. Na , beruhige dich , Bursche ; ich wußte , daß es so kommen würde ; man soll den Menschen nicht auf alles mit der Nase stoßen , es schadet gar nichts , wenn er sie sich selbst von Zeit zu Zeit an einer Ecke blutig rennt . « So wurde der Knabe aus dem Walde zwischen der Weisheit , die in der Einsamkeit unter den Sternen wandelt , der Weisheit , die im Gewirr der Menschheit den festen Boden der Erde tüchtig und ernst beschreitet , und der Lebensansicht , welche im Schmutz tappt und den Fuß nur hebt , um ihn desto tiefer wieder in den Kot zu setzen , seines Weges geführt . Seine Schule begann sehr früh , und oft genug zitierte ihm der Sternseher die Worte Senecas : » Non est ad astra mollis e terris via . « Er vertiefte sich in den bittersüßen Inhalt des Buches des Lebens zu einer Zeit des Lebens , in welcher andere sich noch kindlich über den schönen goldglänzenden , bunten Einband freuen . Er war zu beneiden ; aber er war auch zu beklagen . Wie wunderlich ist es doch , daß die Menschen , deren Los , alles in allem genommen , ist , hienieden beklagt zu werden , so oft und so grundlos beneidet werden und wieder andere beneiden ! Aber die Sonne lag auf dem grünen Gartenfleckchen hinter dem Hause des Bankiers Wienand , welches vom Giebelfenster des Sternsehers Heinrich Ulex zu erblicken war . Der Himmel war blau , trotzdem die große Stadt so viele schwarze Rauchwolken zu ihm emporsandte . - Robert Wolf vergaß den Zauberer Virgil über die Holunderbüsche , die weiße Statue der Hebe und die kleine Gartenbank , und der Sternseher Ulex wunderte sich darüber ; wir aber wenden uns jetzt zu dem Garten inmitten des Gemäuers selbst , wir wenden uns zu dem jungen Mädchen auf der Bank unter den Holundern , neben der Bildsäule . Die Welt , in welcher Helene Wienand geboren und aufgewachsen war , zu schildern ist kein Vergnügen . Es gibt darin selten große Verbrechen , aber fast ebenso selten große Tugenden . Es gibt darin recht hübsche , bequeme und angenehme Laster und ebenso hübsche , bequeme und angenehme Tugenden . Man liebt und haßt auf eine Art , welche uns allen leider nur zu gut bekannt ist und welche keiner Beschreibung bedarf ; - durchschnittlich überwiegen die Tugenden die Laster , durchschnittlich überwiegt die Liebe den Haß , doch das ist nicht sehr hervorzuheben . Jedermann ist von seiner Vortrefflichkeit höchlichst überzeugt und verlangt , daß jedermann dieselbe Überzeugung davon habe . Der Kreis , den man übersieht , ist nicht sehr weit , und was man sieht , erblickt man durch die gefärbten Gläser der Gewohnheit , des angeborenen oder allzu schnell gefaßten Vorurteils . Man hat seine Art , der Welt gegenüber die Lorgnette vor die Augen zu halten , und es ist inkonventionell , von dieser Manier abzulassen - man würde sich allerlei mehr oder weniger spitze und stumpfe Bemerkungen und kleine , ganz winzige tödliche Verfeindungen dadurch zuziehen - man muß mit den andern leben , und man lebt gleich den andern . Wir kennen diese Lebenskreise ziemlich genau ; wirkliche Originale sind in den Grenzen , bis zu denen dieser Teil der menschlichen Gesellschaft sich ausdehnt , vielleicht am wenigsten zu finden , und zwar aus dem einfachen Grunde , weil man es hier am wenigsten mit Extremen zu tun hat . Die goldene Mittelstraße hat auch ihre Schattenseiten ; es ist nichts vollkommen in dieser Welt . Die aurea mediocritas erträgt auch am wenigsten gern das Vollkommene ; denn wie kann sie Freude und Genugtuung darüber empfinden , daß irgend etwas sich über ein anderes zu erheben sucht oder wirklich erhebt ? Ist es so angenehm , überragt , überstrahlt zu werden ? In diese Welt , wo man mehr lächelt als lacht , mehr leise haßt als laut zürnt , mehr verleumdet als schmäht und schilt , wurde Helene Wienand hineingeboren , und ihr Leben würde sich wohl wie das der andern Kinder ihres Standes entwickelt haben ohne die Dazwischenkunft der guten Fee , des alten Mütterleins im Märchen , welches wir geschildert haben . Wie gesagt , was für Robert Wolf erst der Pastor Tanne und jetzt Fiebiger und Ulex waren , das war für Helene von frühester Jugend an das Freifräulein Juliane von Poppen . Leider müssen wir gestehen , daß die Bekanntinnen der jungen Dame nicht viel von ihr , Helenchen Wienand , hielten ; sie erklärten sie für ein Gänschen , sie behaupteten , sie sei hochmütig und wisse sich nicht zu kleiden ; sie erzählten kleine Geschichtchen von ihr , und manche Schwester konnte nicht begreifen , was der Bruder an dem albernen , blöden Lärvchen finde . Die Herren Brüder aber - die jungen Herren der Gesellschaft überhaupt - fanden doch mancherlei an dem reizenden , so leicht errötenden Gesichtchen , an der zierlichen elfenhaften Gestalt ; es gab mehr als einen gutgekleideten und gutgestellten jungen Mann , welcher für das » kleine Mädchen « schwärmte und seufzte ; es gab mehr als eine Mama , welche auf die reiche Bankierstochter » ein Auge « hatte und sie für ihren heirats- und geldbedürftigen Sohn für eine gute Partie hielt . Das » kleine Mädchen « selbst hielt sich aber durchaus nicht für eine gute Partie , dazu war es viel zu bescheiden , dazu kannte es viel zuwenig den eigenen Wert und den Wert des Geldes . Das Kind dachte gar schlimm von sich und hielt sich für recht dumm , recht unbeholfen und blöde ; es hätte seinen Gespielinnen vollständig recht gegeben in ihren Behauptungen , wenn diese jungen Damen das verlangt hätten . Es liebte seinen Papa vom ganzen Herzen , aber die mütterliche Freundin doch fast noch mehr ; der Vater hatte so viele wichtige Dinge , so viele Zahlen im Kopfe . Daß