hatte über nichts , als über sein kleines Häuschen zu verfügen , dem im günstigsten Falle noch ein kleiner Wiesenplan zu Gebote stand , um eine Ziege darauf grasen zu lassen . Solche Häusler lebten theils von Weberei , theils von Handarbeit und Tagelohn . Jene leibeigenen Bauern nun , von denen wir vorzugsweise sprechen , besaßen zwar Hof und Ackerland als Eigenthum , waren dabei aber doch nicht ihre eigenen Herren , sondern mußten dem Besitzer des Dorfes in allen Dingen zu Willen sein . Um indeß nicht zu hart von der Willkür Einzelner bedrückt zu werden , bestanden gewisse gesetzliche Bestimmungen zwischen Herren und Unterthanen , welche der Herr so gut respectiren mußte , als der Unterthan . Der Letztere war nämlich gebunden , seinem Gebieter jährlich eine gewisse Anzahl Zug- und Handdienste zu leisten . Grade diese waren aber sowohl für Bauer wie für Gärtner und Häusler eine Last , der sie erlagen , die sie nie aufkommen ließ und selbst bei übermenschlicher Anstrengung in schmachvoller Unterwürfigkeit erhielt . Auf dem Schauplatz unserer Erzählung unter den leibeigenen Wenden war z.B. jeder Bauer , der ungefähr für zwanzig Scheffel Kornaussaat Land besaß , gehalten , seinem Herrn wöchentlich sechs Handtage zu leisten oder drei Zugtage mit Pferden und , besaß er diese nicht , mit vier Ochsen . Es blieb ihm also wöchentlich blos ein einziger Tag zu Bestellung seines Feldes , wenn er nicht im Stande war , die Handtage in Zugtage verwandeln zu können . Wollte überdies der Zufall oder das Mißgeschick , daß der Herr auf seinen Gütern Brandschaden erlitt , oder daß ein Unwetter seine fahrbaren Wege zerriß oder daß ein Wasserbau nothwendig ward , oder endlich , daß es ihm einfiel , Holz schlagen zu lassen , so mußte der arme geplagte Bauer die Brandstelle räumen und neue Gebäude mit aufführen helfen ! Er war außerdem verbunden , die schlechten Wege auszubessern , Steine zu einem nöthigen Wehrbau anzufahren und das geschlagene Holz einzuführen . Alle diese Dienste raubten ihm Zeit , ruinirten ihm Wagen , Geschirr und Vieh , und wenn er ermattet heim kam , trat oft die schlechte Jahreszeit ein und verhinderte ihn an tüchtiger Bestellung seines eigenen Landes . So gerieth er immer tiefer und tiefer in Elend und Armuth , versank unter dem steten Druck in Schmutz und Unwissenheit und ward eine willenlose , stupide Maschine seines launischen , im Ueberfluß schwelgenden Herrn . Nicht besser hatten es Gärtner und Häusler . Jener mußte drei Vierteljahre hindurch wöchentlich der Herrschaft drei Handtage und im vierten wöchentlich zwei leisten , dieser wöchentlich einen Handtag , außerdem noch zwölf Tage als Monatsdienst und während der Aerndtezeit vier Handtage . Hierzu kam noch , daß Söhne und Töchter aller Bauern , Gärtner und Häusler den sogenannten Hofedienst auf dem herrschaftlichen Gute oder Schlosse als Knechte und Mägde abhalten und oft mehrere Jahre unablässig gegen bloße Verköstigung , die schlecht und oft unsauber war , dienen mußten ! Man kann sich demnach vorstellen , wie tief und allgemein der Eindruck war , den Heinrichs Neuigkeiten bei allem Hofgesinde hervorbrachten ! Eine neue Welt , die unbekannte Welt der sonnigen Freiheit , lag vor den Augen Aller aufgethan ! Wurden die Hofedienste , wie der Maulwurffänger behauptete , abgeschafft , so war das Joch damit abgeworfen , das ursprünglich die Leibeigenschaft erzeugt hatte . Sie wurden frei , wurden ihren Herren gleich durch die Willkür , nach der sie dann über ihr Handeln verfügen konnten . War aber das Gerücht erdichtet , so war damit ein furchtbarer Feuerbrand in die Gemüther aller Leibeigenen geschleudert worden , den keine noch so milde Behandlung mehr auslöschen konnte . Die Herrschaft wandelte von Stund ' an auf einem glühenden Vulkan , der in jedem Augenblicke bersten und sie zermalmt in die Luft schleudern konnte . Der Maulwurffänger erkannte dies sehr gut und wußte genau , was er that , ohne sich vor der Hand um die Folgen zu kümmern , die seine Handlungsweise haben konnte und mußte . Der Saame der Unzufriedenheit war ausgestreut , in der Masse aller Leibeigenen fraß der Gedanke um sich , daß sie rechtlos , gegen die heiligen Gebote der Religion unterjocht seien , und dieser Gedanke mußte ein Selbstbewußtsein unter der an sich kräftigen Bevölkerung wecken , von dem sie früher keine Ahnung gehabt hatte . Ihm waren außerdem noch so viele geheime Mißbräuche bekannt , welche viele Herren übten und auf die nur hingedeutet werden durfte , um die Unterdrückten von der Unzufriedenheit zur Erbitterung , von dieser zu einer drohenden Stellung den Herren gegenüber aufzuregen . Der Raub der Wendin durch Magnus gab die erwünschteste Veranlassung , diese Mißbräuche nach und nach , wie es Zeit und Umstände erheischten , aufzudecken . Die bedenklichen Unruhen im Auslande waren ein vortrefflicher Anhaltepunkt , den man beliebig benutzen konnte , um den Herren zu drohen . In jedem Falle stand ein Krieg der Unterworfenen gegen die Unterdrücker in naher Aussicht , und diesen durch schmeichelndes Zureden wieder zu beseitigen , hielt Heinrich für unwürdige Feigheit . Wenn überhaupt , konnte nur auf diese Weise uraltes Unrecht aufgehoben und ausgeglichen werden . Da er gewahrte , welchen Eindruck seine unschuldig und nachlässig hingeworfenen Aeußerungen selbst auf diese ungebildeten Menschen machten , ging er noch einen Schritt weiter , den mißmuthigen Voigt jetzt gar nicht beachtend . Er richtete seine Worte direct an das Gesinde des Edelhofes , das ihm , wie einem Propheten , gläubig zuhörte . » Ist Euch nichts zu Ohren gekommen , « sprach er , » daß sich Graf Magnus bald verheirathen will ? Ich hörte in der Haide davon reden . Auf seines Vaters Schlosse , dem alten Boberstein , lebt ein schönes junges Fräulein , um das er werben soll . « » Ihr meint gewiß Herta , die Mutter der Armen , « sagte der Großknecht . » Es kann wohl sein , daß sie Herta heißt , « erwiederte der Maulwurffänger . »