Thalheim , der jüngste der drei Brüder . Er war unter die Soldaten gegangen , weil er kaum wußte , was er sonst hätte ergreifen sollen . Er sah den Brüdern ähnlich , aber seine Gesichtszüge hatten nicht den schwärmerischen , ernsten Ausdruck jener Beiden , er sah freundlicher , wenn man so sagen kann , einfach-gutmüthiger , aber auch ungleich unbedeutender aus , als sie . Er hatte ein vortreffliches Herz , aber seine geistigen Fähigkeiten , wenn er sie gleich den Brüdern besaß , hatten doch nur eine höchst untergeordnete Ausbildung erlangt - er schien aber damit glücklicher zu sein als Jene , denn , wie gesagt , sein ganzes Ansehen zeigte von einem heitern , lebensfröhlichen Charakter . » Weiß es der Bruder schon ? « fragte er jetzt leise mit betrübtem Tone . Amalie schüttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder . » Es wird ihn sehr erschüttern ! « seufzte Bernhard . - » Schreib Du es ihm - ich kann es nicht ! « ächzte sie . » Ein trauriges Geschäft - aber wenn du willst - nun da will ich es Dir schon zu Liebe thun , glaub ' es wohl , daß es Dir schwer wird zu schreiben . « » Es ist , als habe Dich mir der Himmel zur Hülfe , zur Erleichterung hergeschickt - daß Du gerade jetzt kommen mußtest . - « » Ja , unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt worden - ich bleibe nun hier - es ist doch Schade , daß Gustav nicht mehr da ist . « Sie hörte nicht weiter auf ihn , denn sie lauschte auf ein Geräusch von Tritten , die unten im Hausflur klangen - dann die Treppe heraufkamen - nun immer näher und näher - die Thüre ging auf - - sie stellte sich vor den Sarg , legte sich mit dem halben Leib darauf , schlang ihre Arme darum und rief außer sich : » Sie dürfen nicht , sie dürfen nicht ! « Die schwarz gekleideten Träger waren eingetreten - die Leichenfrau war ihnen gefolgt - sie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierrathen . - Ein junges Mädchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem Kinde auf - helle Thränen fielen dabei aus den Augen des Mädchens . » Kommen Sie mit herauf , arme Frau , « bat es , » hier können Sie doch nicht bleiben . « » Ich kann nicht fort ! « sagte sie mit herzzerreißendem Schrei und sank an dem Sarge ohnmächtig zusammen . Das Mädchen kniete neben sie und legte das bleiche Haupt der unglücklichen Mutter auf ihren Schoos , indem sie leise sagte : » Es ist am Besten , wenn sie bewußtlos ist - nun eilt , daß Ihr die Leiche hinausbringt , ehe sie wieder zu sich kommt . « Die Träger befolgten den Rath , Bernhard selbst drückte den Sargdeckel darauf ; weil die Leute ihn hastig und geräuschvoll aufhoben , nahm er ihn ihnen ab , damit es ohne Lärm geschehe ; das Mädchen dankte ihm dafür mit einem innigen Blick . Wie aber die Träger den Sarg zur Thüre hinaustrugen , stießen sie damit wider die Pfoste - es klang hohl und dumpf - dieser Ton brachte Amalie wieder zu sich , sie verstand ihn - schrie auf , wollte nachspringen , aber die Thüre war in ' s Schloß geworfen ; das Mädchen zog Amalie mit sich auf das Sopha , wohin Amalie , ohne ohnmächtig zu sein , aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen ließ und regungslos sitzen blieb . Die beiden Frauen waren allein . Eine Stunde mogte vergangen sein , wo sie so stumm und unbeweglich nebeneinander gesessen hatten . Amalie hatte ihr Logis , das sie früher mit ihrem Gatten bewohnt , mit einem kleineren in der Vorstadt vertauscht . Das Mädchen , welches bei ihr saß , war die Tochter des Hauswirthes , eines Korbmachers und hieß Auguste . Sie hatte ihrer einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindes - sie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglückliche nicht verlassen . Sie fühlte wohl , daß sie keinen Trost für sie hatte , aber sie wollte sie ihrer Verzweiflung nicht allein überlassen . So saß sie auch jetzt still weinend neben ihr und hatte ihre Arme um die im Schmerz wie Erstarrte geschlungen . Ein starkes Pochen an der Thüre schreckte sie auf von den marternden Gedanken , welche sie sich so lange überlassen hatten . » Es wird mein Schwager sein , « sagte Amalie tonlos . » Er wird wieder zurückkommen - es wird nun Alles vorbei sein ! - « Auguste stand auf und öffnete die Thüre ; befremdet trat sie einen Schritt zurück - ein fremder , langer , dürrer Mann stand draußen - hinter ihm ein Polizeidiener . » Zu wem wollen die Herrn ? « fragte Auguste schüchtern , bestürzt . » Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Thalheim ? « fragte der Lange . » Dort ist sie - « sagte Auguste . Amalie blieb ruhig sitzen : » Ich habe Alles angezeigt , alle Gebühren entrichtet . « » Sie haben schon Alles angezeigt , Frau Doctorin ? « sagte der Lange verwundert , aber vor Freuden schmunzelnd . » Desto besser , dann werden Sie sich die Behörden zu großem Danke verpflichtet haben . « Plötzlich mäßigte er sich jedoch in seiner Freude und sagte : » Allein , wenn ist dies gewesen - man würde mich sogleich davon unterrichtet haben . « » Vor drei Tagen , in derselben Stunde , wo sie gestorben war , wie es das harte Gesetz will . « Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und schienen sich schweigend zu befragen . Endlich sagte der Lange zu Amalien : » Aber wovon sprechen Sie denn eigentlich ? « » Mein Gott ! Sie