sehr getheilter Aufmerksamkeit , weil ich von einem Augenblick zum andern den Eintritt Herrn Henry ' s erwartete . Endlich hörte ich einen raschen Schritt unter den Fenstern vorbeigehen ; ein Liedchen ward geträllert , und ein nachdrückliches Pochen verkündigte den Herrn vom Hause . Die Angst schärfte mein Gehör ; ich vernahm , oder glaubte zu vernehmen , daß der Bediente meine Ankunft meldete , einige schnell auf einander folgende Fragen schienen mir Neugier ohne Verlegenheit zu beweisen , und darauf eilte der Fragende auf den Salon zu . Bei seinem Eintritt ins Haus war ich aufgesprungen , dann war mirs eingefallen , daß ich linkisch aussehen müßte , ließ ich mich stehend finden , also setzte ich mich wieder , mein Herz schlug hörbar , und es bedurfte der mir erst so spät erworbenen Herrschaft über meine äußern Bewegungen , um bei Herrn Henry ' s Eintritt mit Fassung zu erscheinen . Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlichkeit meiner Ankunft im Hause , welche der Bediente dem jungen Menschen berichtet haben mochte , ihm eine kurzweilige Bekanntschaft versprochen , sein Eintritt hatte wenigstens etwas Unachtsames , das bei meiner Annäherung einem Ausdruck von Erstaunen und ehrerbietiger Höflichkeit Platz machte . Er bestätigte die Aussage des Bedienten : Mistriß Murray hatte gar nicht daran gedacht , daß ich mich , bevor eine nähere Verabredung stattgefunden , auf den Weg machen könnte , und hatte deshalb nicht die geringsten Anstalten zu meinem Empfange getroffen . Der junge Mann , der bei ziemlich regelmäßigen Zügen schöne , große , schwärmerische Augen besaß und keineswegs , wie ich ihn mir vorgestellt , ein tölpischer Schulknabe , sondern ein schlanker , zierlicher Jüngling von achtzehn bis neunzehn Jahren war , suchte mich zu überzeugen , daß nichts natürlicher sey , als seiner Mutter Rückkehr in ihrem Hause ruhig abzuwarten . So ehrerbietig die Art war , mit welcher er mir diesen Vorschlag that , lehnte ich ihn dennoch bestimmt ab , bat um die Adresse seiner Mutter , um ihr meine Ankunft zu melden und um ihre Befehle zu bitten , und forderte einen Miethwagen , um noch heute Abend ein anständiges Unterkommen zu suchen . Rücksichtlich des Erstern sagte er mir , daß die Post in dieser halben Stunde noch abgehe ; einen langen Brief zu schreiben , sey daher unmöglich , er wolle dem seinen , der zum Siegeln bereit liege , die Nachricht von meiner Ankunft und meiner Verlegenheit noch hinzusetzen . Was aber meine Absicht , heute Abend noch ein Unterkommen zu suchen , beträfe , so wäre sie grausam gegen mich , gegen seine Mutter und gegen ihn selbst . » Wodurch « , sagte er mit dringend bittendem Ton , » hat meine Mutter verschuldet , daß Sie eine rücksichtslose Unfreundlichkeit in ihr voraussetzen ? Wodurch zog ich mir die Weigerung zu , einen Abend nur meine Gesellschaft zu dulden ? Und endlich - und vor allem : wie können Sie wagen in später Nacht ( es hatte wirklich zehn Uhr geschlagen ) in einer unbekannten großen Stadt auf Geradewohl ein Unterkommen zu suchen ? « - Wahrlich dieser Erinnerung bedurfte es nicht , um mir meine grausame Lage fühlbar zu machen ! Ich hatte mit äußerster Anstrengung bei dieser Erörterung einen gefaßten Ton zu erhalten gesucht ; bei Herrn Henry ' s letzter Frage wollten meine Thränen gewaltsam hervorbrechen , als der Ton seiner Stimme mir ein so bewegtes Gemüth von seiner Seite verrieth , daß ich , aufmerksam auf die Nothwendigkeit , hier meine Selbstherrschaft zu behalten , meinen Schmerz niederkämpfte und durch meine Einwilligung , diese Nacht die mir angebotne Gastfreundschaft anzunehmen , dem Streit ein Ende machte . Herr Henry befahl sogleich und mit einer Freude , die mir deutlich bewies , welchen Werth er auf meine Einwilligung legte , das Schlafcabinet seiner Mutter zu meinem Empfang zu bereiten , und der übrige Abend verging in lebhaftem Gespräch über allgemeine Interessen . Noch nie hatte ich Gott so herzlich für ein sanftes Lager gedankt , wie diesen Abend , an dem ich doch nicht wußte , wo ich am folgenden Morgen einen Schutzort finden würde . Gott hatte mir heute eine Ruhestätte gegeben , alle meine Verstandeskräfte konnten die morgende nicht aussinnen ; deshalb empfahl ich mich seiner Obhut und überließ mich der Erholung des Schlafs . Herrn Henry ' s Empfang beim Frühstück war voll Ehrerbietung , aber nicht so gleichgültig , wie meine Verhältnisse es nöthig machten . Wie ich seinen Morgengruß mit der Bitte beantwortete , mir sogleich durch seinen Diener eine Person anweisen zu lassen , die mir eine Wohnung verschaffen könnte , antwortete er mit Bekümmerniß : wenn ich hartnäckig die natürlichste Handlungsweise , die nahe Rückkehr seiner Mutter , oder ihre wahrscheinliche Bitte , sie in Portsmouth aufzusuchen , in ihrem Hause abzuwarten verweigerte , so schlüge er mir vor , eine ihrer in Edinburg verheiratheten Schwestern um Rath oder Beistand zu bitten . Das war ein Lichtstrahl in dem Dunkel , das sich vor meine Aussicht gelagert ; ich widerlegte alle seine wiederholten Bitten um Abänderung meines Beschlusses und trieb ihn an , gleich nach dem Frühstück diese Tante für mich um ihren Schutz zu ersuchen . Er blieb lange aus ; ich hatte Zeit , mich dem ängstlichsten Nachdenken zu überlassen , und wie er zurückkehrte , versicherte er mich , Mistriß St. Claire nicht zu Hause gefunden zu haben . Ich mußte mit seinem Versprechen , gegen den Abend noch einmal zu ihr zu gehen , mich begnügen und suchte meine Unruhe durch Gespräch und Harfenspiel zu zerstreuen . Mein Spiel entzückte den jungen Mann , er äußerte die bitterste Klage über seiner Mutter Vergeßlichkeit , für den möglichen Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben . » Dann dürften Sie unser Haus nicht verlassen , Miß Percy , dieselben grausamen Ursachen , die Sie jetzt von mir treiben , gäben dem Bruder Ihres Zöglings dann ein Recht , Sie zu schützen . « -