nicht zurück . Am Nachmittag saßen wir im Familienzimmer um den Kaffeetisch , auf welchem ein Festkuchen , umgeben von einem bunten Asternkranze , prangte . Achtzehn Jahreslichtchen , und in der Mitte das dicke Lebenslicht , sollten rasch angezündet werden , sobald es Ehren-Purzel , der an der Treppe aufgestellt war , gelungen , das Geburtstagskind abzufangen . Ich hatte das Mißliche dieser alljährlichen kleinen Festlichkeit heuer wohl empfunden , wußte aber keinen Vorwand , den guten Willen der Eltern zu verhindern . Wir warteten vergebens . Dorothee kam nicht . Auch hatte die Frankfurter Post keinen Brief des bisher wenigstens zweimal im Jahre regelfesten Bräutigams gebracht . Papa schimpfte recht lästerlich auf seinen rücksichtslosen Mosjö Per-sé . Es dämmerte bereits , als ein Stafettensignal sich von Westen her vernehmen ließ : Bei jedem Klange aus dieser Richtung sammelten sich Offiziere wie Bürger vor dem Posthause , um irgendeine wahre oder unwahre Nachricht zu erhaschen , welche die Kuriere auf den Stationen ausstreuten . Der Vater eilte hinaus , und auch uns Frauen ließ es keine Ruhe , wir traten unter die Haustür , seine Rückkehr erwartend . Die Stafette sprengte auf der Leipziger Straße weiter . Der Vater kam zurück . » Ein Zusammenstoß soll stattgesunden haben , « rief er uns kopfschüttelnd entgegen ; » unfern von St. Menehould ein unerhörtes Kanonenfeuer vernommen worden sein . Wer aber obtinierte ? - und ob wirklich beim Abgange der Post am anderen Tage die Armeen sich in unverrückter Stellung gegenübergestanden ? Reime sichs , wer kann - ich - « Er bemerkte bei diesen Worten Dorothee , welche sich leise von der Gartenseite herbeigeschlichen hatte und in atemloser Spannung seiner Rede lauschte . Lachend reichte er ihr einen Brief , welchen er dem Kurier abgenommen hatte : » Ein Tausendsassa , liebe Dorl , wie er die Gelegenheiten wahrzunehmen weiß ! « Dorothee riß den Brief an sich und floh die Treppe hinan . Der Vater hielt noch einen zweiten Brief in der Hand . » Vom Adjutanten , « sagte er , nachdem wir in das Wohnzimmer getreten waren . » Er wird uns , denk ich , das Rätsel lösen . « Ich zündete in der Hast das Lebenslicht auf dem Geburtstagskuchen an , meine Finger zuckten vor Ungeduld , bis der Vater methodisch den Brief entsiegelt hatte . Kaum aber , daß er die Augen hineingeworfen , sah ich ihn auf dem Stuhle zurücksinken , das Blatt seiner Hand entfallen . » Tot , tot ! « stöhnte er , wie vernichtet . » Wer ist tot ? « kreischte die Mutter . Sie hob das Blatt vom Boden auf . Ein Blick auf das erste Wort ; ein zweiter der tiefsten Angst zu mir herüber . Ich lag nicht in Ohnmacht oder Krämpfen ; ich stand steif wie eine Kerze . Sie legte es beruhigt in meine Hand . Es war flüchtig mit Bleistift geschrieben und datierte vom 21. September . » Unser herrlicher Prinz ist tot ! Das Opfer eines Kampfes , für den ich keine Bezeichnung habe . Mitten in der Nacht waren wir aufgebrochen . Der Weg war heillos , aber die Kundschaft , daß der König gestern den Vormarsch und den Angriff der feindlichen Armee befohlen habe , gab dem Prinzen Flügel . Wir hetzten unsere wechselnden Pferde fast zu Tode . Um sieben Uhr hörten wir den ersten Kanonenschlag . Die Gegend lag im dicksten Nebel . Das Feuer wuchs von Minute zu Minute . Der Boden dröhnte . Der Prinz glühte buchstäblich im Fieber : die Schlacht , die heißersehnte Schlacht ! Alle rückstehenden Truppenteile , die wir passierten , zeigten die zuversichtlichste Stimmung , ja ausgelassene Heiterkeit . Unser Regiment stand bei der Avantgarde , mit welcher Hohenlohe den Angriff erhoben hatte . Wir jagten vorwärts . Mittag war vorüber ; der Nebel hatte sich gesenkt . Jetzt erkannten wir die feindliche Aufstellung auf den Höhen von Valmy . Eine günstige Position ; der Feind uns um ein Dritteil überlegen . Aber welch ein Feind ! Bodenlos soll die Verwirrung gewesen sein , als Hohenlohe den linken Flügel , das heißt Kellermann , angriff , und Dumouriez auf dem rechten zu fern war , um ihm beizuspringen . Der Sieg schien mit Händen zu greifen , und - wir setzten die Attacke aus ! Wir schossen hinüber , der Feind herüber , ohne begreifbaren Zweck und Erfolg . Vierzigtausend Kanonenschläge sollen in diesem Feuerwerk verpufft worden sein . Der Prinz schäumte vor Wut , als er jenseits der Straße von Menehould seinem Regiment auf dem Rückzug begegnete . Fluch und Verwünschungen jagten sich auf seinen Lippen , Purpurröte und Totenblässe auf seinem Gesicht . Laut und öffentlich sprach er aus , daß Hohenlohe dem unseligen Rückzugsbefehle trotzen müsse , sprengte tollkühn die Anhöhe hinab und jenseits wieder hinauf bis zu der Stellung , welche die Vortruppen am Morgen innegehabt hatten . Er glaubte einen Angriff von dieser Seite noch jetzt mit Sicherheit ausführbar . Er kann nichts anderes gedacht haben als eine Rekognoszierung bei dem verwegenen Ritt . Die Kugeln sausten um seinen Kopf . Ich sprengte ihm nach , dem tödlichen Beginnen Einhalt zu tun . Mehrere Offiziere des Regiments folgten mir . Dicht ihm an den Hacken , sahen wir ihn taumeln , vom Pferde sinken . Noch fing ich ihn in meinen Armen auf . Unter einem Kugelhagel trugen wir ihn nach dem Vorwerk la Lune , dem Standquartier unseres hohen Chefs . Er war ins Herz getroffen und in wenigen Minuten eine - Leiche . Und dieses herrliche Opfer sühnt kein Sieg , sühnt nicht einmal das Bewußtsein der genügten Ehre . Der Feind steht uns heute wie gestern hoch gegenüber . Wir greifen auch heute nicht an , und selber die Geschütze schweigen . Man munkelt von Unterhandlungen , von Rückzug . Mir ist nichts unglaublich nach dem gestrigen Puff . Kann aber , wird ein König von Preußen sich dieser Schmach unterwerfen