auf einen so gegründeten Vorwurf war Hansen in seiner jetzigen Stimmung gerade , was er noch brauchte , um rasch aufzustehen und vom vollen zweiten Glase wegzugehen . Wenn er auf der steinernen Stiege vor dem Hause nur ein bißchen stillgestanden , so hätte er hören müssen , wie scharf die Wirtin dem Krämer auseinandersetzte , daß sie ihr Geschäft eigentlich nur aus Liebhaberei betreibe . » Wär ' ich nur wegen dem lieben Profitchen da « , sagte sie , » und wär ' mir das , wie dir , das Gewissen und alles , dann müßt ' ich ja jedem schmeicheln und streicheln , wenn ich ihm auch viel lieber mit Feuer in den Pelz fahren tät ' . Ich ehre aber und achte mein Geschäft , drum soll es auch mich ehren und nicht etwa meine beste Tugend , meine Offenheit , von mir zum Opfer fordern . Wenn du nun noch nicht merkst , wie unberechnet ich bin und wie gleichgültig gegen den Gewinn , den mir gewisse Leute bringen , so sollst du das noch heut , noch diese Stunde von mir erfahren . « Der Krämer schien aber schon genug zu haben . Er saß so demütig und still bei seinem Glase , daß die Wirtin ihre Heftigkeit beinahe bereute und etwas unwillig über sich selbst die Stube verließ . Sie glaubte , dem Manne denn doch gar zu rauh gekommen zu sein , weil es ihr nicht einfiel , daß ihre Auseinandersetzung es weit weniger sei als Hansens schnelles und ganz unerwartetes Fortgehen , was ihm jetzt sichtlich Kopfarbeit machte . Hans würde jetzt weit weniger bald schwach und mitleidig geworden sein als die Wirtin . Ja zum Lachen hätte ihn der Anblick des sonst so großen Mannes bringen können , der stumm dasaß , mit den mageren Fingern einen langsamen Marsch trommelte und den Takt dazu ächzte . Aber Hans sah und hörte jetzt in dieser Gegend nichts mehr . Heim lief er , als ob ihm der Kopf brenne , und die schwere Haustür schlug er hinter sich zu , wie wenn zu weltewigen Zeiten ihm kein Mensch mehr nachkommen sollte . Die Stube fand er brütig heiß , die Pfeife wollte nicht ziehen , und der Kaffee war so schlecht , daß er Dorotheen ernstlich darum tadeln wollte . Doch da sagte ihm die Mutter , er sollte wissen , daß die sogar am Werktag in jeder freien Minute beim Jos drunten stecke , geschweige denn am Sonntag , wo Krankenbesuch sogar vom Pfarrer als gutes Werk empfohlen sei . Ja , ja , das war richtig ! Hans empfand etwas wie Eifersucht . Aber das ihn quälende Gefühl war doch ganz ein anderes , als da er die Angelika zuerst mit dem leichtsinnigen Andreas vertraulich tun sah . Damals fuhr ein rechter Ärger über die böse Welt in ihn , jetzt aber war ' s ihm , als ob der Boden unter seinen Füßen weiche . Er vermochte sich nicht mehr auf der Höhe zu behaupten , die die Mutter ihm damals mit Erfolg als seinen Platz anwies . Wie vernichtet stand er da und sann eine Weile . Dann verließ er das Haus , und als ob es an eine Feuersbrunst ginge , eilte er der Wohnung der armen Stickerin und ihres kranken Sohnes zu . Auf der hinteren Bank , hart neben dem wohlgepflegten , lieblich duftenden Rosmarinstock , war dem Jos das Bett gemacht worden , so sauber und nett , daß es mit dem Rosmarin zu seinen Füßen und dem Glase voll hochstengeliger Feld- und Gartenblumen beinahe einem Altar der Mutterliebe glich . Dem Eintretenden war ' s wirklich nicht anders , als ob er in die Kirche komme zum Beichten . Jetzt erst begann er sich vorzustellen , was alles diese guten Leute leiden müßten . Er verstand auf einmal , was es bedeute , daß die Mutter auch das Kreuz aus dem Tischwinkel genommen und ob dem Leidenden zwischen zwei Heiligenbildern aufgehängt hatte . Die Arme wollte ihn mit allem umgeben , was je sie getröstet oder auf andere Gedanken gebracht hatte . Konnte das etwas nützen , wie schön es auch war ? Oh , gewiß nicht viel ! Hans wenigstens gestand sich , daß ihm schon die wohlgepflegten Pflanzen zuwider sein würden , wenn sie ihn immer ans Freie erinnerten , während er keinen Augenblick aus dem Schatten könnte . So da liegen und in den schönen Sommertagen sich nicht regen und nicht bewegen dürfen , leiden wie ein angebundenes Tier , dabei auf Gnad ' und Ungnade sich dem Doktor mit seinen scharfen Messern und Binden und dem Schicksal überlassen wie die Katze im Sack , schon das - und es wollte Hansen noch immer mehr einfallen - war so ganz gegen seine Natur , quälte ihn schon als Vorstellung so , daß er augenblicklich kein Wort der Anrede finden konnte . Er hatte eine so peinliche Empfindung wie früher in der Schule , wenn unvermutet ein Knabe mit eisernem Nagel über eine Schiefertafel fuhr . » Guten Abend « , brachte er endlich mit Mühe hervor und war nicht wenig erstaunt , daß Jos so freundlich , ja gerade heiter zu antworten und seinen Gruß zu erwidern vermochte . Etwas erklärlicher allerdings wäre ihm das geworden , wenn er sich gleich anfangs weit genug in das Stübchen hineingewagt hätte , um auch Dorotheen erblicken zu können , die schweigend im hinteren Ofenwinkel gerade dem Jos gegenübersaß . Doch wenn er auch die gesehen , wenn er sich in der Aufregung noch an die Worte seiner Mutter erinnert hätte , alles , was in diesen Menschen vorging , wäre ihm doch noch nicht begreiflich geworden . Wo so ein verwöhnter Hans nichts mehr vermutet und nichts mehr sucht , da finden arme Leutlein das Beste , denn gerade da offenbart sich recht der Schatz der heiligen , reinen , selbstlosen Mutterliebe , welcher in dem Grade wächst , wie das