den unerwarteten Tod ohne die Gnadenmittel der Kirche Hinübergegangene ; Leontinens Hand ruhte zum ersten Mal lange in der ihres armen Freundes ; Keines versuchte ein lautes Wort . Im Hause ahnete noch Niemand die Gegenwart des Todes . Renate hatte selbst die geweihten Kerzen zu Haupt und Füßen des Sterbelagers angezündet , den Priester hatte man nicht mehr rufen können , so schnell hatte der Scheidekuß des Lebens die bleichen Lippen des schönen Mädchens berührt . Die Badegäste und Wirthsleute schliefen , auf den Straßen hatte sich ringsum Ruhe verbreitet , nur ein überwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend unter einem fernen Fenster sein letztes Ständchen ab , es war ein veraltetes Volks- und Liebeslied ; unwillkürlich mußte Leontine darauf hören . » Keine Nessel , kein Feuer kann brennen so heiß als heimliche Liebe , die Niemand nicht weiß . « Lange saßen sie so schweigend ; endlich begann Carlo zu reden . Er blickte nach dem noch nicht ergrauenden Tage ; sein unruhiges Blut trug die Unthätigkeit des Schmerzes nicht , und es lastete der Gedanke auf ihm , die geliebte Leiche hier im fremden Lande zurückzulassen . Sollte Rosalie als Polin mit einer Lüge in ' s dunkle Grab gelegt werden ? Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden , in möglich besseren Tagen wenigstens die schöne Hülle der Schwester dem Geburtslande wieder heim zu bringen , dem die Lebende entrissen zu haben er so tief bejammerte ? Ach , Schmerz und Glück zogen ja ihn wie sie in jedem Athemzug hinüber ! - Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine Klagen . Trostlos stand Leontine neben ihm , sie litt unaussprechlich und ach ! sie wußte keinen Rath für diese neue Form der Qual . Vergebens bot sie ihm ihres in wenig Tagen erwarteten Stiefvaters Hülfe . Jede Mittheilung des Geheimnisses an einen Dritten lehnte er bestimmt ab . In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester , die in stillen Fürbitten am Fußende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gespräch nicht beachtete , ihre Gebete beendet . Sie schritt der Thüre zu und , schon an der Schwelle , sagte sie leise : Ich gehe zum Dechanten ; man wird nun bald zur Frühmesse läuten , er wird schon aufsein . Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Carlo ' s verdüstertes Gemüth . Ja ! rief er aufspringend , im Schoos der Kirche , in der Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewährung einer Versicherung , die nichts Irdisches mir zu geben vermag . Die gefalteten Hände fest auf die Brust gedrückt , blickte er aufwärts und ein Ausdruck der schwärmerischsten , inbrünstigsten Frömmigkeit überflog den Schmerz seiner Züge . Ja , fuhr er fort , von dir , mein reiner Engel ! kam mir der Gedanke . Die Beichte sichert mein Geheimniß und bürgt mir für die Erfüllung deines letzten Erdenwunsches ! Er hob den Schleier , der das Antlitz der Gestorbenen deckte ; sie war unaussprechlich schön . Leise küßte er ihre weiße Stirn , dann fuhr er , zu Leontinen gewendet , fort : Ach , Signora ! könnten Sie fühlen , was in diesem Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das wilde Thier in mir bändigt . O , könnten Sie mit mir glauben , so wie Sie mit mir gelitten haben ; wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl des Glücks in die Lebensöde gesandt ! Er küßte heftig ihre Hände und wandte sich dann wieder der Leiche zu , die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz betrachtete . Könnte ich mit ihm glauben ! wiederholte sich leise Leontine . Kann ich ' s denn nicht ? Sie legte den Kopf zurück in die Lehne des Sessels und einzelne große Thränen rollten über ihre hochrothen Wangen . Da öffnete sich leise die Thür , lautlosen Schrittes trat der Dechant ein , hinter ihm ein Chorknabe , der am Eingange stehen blieb . Er kannte die Geschwister wohl , obschon nur unter polnischem Namen ; es that ihm weh , daß sein Beichtkind ohne die letzten Tröstungen der Kirche geschieden war . Nun kam er , von der alten Schwester herbeigerufen , den Rest der Nachtwache mit dem unglücklichen Bruder der Verstorbenen zu theilen und den Ritus der Kirche zu vollziehen . Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht ; auch ihm schien die Verheißung eines frühzeitigen Todes auf die gedankenklare Stirn gedrückt . Eine große Milde und Sanftmuth sprach sich in seinem ganzen Wesen aus ; so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit . Leontine hatte nie einen andern katholischen Geistlichen gekannt , oder auch nur außer der Kirche gesehen , als den alten Domine , dem sie so übel mitzuspielen pflegte . Sie kannte die sanfte Suade , die Gewalt der Einwirkung katholischer Formen , dieses weiche Herrschen , dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele nicht , das in dem Riesenbau jener Kirche , in der Gestaltung jener höchsten Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht , und nun in der vollendetsten Ausübung überwältigend ihr entgegentrat . War der Dechant mit den Verhältnissen der polnischen Familie unbekannt , die er vor sich zu sehen wähnte , hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn dieselben vergessen machen ? Genug , er hielt Leontine vielleicht der heißen Thränen wegen , die während seiner Worte ihr Gesicht überströmten , für Trzebinski ' s Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr , ermahnte sie , dem schwer Geprüften nun auch die Verlorene zu ersetzen , sich wo möglich noch enger ihm anzuschließen , und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhöhten Lebens der leiblichen und geistigen Natur sich entringe , so auch diesem so früh geöffneten Grabe ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entsprießen zu lassen . Jean Carlo weinte so heftig , daß er nicht sogleich die Kraft hatte , die Anrede des Geistlichen zu unterbrechen ,