der Hans vergessen , die Seel ' ist im Fegfeuer gelegen . Die Au ist zum Walde , der Wald ist zur Wildnis geworden ; die Wölfe heulen und kein Mensch ist weit und breit ; an den Hängen des Gebirges wogen Sommerlüfte und Winterstürme , und mit jeder Minute ein Körnlein Sand ; und mit jedem Jahrhundert eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten . Und die arme Seele liegt im Feuer . Wieder kommen Menschen in die Einöden und die Hochwälder fallen , und Hütten und Häuser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet - die Seele aus alten , längst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist verlassen und vergessen . Aber ein Tag geht auf im Jahre , solch ' vergessenen Seelen zum Troste . Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen Blut in seinem Herzen ist gewesen , da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt : » Mein lieber Sohn , die Menschheit ist erlöst ; wem willst du den letzten Tropfen deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen ? « - Da hat Christus der Herr geantwortet : » Meiner lieben Mutter , die am Kreuze steht ; auf daß ihre Schmerzen sollen gelindert sein . « - » O nein , mein Kind Jesus , « hat darauf die Mutter Maria geantwortet , » wenn du den bitteren Tod willst leiden für die Menschenseelen , so mag ich die Mutterpein auch noch ertragen , ist sie gleichwohl so groß , daß sie nicht das Meer kann löschen , und wär ' die ganze Erden ein Grab , sie nicht kunnt begraben . Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen im Fegfeuer , auf daß sie einen Tag haben im Jahr , an dem sie von dem Feuer befreit sind . « Und so sei - nach der Sage Deutung - Allerseelentag entstanden . An diesem Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit und stehen im Vorhofe des Himmels , bis der letzte Stundenschlag des Tages sie wieder in die Flammen ruft . Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen , und manche gute Tat wird geübt auf die Meinung , den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu lindern . Über den einsamen Gräbern aber brauen die Spätherbstnebel , und junger Schnee verbirgt des Hügels letzten Rest , und darauf haben etwa die Klauen eines Hähers ein Kettchen gezogen - als einziges Zeichen des Lebens , das hier oben noch waltet - des unauflöslichen Bandes Deutung : um Leben und Tod ist eine ewige Kette gewunden . Heute muß ich oft an den Lucas denken . Ein Brenner , der in den Lautergräben begraben liegt . Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock gestohlen worden , unweit von der Lucas-Hütte haben sie hernach vom Tiere Haut und Eingeweide gefunden . Da ist ' s offenbar : der Lucas ist der Dieb . Und wie im Walde schon überall die Lässigkeit herrscht , so klagen sie den Brenner nicht an und so kann er sich nicht rechtfertigen . Gleichwohl hat er gemerkt , wie er bei den Leuten im Arg steht . Und einmal hat er ausgerufen : » Hättet ihr mir meine Hände abgehauen , hättet ihr mir das Augenlicht genommen , ich wollte zufrieden sein . Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen - - jetzt ist ' s vorbei . « Die Leute haben gesagt : » Mag er sich winden und wenden wie er will , den Ziegenbock hat er doch gestohlen . Ist der Lucas darüber närrisch geworden . » Diebe muß man hängen , « soll er gesagt haben - und hat man ihn nachher an dem Aste einer Föhre gefunden . Von jeher haben sich Selbstmörder ihren Grabplatz selber gewählt ; so haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Föhre verscharrt . Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet , daß ein arbeitsloser Holzmann auf dem Totenbett das Geständnis abgelegt , er wäre es , der dem Luzer den Bock davongetrieben hatte . - Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die Lautergräben gehen . - Dann gibt es in den Winkelwäldern noch ein Grab , das die Leute wissen und verachten . Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedächtnisses nicht einsam gewesen . Das Töchterlein des schwarzen Mathes hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt gefunden . » Mir geht es wohl . Ich denke an meine Mutter , an meine Schwester und an meinen Vater . Lazarus . « Das ist die Botschaft . Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben seit vielen Tagen . Die Schriftzüge sind dieselben , wie auf dem ersten Blatte . Keine Menschenspur geht außer der des Mädchens zum Grabe hin , keine davon . Pfade von Füchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den winterlichen Wald . Am Katharinentag 1817 . Es ist ein Brief geschrieben worden , daß der Knabe um Gottes und der Mutter willen zurückkehren möge in die Hütte . Der Brief ist gut verwahrt über dem Grabe an dem Kreuzlein befestigt worden . Bis zum heutigen Tage ist er noch dort , niemand hat ihn erbrochen . Weihnacht 1817 . Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklängen , nach in Wehmut erlösenden Orgeltönen . Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder auf der Zither . Meine Zither hat nur drei Saiten ; eine vollkommenere habe ich mir nicht zu schaffen gewußt . Die drei Saiten sind mir genug ; die eine ist meine Mutter , die andere mein Weib , die dritte mein Kind . Stets in seiner Familie begeht man die Weihnacht . Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur nächtlichen Feier . Es ist auch gar zu weit . Die übrigen bleiben in ihren Hütten ; aber schlafen wollen sie doch nicht . Sie