Sind das nicht herrliche männliche Tugenden ? Besitzt sie ein Vagabunde ? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und erjagen . Ich - ein Parlaments-Mitglied ! Ich - ein Lord vom Wollsack ! Was verlangst Du mehr ? Ist es meine Schuld , daß Deutschland nicht so vernünftig wie Old-England ist ? Wärest Du meinesgleichen , so müßten wir uns schießen , Papachen , über dem Taschentuch schießen ; jetzt bleibt mir nichts übrig , als Dir zu verzeihen . « » Du bist ganz wie Dein Vater ! « sagte der Graf lachend ; » der machte auch immer Spaß , und wollte man darüber ärgerlich werden , so spaßte er so lange , bis man über ihn und mit ihm lachen mußte . Also amüsiere Dich auf Deinen Fuchsjagden , Du hochherziger Nimrod , und brich Dir nicht den Hals dabei . « So war denn nur Uriel noch auf Windeck , und der Graf wollte , daß er bliebe , bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge . Regina sollte sich durchaus an den Gedanken gewöhnen , mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben . Sie änderte ihr Benehmen in keiner Weise ; sie war , was sie sein wollte : eine Braut Christi . Sie legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag , um keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken ; gegen ihren Vater aber nie , weil es ihn erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte , nach zehn Jahren sie ziehen zu lassen . Widerstand und Ungewißheit löschen zuweilen eine Neigung aus und zuweilen entzünden sie dieselbe zur Leidenschaft ; das Letztere geschah bei Uriel . Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit ; dieser Adel der Seele , diese Lauterkeit des Herzens , verbunden mit so viel Schönheit , Anmut und Geist , mit solcher Grazie und Güte , forderten ja recht zur Liebe auf . Wer würde ein so herrliches Geschöpf Gottes nicht lieben ? fragte er oft heimlich sich selbst . Und daß sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen großartigen , opferfreudigen Willen hatte , um über alles Irdische hinweg zu sehen und zu gehen - ach ! wie gefiel ihm das ! wie begeisterte ihn das für sie ! wie trieb das auch ihn an , den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert beizulegen , den die Welt ihnen leiht . Aber daß Regina ' s Besitz zu den Dingen der Erde gehörte , das wollte ihm nicht einleuchten . Majorat , Vermögen , Karriere erschienen ihm nichtig , keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig , ohne Einfluß auf sein Glück ; doch Regina ' s Herz zu gewinnen war ein Streben , welches die edelsten Kräfte seines Wesens anregte ; Regina - Sein zu nennen , war eine unerhörte Befriedigung dieses Strebens , denn er hätte sie ja Gott abgerungen ; mehr noch , er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen . So sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor . Der Gedanke an einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den leisesten Wunsch unterdrückt , ein Herz zu besitzen , das sich zu einem Anderen neigte ; denn Liebe - ist exklusiv . Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab ihm Glut und Mut , und geadelt fühlte sich seine Liebe , weil sie gegen Himmlisches in die Schranken trat . Der Graf freute sich über diese Gesinnung Uriels ; Levin warnte ihn sanft . » Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte , lieber Uriel , so wär ' es dies : lasse Dich zur Gesandtschaft nach Wien , nach Rom , nach Paris oder wohin sonst Du Lust hast , schicken ; nur nicht nach Frankfurt . Du verbitterst Dir das Leben , und die Wellen werden Dir so hoch an ' s Herz gehen , daß Du bald Deine Lage unaushaltbar finden wirst . Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche ; ist er nun aber ungünstig , was dann ? « » Was dann ? « sagte Uriel befremdet . » Bester Onkel , was nach meinem Tode geschehen wird , das weiß ich nicht . Ich behaupte nicht , daß ich ohne Regina leiblicherweise sterbe , aber mein Herz stirbt , das ist gewiß . « » Möge es in Gott aufleben , « sagte der milde Greis , der wohl einsah , daß mit der Leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist . Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin , der , wie der Schutzgeist des Hauses , unzertrennlich vom Schloß und der Kapelle war . » Ich bin eine Art von Schnecke geworden , die mit ihrem Hause verwachsen ist , « sagte er freundlich ablehnend , als alle , vom Grafen an bis auf Corona , in ihn drangen , nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben . » Hier ist mein Standquartier , mein Wachposten , gleichviel ob es hier einsam oder gesellig hergehe . Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben : Uriel soll diplomatisieren , Regina sich amüsieren , Corona studieren ; der Papa und die Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft auf sich nehmen ; was sollte Onkel Levin , der alte Nichtstuer , mitten in Eurer großartigen Geschäftigkeit anfangen ? Nein ! er bleibt hier , in seinem Geleise , wie es sich für alte Leute schickt . « » Und tut alles Gute , wofür wir keine Zeit haben , « ergänzte die Baronin Isabelle . Dabei blieb es . - - - - - - - - - - - - - - - Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judith und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben . Ernest kam eines Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte :