Gewerbe- und Preßfreiheit , gleich Pilzen aus dem Münchener Boden . Sie machten sich gegenseitig eine wütende Konkurrenz und bekämpften sich mit Mitteln , auf deren Ersinnung eine indianerhafte Phantasie hätte stolz sein können . Zahlreiche Blattleichen bedeckten quartaliter die Walstatt . Aber wer in diesem Kampfe um Leser , Abonnenten und Inserenten , so oft er auch zu Boden geschlagen schien und von der anständigen Presse ohne jedwede Handreichung gelassen und wie ein Geächteter behandelt wurde , doch immer wieder auf die Beine kam , das war Meister Preßbandit mit seinem humoristisch-satyrischen Wochen-Skandalblättchen Die Kloake . Bald versuchte er ' s mit kriechender Schmeichelei , bald mit sinnloser Frechheit sich an die Vertreter der relativ anständigen Presse als echte Schmeißfliege heranzuschmeißen und ihre Aufmerksamkeit kollegial auf sich zu lenken , jedoch ohne Erfolg . Die großen Blätter nahmen von der Existenz des dunklen Ehrenmannes nur unter der Rubrik Gerichtsverhandlungen Notiz , so oft die Kloake wegen Erpressung , Verleumdung und Ehrabschneiderei von der Schärfe des Gesetzes getroffen wurde , was in der letzten Zeit glücklicherweise nicht selten der Fall war . Wenn das in München grassierende Vereinsgründungsfieber fünf oder sechs Journalisten erfaßt und so kraftlos gemacht hatte , daß sie sich nur durch die Errichtung eines neuen Klubs oder Bezirksverbandes zur ferneren Ausübung ihres hehren Kulturberufes aufzuschwingen vermochten , da schlich der Meister Preßbandit und Kloaken-Chef jedesmal auf den weichsten Sohlen heran , um seine vortrefflichen Qualitäten in den Dienst der guten Sache zu stellen und seine interessante Persönlichkeit mit der kurzgeschorenen Schweinswolle auf dem Denkerhaupte , das mit dem Kopfe des geschätzten Rüsseltieres so erfreuliche Ähnlichkeiten hat , ritterlich anzubieten . Der Schuft braucht einen Putz , der seine Scheuseligkeit den Menschen erträglicher macht . Diesen Putz soll ihm das Herdengefühl , genannt Kollegialität , verschaffen . Er möchte auch am hellen Tage ausgehen und jemand haben , der auf der Straße seinen Gruß erwidert . Verstehen Sie dieses Bedürfnis ? Er möchte jemand haben , mit dem er öffentlich per wir sprechen kann . Das ist Notdurft und Luxus zugleich . Allein die Vereinsmannen hatten jedesmal trotz aller kollegialen Begeisterung , trotz aller Schwärmerei für den kameradschaftlichen Zusammenschluß aller Ritter von der Feder die Nüchternheit , den Herausgeber und Verleger des ruhmreichen Witzblattes von Isarathen an die Luft zu setzen . Selbst wenn bei einer Journalistenvereinssitzung , die so zahlreich besucht zu sein pflegt , daß der dritte Mann zum Skat durch einen Expreßboten geholt werden muß , der ehrenwerte Kloaken-Chef sich gastfreundschaftwerbend angemeldet hätte , würde man ihm die Thüre vor der Nase zugeschlagen haben . Und er hat eine so empfindliche , vielsagende Nase , wie aus schimmeliger Käsrinde geschnitten ! Eine Nase , die nicht nur riecht , sondern auch gerochen wird . Soll ich Ihnen ein Glas Kognak aufwarten ? ! Ich habe von einem Monsieur Paillard eine Probesendung da . Nein ? Also weiter . Dieses gewiß nicht schöne Verhalten der Kollegenschaft bereitet ihm manche kummervolle Stunde . Nicht die stärksten Flüche über die Schlechtigkeit der Menschen , nicht die dreifache Dosis Doppelkümmel nach dem sechsten Liter Metzgerbräu , nicht die zärtlichste Prügelsoiree , die ihm ab und zu seine holde Gattin bereitet - nichts , nichts , nichts vermag in solchen Stunden die gepreßte Seele des Edlen zu erleichtern . Ja , das Dasein wird diesem biedern Kloaken-Chef zuweilen recht sauer gemacht ... Haben wir Mitleid mit ihm , Mitleid auch mit der Kanaille ! Was meinen Sie , mein lieber Schlichting ? Hab ' ich Sie in Schlaf geredet ? « » Nein , Herr Doktor . Ist Ihr Appell an das Mitleid ernsthaft gemeint ? Ich bin geneigt zu glauben , daß diese Erzschufte in der That bemitleidenswert sind - um ihres inneren Elendes willen . Tat-twam asi ... « » Bezähmen Sie diese Neigung , sie führt Sie irre . Pfarrer und Moralphilosophen haben allerdings vom sogenannten inneren Elend der Bösewichte ein markerschütterndes Gemälde zusammenphantasiert , ein Gemälde im Schauderstil Wereschagins . Die gründlichere Beobachtung straft sie Lügen . Es ist nichts mit dem Seelenjammer dieser Jammerseelen . Diesen Spottgeburten aus Dreck und Fusel ist unendlich wohler , als den reinen Geistern . Ein Herz- und Nierenprüfer wie Shakespeare hat das eigenartige Glücksgefühl dieser Kreaturen scharf erkannt und an vielen Stellen überzeugend geschildert . Shakespeare , der genialste Analytiker menschlicher Verworfenheit und teuflischer Bosheit ! Das Schopenhauersche Mitleid wäre hier Gefühlsentartung . « » Wie steht es dann damit , daß alles Glück erst mit der Vernichtung der Leidenschaft , mit dem Schweigen des Willens , mit der Askese und Entsagung begründet werden soll ? « » Glück und Glück ist zweierlei . Das Glück der Entsagenden ist die Sehnsucht der Übermenschen , die über den darwinistischen Affensprößling hinaus sind . Das Glück der Untermenschen ist die Befriedigung ihrer ererbten Affentriebe , ihrer Geilheit , Gefräßigkeit , Nachahmungseitelkeit und ähnlicher untermenschlicher Widerlichkeiten . « Schlichting schüttelte den Kopf , zerstreut , mißmutig , abgespannt . Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem Genidzetabak . » Ja , das Glück der Bösen - das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus für sittlich ausgewaschene Ohren . Warum gedeihen denn die Bösen so üppig ? Warum entschlüpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Preßbandit viel eher den Quälereien und Quängeleien des Lebens , denen so viele brave Leute täglich unterliegen ? Warum können diese Revolvermänner so frech mit ihrer Waffe spielen ? Freilich , einmal verunglücken sie damit , aber sie haben doch unendlich lange sich des Erfolges ihres Räuberspiels erfreut . « » Weil das Publikum so feige ist , sich ihre Praktiken gefallen zu lassen . Das Publikum ist der Mitschuldige . Es läßt sich einschüchtern . Nicht bloß in Italien zahlt man den Räubern ein Lösegeld oder einen regelmäßigen Tribut , damit man vor ihren Überfällen verschont bleibt . « Schlichting fieberte . Er fühlte , wie ihm die Röte ins Gesicht stieg . » Nein , nicht bloß in Italien , sehr richtig . Dabei