vergönnt , daß sie erst das leidige Wort Genie kennenlernen , nachdem sie unbefangen und arglos bereits ein gesundes Stück Leben , Lernen , Schaffen und Gelingen hinter sich haben . Ja , es ist überhaupt die Frage , ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte Unterlage von bewußten Vorsätzen und allem Apparate der Geniesucht gehöre , und der Unterschied mag oft nur darin bestehen , daß das wirkliche Genie diesen Apparat nicht sehen läßt , sondern vorweg verbrennt , während das bloß vermeintliche ihn mit großem Aufwande hervorkehrt und wie ein verwitterndes Baugerüst stehen läßt am unfertigen Tempel . Den berückenden Trank schöpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen und blendenden Zauberbecher , sondern aus einer bescheidenen lieblichen Hirtenschale ; denn bei allen Redensarten war dies Geßnersche Wesen durchaus einfacher und unschuldiger Natur und führte mich für einmal nur mit etwas mehr Bewußtsein unter grüne Baumschatten und an stille Waldquellen . In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer , welcher in Berlin des jungen Geßner Gönner gewesen ; wie ich nun unter den Büchern einige Bände der » Theorie der schönen Künste « bemerkte , nahm ich sie als in mein neuentdecktes Gebiet gehörig in Beschlag . Dies Buch muß seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben , da man es fast in allen alten Bücherschränken findet und es auf allen Auktionen spukt und für wenig Geld erstanden werden kann . Gleich einer jungen Katz im Grasgarten fahr ich in der enzyklopädischen Einrichtung des längst obsolet gewordenen Buches herum , alles für bare Münze nehmend und hundert vorläufige und unverstandene Gesichtspunkte ergreifend , und als der Mittag herannahte , war mein Kopf von Gelehrsamkeit vollgepfropft ; ich fühlte beinahe selbst den gravitätischen Stolz in meinen gekräuselten Lippen und aufgespannten Augen und schleppte sämtliche Kunstliteratur in mein Zimmer hinüber zu der Mappe des Junker Felix . Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit , bei der Großmutter einen kurzen Besuch abzustatten , ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und silbernem Schlößchen , das sie für mich bestimmt hatte , einzustecken , und eilte wieder davon . Die Großmutter sah mir , so weit ihre schwachen Augen reichten , etwas wehmütig nach ; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit besonderer Liebe und Feierlichkeit einhändigen wollen . Aber ich schwand ihr eilig aus dem Gesichte , allein begierig , meine angefachte Kunsteinsicht an den Mann oder vielmehr an die Bäume zu bringen . Mit einer Mappe und Zubehör versehen , lief ich bereits unter den grünen Hallen des Bergwaldes hin , jeden Baum betrachtend , aber nirgends eigentlich einen Gegenstand sehend , weil der stolze Wald eng verschlungen , Arm in Arm stand und mir keinen seiner Söhne einzeln preisgab ; die Sträucher und Steine , die Kräuter und Blumen , die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den Schutz der Bäume und verbanden sich überall mit dem großen Ganzen , welches mir lächelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien . Endlich trat ein gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prächtigem Mantel und Krone herausfordernd vor die verschränkten Reihen , wie ein König aus alter Zeit , der den Feind zum Einzelkampfe aufruft . Dieser Recke war in jedem Aste und jeder Laubmasse so fest und klar , so lebens- und gottesfreudig , daß seine Sicherheit mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können wähnte . Schon saß ich vor ihm , und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weißen Papiere , indessen eine geraume Weile verging , eh ich mich zu dem ersten Strich entschließen konnte ; denn je mehr ich den Riesen an einer bestimmten Stelle genauer ansah , desto unnahbarer schien mir dieselbe , und mit jeder Minute verlor ich mehr meine Unbefangenheit Endlich wagte ich , von unten anfangend , einige Striche und suchte den schöngegliederten Fuß des mächtigen Stammes festzuhalten ; aber was ich machte , war leben- und bedeutungslos ; die Sonnenstrahlen spielten durch das Laub auf dem Stamme , beleuchteten die markigen Züge und ließen sie wieder verschwinden , bald lächelte ein grauer Silberfleck , bald eine saftige Moosstelle aus dem Helldunkel , bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes Zweiglein im Lichte , ein Reflex ließ auf der dunkelsten Schattenseite eine neue mit Flechten bezogene Linie entdecken , bis alles wieder verschwand und neuen Erscheinungen Raum gab , während der Baum in seiner Größe immer gleich ruhig dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flüstern vernehmen ließ . Aber hastig und blindlings zeichnete ich weiter , mich selbst betrügend , baute Lage auf Lage , mich ängstlich nur an die Partie haltend , welche ich gerade zeichnete , und gänzlich unfähig , sie in ein Verhältnis zum Ganzen zu bringen , abgesehen von der Formlosigkeit der einzelnen Striche . Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs ins Ungeheuerliche , besonders in die Breite , und als ich an die Krone kam , fand ich keinen Raum mehr für sie und mußte sie , breitgezogen und niedrig , wie die Stirne eines Lumpen , auf den unförmlichen Klumpen zwingen , daß der Rand des Bogens dicht am letzten Blatte stand , während der Fuß unten im Leeren taumelte . Wie ich aufsah und endlich das Ganze überflog , grinste ein lächerliches Zerrbild mich an , wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel ; die lebendige Buche aber strahlte noch einen Augenblick in noch größerer Majestät als vorher , wie um meine Ohnmacht zu verspotten ; dann trat die Abendsonne hinter den Berg , und mit ihr verschwand der Baum im Schatten seiner Brüder . Ich sah nichts mehr als eine grüne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien . Ich zerriß dasselbe , und so hochmütig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen , so kleinlaut und gedemütigt war ich nun . Ich fühlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem Tempel meiner jugendlichen Hoffnung ; der tröstende Inhalt des Lebens , den ich gefunden zu haben wähnte , entschwand meinem innern