . Ich bin unversehrt geblieben . Das sind zwei gute Nachrichten - die erste namentlich für Deinen Vater , die zweite für Dich . Daß für unzählige andere derselbe Tag unzähligen Jammer gebracht hat , vermag ich nicht zu übersehen . « In einem andern Brief erzählte Friedrich , daß er mit seinem Vetter Gottfried zusammengetroffen : » Stelle Dir vor , welche Überraschung : Wen sehe ich an der Spitze eines Detachements an mir vorüber reiten ? Tante Korneliens einzigen Sohn . Muß die Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und kampfesfroh . Ich sah es seiner stolzen , leuchtenden Miene und er hat es mir auch bestätigt . Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich ließ ihn in mein Zelt rufen . Das ist ja herrlich , rief er entzückt , daß wir für dieselbe Sache kämpfen , Vetter - und nebeneinander ! Hab ' ich nicht Glück , daß gleich im ersten Jahre meiner Lieutenantschaft Krieg ausgebrochen ? Ich werde mir ein Verdienstkreuz holen . - Und die Tante - wie hat sie Dein Ausrücken aufgenommen ? - Wie das nun schon ' mal der Mütter Brauch : mit Thränen - die sie übrigens zu verbergen suchte , um meine Lust nicht zu dämpfen - mit Segenswünschen , mit Kummer und mit Stolz . - Und wie war ' s Dir selber zu Mute , als Du zum erstenmale ins Gemenge kamst ? - O wonnig , erhebend ! - Du brauchst nicht zu lügen , mein Junge . Nicht der Stabsoffizier fragt nach Deinen pflichtschuldigen Lieutenantsgefühlen , sondern der Mensch und Freund . - Ich kann nur wiederholen : wonnig und erhebend . Schauerlich - ja ... aber : so großartig ! Und das Bewußtsein , daß ich die höchste Mannespflicht erfülle mit Gott für König und Vaterland ! Und dann : daß ich den Tod , dieses sonst so gefürchtete und gemiedene Gespenst , hier so nahe um mich herum walten sehen , - seine Sense auch über mir erhoben - das versetzt mich in eine eigene , über die Gewöhnlichkeit so erhabene , epische Stimmung ... Die Muse der Geschichte fühle ich uns zu Häupten schweben und unserem Schwert die Siegeskraft verleihen . Ein edler Zorn durchglüht mich gegen den frechen Feind , der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte , und es ist mir ein Hochgefühl , diesen Haß befriedigen zu dürfen ... das ist ein eigen , geheimnisvolles Ding , dieses Umbringendürfen - nein , Umbringen müssen - ohne ein Mörder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen Lebens ... So faselte der Knabe weiter . Ich ließ ihn reden . Habe ich doch Ähnliches empfunden , als mich die erste Schlacht umtoste . Episch ja , da hat er das richtige Wort getroffen . Die Heldengedichte und Heldengeschichten , mittelst deren uns die Schule zu Kriegern aufzieht , die sind es , welche dann durch den Donner der Geschütze , durch das Blitzen der blanken Waffen und durch das Feldgeschrei der Kämpfer in unserem Hirn zum Vibrieren gebracht werden . Und die Außergewöhnlichkeit , die unverständliche Außergesetzlichkeit , in der man plötzlich sich befindet , die macht , als wäre man