wieder bekommen habe , tief in Schulden gerathen sei ; daß er gehofft habe , sich durch verdoppelten Fleiß in den nächsten Jahren wieder heraufzuarbeiten , eine Hoffnung , die wie er jetzt nur zu schmerzlich fühle , nicht in Erfüllung gehen werde . Der Geheimrath machte hier eine Pause , sei es , weil er für den Moment zu erschöpft war , sei es , weil er von Franz eine Antwort erwartete . Als der junge Mann aber mit niedergeschlagenen Augen in seinem Schweigen verharrte , fuhr der Kranke nach dieser Pause mit leiserer und erregterer Stimme fort : Verzeihen Sie , lieber Franz , daß ich in einem vielleicht sträflichen , aber sehr erklärlichen Egoismus so lange mit dieser Enthüllung Ihnen gegenüber gezögert habe . Es ist eine schreckliche Aufgabe , Menschen betrüben zu müssen , die man lieb hat ; Menschen ärmer machen zu müssen , die man mit allen Gütern dieser Erde überschütten möchte . Er schwieg und versuchte seine Hände aus den Händen des jungen Mannes zu ziehen , gleichsam als habe die Entdeckung , die er so eben gemacht , die vertraute Freundschaft gestört und aufgehoben . Aber Franz rückte nur näher an den Kranken und sagte , ihm mit seinen klaren , treuen , klugen Augen tief in die Augen sehend : Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen , Papa ; nun lassen Sie mich dasselbe thun . - Wenn Jemand einem Freunde , den er liebt , einen unermeßlichen kostbaren Schatz schenkt , einen Schatz , an dem das Herz des Freundes so hängt , daß er ohne denselben nicht mehr leben könnte und möchte und der Geber spräche nun zum Freunde : Lieber , während ich diesen Schatz hütete , habe ich , wie du dir denken kannst , auf die Leitung und Regelung meiner übrigen Angelegenheit nicht die nöthige Sorgfalt verwenden können . Es sind da einige Gläubiger , die bezahlt sein wollen und bezahlt werden müssen . Willst du nicht diese Sache übernehmen ? Du bist jünger und rüstiger , und du hast keinen Widerwillen gegen Geschäfte - wenn , sage ich , der Geber also zu dem so reich Beschenkten spräche , und dieser wollte antworten : den Schatz , der mich in alle Zukunft so unermeßlich reich macht , nehme ich freilich , aber was deine übrigen Angelegenheiten betrifft , so siehe zu , wie du fertig wirst ; ich will nichts damit zu schaffen haben ; - würde man ihn , der so antwortete , nicht mit Recht für ein Ungeheuer von Herzlosigkeit , für ein Scheusal von Undankbarkeit halten ? Genau so aber liegt die Sache zwischen uns . Der großmüthige Geber sind Sie , der so überreich Beschenkte bin ich , der unermeßlich kostbare Schatz ist meine , unsere Sophie . Zwischen uns kann nicht mehr von Mein und Dein die Rede sein ; was ich besitze , gehört Ihnen , der Sie mir in der dreifach ehrwürdigen Gestalt des Freundes , des Lehrers , des Vaters erscheinen . Was ich aber besitze , sind zehn- bis elftausend Thaler , die ich von einer Tante , die ich nie gesehen habe , erbte , und die Ihnen jeder Zeit zur Verfügung stehen . Ich weiß , daß diese Summe nicht genügt , Sie von den eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien . Aber eine Erleichterung , eine Hülfe wird sie Ihnen immer sein , und ich bitte , ja ich beschwöre Sie , von dieser Hülfe den ausgedehntesten Gebrauch zu machen . - Nein , Papa , schütteln Sie nicht den Kopf ! Es hilft Ihnen nichts . Sie sind Sophie , mir und sich selbst die Erfüllung meiner Bitte schuldig . Und dann : ich will Sie nicht um eine Gefälligkeit bitten , ohne auf eine äquivalente Gegenleistung zu dringen . Wir haben den Termin unserer Hochzeit immer noch nicht festgesetzt . Wir scheuten uns , mit der Sprache herauszurücken , weil wir Ihren Widerspruch , zum mindesten Ihre mit Widerstreben gegebene Einwilligung fürchteten . Jetzt bin ich kühn geworden und bitte nicht um Flandern , noch Gedankenfreiheit , König Philipp , sondern um die Erlaubniß , Deine Infantin , Donna Sophia , heute über vier Wochen als mein ehelich Gemahl heimführen zu dürfen . Sieh ! da ist sie selbst ! - Kniee nieder , Mädchen , und danke Deinem Herrn und Vater für seine Güte . Er willigt in unsere Vermählung heute über vier Wochen . Sophie , die bei Franz ' letzten Worten in das Zimmer getreten war , eilte auf den Vater zu : Gutes , liebes Väterchen ! herzallerliebstes Väterchen ! rief sie , den Geheimrath umarmend und ihn zärtlich auf Stirn und Lippen küssend . Der Geheimrath war in einer unbeschreiblichen Erregung . Seine zitternden Lippen versuchten umsonst ein Wort hervorzubringen ; seine thränenüberströmten Augen wandten sich bald auf die vor ihm knieende Tochter , bald auf den edlen Mann , der über ihn gebeugt dastand und seinen Arm vertraulich um seinen Nacken geschlungen hatte . Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermocht nicht das Chaos der auf ihn einstürmenden Gedanken zu bewältigen , aber in seinem Herzen sagte vernehmlich eine Stimme , daß er nun ruhig sterben könne . Franz , der nicht ohne Grund fürchtete , daß die heftige Gemüthserschütterung eine Verschlimmerung in dem Zustande des Kranken herbeiführen könne , beeilte sich , dieser Scene eine Ende zu machen . Er klingelte und hieß den eintretenden Bedienten , ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen . Der Geheimrath ließ Alles ohne Widerrede mit sich geschehen . Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an die Thür des nächsten Gemachs , die schon von Sophie geöffnet war , hoben ihn über die Schwelle und schlossen die Thür hinter sich , während Sophie allein in dem Wohnzimmer zurückblieb . Nach einigen Minuten kam Franz zurück . Er war bewegt , wie Sophie ihn kaum gesehen hatte ; aber sie sah auch zugleich , daß diese Bewegung keine schmerzliche