die Schultern geschlagen , trug den kleinen schreienden Bösewicht so kunstgerecht wie die gewiegteste Kindermuhme und sang ihm in sichtlicher Todesangst alle bekannten Kinderlieder vor . Auf dem Rasenfleck hinter dem Hause spielte ein kleines Mädchen von vielleicht vier Jahren . Es hatte ein weißes Kleidchen an , und lange , flachsgelbe Locken fielen über den Rücken bis fast auf den Gürtel herab . Die Kleine hatte sich glückselig , mit ganzer Seele in ihr Spiel vertieft . Sie raufte mit beiden Händchen Grashalme aus und lud sie auf ein Korbwägelchen . Eine Zeitlang ließ sie sich in ihrem Eifer durch das Kindergeschrei nicht stören ; aber endlich ging sie in den Vordergarten , pflückte eine halbverwelkte Levkoje ab und reichte sie dem ungezogenen Brüderchen hinauf . » Du sollst ja keine Blumen abreißen , Gretchen - Papa hat ' s verboten ! « rief eine Männerstimme vom Balkon hinab . Die südliche Ecke des Balkons war so üppig von wildem Wein umsponnen , daß nicht ein Sonnenstrahl in die Laube und auf den gedeckten Eßtisch inmitten derselben fallen konnte . Der junge Helldorf , der im Kontor des Herrn Claudius arbeitete , bog sich unter dem Weinlaub hervor ; ich hatte ihn bis dahin nicht bemerkt . Er hielt ein Buch in der Hand , und wenn er auch die Mahnung im strafenden Tone hinabrief , so flog doch beim Anblick des auf den Zehen stehenden Geschöpfchens ein zärtliches Lächeln um seinen Mund . Da kam über die Brücke her ein Herr , der eine Dame am Arme führte . Sie blieben einen Augenblick aufhorchend stehen ; dann entschlüpfte die Dame ihrem Begleiter und lief voraus , auf das ungeduldige Kind zu . Sie war jedenfalls in der Kirche gewesen , denn sie legte eilig ein Gesangbuch auf den nächsten Gartentisch und reichte nach dem Knaben , der bei dem Klang ihrer Stimme sofort verstummt war und nun lallend mit Händen und Füßen ihr entgegenstrampelte - in überströmender Mutterzärtlichkeit bedeckte sie das kleine dicke Kerlchen mit Küssen . Dann schlang sie den linken Arm um das Töchterchen und zog es an sich . Sie war sehr zart , die kleine Frau , man hätte meinen können , der feine Arm zerbräche unter dem dicken Jungen . Sie nahm den Strohhut ab , an dessen blauen Bändern das Kind mit täppischen Händchen zerrte , und ich sah ein wunderfeines , lilienweißes Gesichtchen unter einer Fülle so hellblonder Haare , wie sie über Gretchens Rücken hinab hingen . Mittlerweile war auch der im Stich gelassene Herr Gemahl nachgekommen und in den Garten eingetreten . Er sah dem jungen Helldorf sehr ähnlich , die schönen Männer waren offenbar Brüder . Mit beiden Armen nahm er sein Töchterchen und warf es in die Luft ; das weiße Kleid blähte sich wie ein Sommerwölkchen ; die goldenen Locken wogten und flatterten im Luftzug , und das Kind jauchzte zum Balkon hinauf : » Onkel Max , siehst du mich ? « Ich war wie berauscht : ich hatte zum erstenmal das reinste Familienglück vor Augen . Herzinniges Behagen an dem schönen Bild und eine tiefe Sehnsucht , für die ich keinen Namen wußte , mischten sich mit Wehmut in meiner Seele . Mich hatte nie eine Mutter leidenschaftlich an ihr Herz gedrückt ; ich hatte nie erfahren , wie das glückliche Bübchen dort , daß ein einziger Laut von zärtlichen Mutterlippen alles vermeintliche Leid sofort zu stillen vermag . Aber ich hatte auch mit heimlicher Lust gesehen , wie die junge Frau ihre Kinder herzte - die Beneidenswerte ! Wie süß mußte es sein , wenn solch ein Kinderärmchen sich verlangend ausstreckte und alles Heil , alle Beruhigung ausschließlich von der Mutter erwartete ! Gretchen ging wieder zu ihrem Heuwagen und setzte plaudernd ihr Spiel fort , während die anderen in das Haus traten . Leise glitt ich von der Ulme herab und schritt suchend die Mauer entlang ; und da stand ich richtig vor einer Thür , die ins Freie führte . Es steckte sogar ein Schlüssel im Schloß ; er war freilich mit einer dicken Rostschicht überzogen und wurde augenscheinlich nie berührt . Aber mein Verlangen , das kleine Mädchen zu sprechen , machte mich kräftig und gewandt ; nach langer Anstrengung wankte der Schlüssel unter meinen Händen , er fuhr herum und die Thür that sich kreischend auf . 16 Ich lief über den Fahrweg und trat an das Staket . Gretchen sah mich mit großen Augen an ; sie verließ schleunigst ihr Wägelchen und kam auf mich zu . » Hast du aufgemacht ? « fragte sie mich und deutete nach der offenen Thür hinter mir . » Darfst du denn das , du Kleine ? « Ich bejahte lachend . » Aber höre , dein Garten ist nicht hübsch , « sagte sie , das Näschen verächtlich emporziehend - sie nickte nach dem grünen Düster hin , das sich hinter der Thür aufthat . » Hast ja nicht eine einzige Blume drin ! ... Da guck mal unseren an - Herr Schäfer hat viele , viele - ach , wohl hunderttausend Blumen ! « » Ja , aber du darfst keine abreißen . « » Nein , abreißen nicht , « versetzte sie niedergeschlagen und steckte den kleinen , spitzen Zeigefinger in den Mund . » Aber ich weiß viele blaue Glockenblumen und niedliche weiße - die darfst du nehmen , und Erdbeeren kannst du pflücken , deinen ganzen großen Heuwagen voll ! « Sie zog sofort den Wagen hinter sich her , kam herüber zu mir und legte ihre Hand vertrauensvoll in die meine ; wie ein Vögelchen so weich und warm schmiegte sie sich zwischen meine Finger . Ich war glücklich über meine neue Bekanntschaft ; es fiel mir nicht ein , die eigenmächtig geöffnete Thür wieder zu schließen , sie blieb weit offen hinter uns , während wir in das Gebüsch eindrangen . Da gab es freilich Erdbeeren und Glockenblumen , als hätten sie droben die