, sich gut anzuziehen . Ich sage Ihnen , Friederike , wir haben in Bonn Schränke voll Kleider , daß man sich nicht satt sehen kann , und was die Mode bringt , das wird mitgemacht . Weil aber der Herr Brummbär immer salbungsvoll von der Einfachheit predigt , da läßt sich meine Gnädige nie in einem eleganten Anzug vor ihm sehen - Mull , nichts als Mull ! ... Wenn er nur wüßte , wie teuer die weißen Fähnchen kommen ! ... Er wollte ja auch durchaus , die arme Frau sollte übermorgen zu Hause bleiben , Aennchens wegen ; aber da kam die andere Reisegesellschaft und hat vorgebeten - was konnte er da machen ? ... Dies blaue Kleid wird ihr hübsch anstehen zur Reise , meinen Sie nicht , Friederike ? « Die Enthüllungen der leichtsinnigen Kammerjungfer machten auf Felicitas einen peinlichen Eindruck . Sie glitt vom Simse herab , um noch einmal in die Gesindestube zurückzukehren ; vielleicht verhinderte ihre Anwesenheit weitere Mitteilungen über Verhältnisse , die doch sicher nicht zu fremden Ohren dringen sollten . Ohne eigentliches Ziel streifte ihr Auge noch einmal das ihr gegenüberliegende Seitengebäude - sie stutzte . Die Astrallampe im Vorsaal des zweiten Stockes warf ihren Schein auch in den langen Korridor , der nach Tante Cordulas Wohnung führte . Die ersten zwei Fenster waren ziemlich hell erleuchtet , man konnte die schlechtgetünchte Hinterwand sehen , aus welcher die alten Balken braun heraustraten . An dieser Wand hin glitt eine Gestalt , aber nicht als durchsichtiger , spukhafter Schatten - Er war ' s , den die Kammerjungfer so häßlich nannte . Felicitas sah deutlich die kräftigen Linien seines Kopfes , die starken Wellen des mächtigen Bartes , den hünenhaften Oberkörper , der in seinen Formen , seinen Bewegungen freilich jeden Begriff von Eleganz ausschloß . Er durchschritt , mechanisch und unablässig mit der Hand über den Bart gleitend , die ganze Länge des Korridors bis an das letzte Fenster , das an den Vorplatz mit der gemalten Thür stieß , und hinter welchem der sehr entfernte Lampenschein nur noch matt und unheimlich aufdämmerte ; dann kehrte er zurück . Er machte ohne Zweifel seine nächtliche Promenade , und weil unter seinem Zimmer die Regierungsrätin und das Kind schliefen , so durchwandelte er ungehört den einsamen , abgelegenen Gang ... Was trieb ihn wohl so rastlos auf und ab ? Grübelte er über einem medizinischen Problem , oder umflatterte ihn das Bild der Entfernten , um deren willen er einen » einsamen Lebensweg « gehen mußte ? Sinnend schloß Felicitas das Fenster und zog die alten , verblichenen , grünwollenen Vorhänge dicht zusammen , welche seit Menschengedenken die Träume der Köchinnen im alten Kaufmannshause behüteten . 18 Draußen im Garten , auf dem großen Wiesenflecke , den die Nußbäume beschatteten , war vor wenigen Tagen das Gras gemäht worden . Ein herzerquickender , kräftiger Duft entstieg dem Heuhaufen , auf deren einem Aennchen behaglich die armen kleinen Glieder ausstreckte . Felicitas lehnte am Stamme des größten der Nußbäume ; er war immer ihr Liebling gewesen . Da droben hatten einst ihre leichten Kinderfüße gestanden , und nicht allein das Rasenstück unten , sondern die ganze weite , himmlische Welt war ihr blumenbestreut erschienen . Ihr Auge glitt an dem Riesenstamm empor bis in das dunkle Herz , von wo aus das gewaltige Geäst sich weit und verwegen in die Lüfte hinausreckte . Da drin , hinter der rauhen Rinde , pulsierte auch Leben ; es stieg hinauf und flutete bis in das zarte Geäder der Blätter , die wie Fühlfäden hinaustrieben in die Welt und dem alten Stamm wohl schwer zu schaffen machten - sie zitterten in jedem Lufthauch , brausten jäh auf , wenn der rauhe Wind über sie hinstrich , und sanken schlaff nieder unter dem sengenden Strahl der Sonne ; aber mochte es droben auch zittern , seufzen und rauschen , der Stamm stand unbewegt - und das Menschenkind ? Wie leicht brach es zusammen , wenn der Sturm des Schicksals über sein Empfinden hinbrauste ! Dieser ernste Gedanke - so oft er sich auch bewahrheitet - hinter der weißen Mädchenstirn , die sich leuchtend abhob von der dunklen Baumrinde , war er wohl nicht ganz gerechtfertigt . Gerade dies junge Geschöpf , so eigenartig , so zart und tief in seinen Empfindungen angelegt , hatte Stürmen getrotzt , die tausend andere seines Geschlechts in den Staub niedergeworfen haben würden . Vielleicht entsprang jene trübe Reflexion der unbewußten Furcht , der plötzlichen Ahnung einer unbekannten Gefahr , unter welcher der gestählte Wille des jungen Mädchens doch dereinst zusammenbrechen konnte . Wie wenig vermögen wir selbst , die Vorgänge in unserem Seelenleben zu begreifen - wir fassen sie so verkehrt und ungeschickt auf , wie es einem fremden , unparteiischen Blick gar nicht einmal möglich sein würde , und erst wenn hereinbrechende Katastrophen vorüber sind , erkennen wir , daß wir ihr Eintreten vorher gefühlt und gewußt haben . Seit der Abreise des Professors und der Regierungsrätin waren bereits zwei Tage verstrichen . Der erstere war mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung in den Reisewagen gestiegen , als schüttle er eine schwere Last ab , die er gern und freudig der guten kleinen Stadt X. hinterlasse . In der Hausflur hatte er Rosa , Heinrich und der alten Köchin abschiednehmend die Hand gereicht , an Felicitas aber war er , die Hutkrempe leicht berührend , vorübergeschritten , fremd und so ruhig , als habe dieser Mädchenmund nie ein herbes Wort zu ihm gesprochen , als kenne er die Augen nicht , die ihn so oft durch ihren trotzigen Ausdruck geärgert hatten . Nun , das war ja recht und vernünftig , meinte Felicitas mit zusammengepreßten Lippen , nun war er doch , wie er sein sollte ... Ihm gegenüber hatte die junge Witwe Platz genommen . Sie war wie eine Fee inmitten bläulicher Wolken an den Abschiednehmenden vorübergeschwebt , und unter dem italienischen Strohhütchen hatte das Gesicht so hoffnungsvoll