inneren Genugthuung sah er die schweren Koffer hinaufheben , die dem Anschein nach die Bürgschaft einer langen Entfernung übernahmen . Jetzt fuhr auch Erna ' s Wagen vor . Kutscher und Bediente , ihre Herrschaft erwartend , unterhielten sich von den neuesten Begebenheiten , und flüsterten einander unverhohlen die Freude zu , nun eine Zeitlang des strengen Regiments ihres Haustyrannen entrückt , und der milden Obhut der gnädigen Frau übergeben zu werden . Es machte ihm Vergnügen , Linovsky ' n auch hier nicht geliebt zu sehen ; denn gern hätte er die an Haß gränzende Abneigung , die er selbst gegen ihn empfand , in jeder anderen menschlichen Brust als ein Echo seiner eigenen Gesinnung angetroffen . Endlich , nach langem Zögern , öffnete sich die Hausthür . Erna , von ihrem Gemahl begleitet , trat heraus . Die letzten Worte des Abschieds , die er zu ihr sprach , klangen fast wie Verweise oder Befehle . Sie erwiederte wenig . Nur unmerklich neigte sie sich dem Kuß entgegen , mit dem er sein Lebewohl begleitete . Das Geräusch der kommenden Postpferde verschlang den Rest der Unterhaltung - sie stieg ein - und es war Alexandern , als falle ein Centner von seiner Brust , als er durch die sternenhelle Nacht sie dahinfahren sah . XIII Es war am anderen Tag Alexander ' s Absicht keineswegs , sogleich , ohne alle dem Zartgefühl wohl anstehende Zurückhaltung , sich zu Erna ' s Einsamkeit hindrängen zu wollen . Ein Spiel des Zufalls und der Zerstreuung lenkte jedoch seinen Spazierritt unwillkührlich in die Gegend hin , wo sie wohnte , und ehe er es noch ahnete , fand er sich in ihrer Nähe , und von ihr , die mit ihren Kindern in der offenen Hausthür saß , bereits gesehen . Es war daher jetzt unvermeidlich , sie zu begrüßen . Sie nahm ihn mit der ruhigen Haltung auf , die ein reines Bewußtseyn , verbunden mit festen Grundsätzen , gewähren , und gleich weit entfernt , ihn mit ausgezeichneter Zuvorkommenheit wie mit Zurücksetzung zu behandeln , war in der zwar interessanten , aber keineswegs sie individuell berührenden Unterhaltung , die sie einzuleiten wußte , auch nicht im mindesten die Rede von der Vergangenheit . Alexander hatte von der Natur in seiner offenen , anmuthigen , Zutrauen erweckenden Bildung jenen glücklichen Empfehlungsbrief empfangen , der unwillkührlich die Herzen gewinnt , und der besonders durch den Zauber einer geheimen unerklärlichen Sympathie auf die Knospe zarter Kinderliebe wirkt , die sich so gern im Schimmer ächten Wohlwollens erschließt . Gleich im ersten Moment der Bekanntschaft hatte sich Otto schon mit der innigsten Neigung an ihn angeschmiegt . Jetzt lächelte auch der kleine , noch nicht jährige Wunibald ihm mit besonderer Freundlichkeit zu , und ließ sich selbst aus dem Arm der Mutter willig in den seinigen nehmen . Mit Rührung betrachtete er den süßen , in gesunder Lebensfülle aufquellenden Knaben , der - wie Otto mit den schönen Augen seiner Mutter ausgestattet - Wehmuth und vergebliche Wünsche in seine Seele blickte , und unter Liebkosungen ihn schaukelnd und mit ihm spielend stahl sich mitten unter dem Anschein ungetrübter Heiterkeit eine Thräne über seine Wange , die - nicht ungesehen von Erna - zur Erde fiel . Mit dem Theetisch erschien auch Auguste . Das Gespräch lenkte sich auf Litteratur . Alexander erwähnte einiger neuen Erzeugnisse derselben , die gerade Aufsehen machten . Erna kannte sie noch nicht , und sein Vorschlag , sie ihr zu bringen und vorzulesen , wurde ohne Weigern von ihr angenommen . Beim Abschied bestimmte man den folgenden Tag schon zur Ausführung dieses Vorsatzes , und so wurde sein tägliches Kommen sehr bald eine ganz natürlich scheinende und im Hause nicht befremdende Erscheinung . Diese Stunden des Beisammenseyns , die bei dem glühendsten Interesse der Herzen für einander doch niemals sich gestatteten , dieses Interesse durch Worte zu berühren , waren die glücklichsten , welche Erna sowohl als Alexander jemals erlebt hatten . Jener himmlische Zustand schlummernder Leidenschaften und schweigender Begierden , der das Wesen der Unschuld ist , wiegte an Erna ' s Seite Alexander ' s stürmisches Gemüth in die wohlthuende Stille des Friedens , und schuf ihm einen Traum von Glück , der wenigstens stets so lange dauerte , wie seine Anwesenheit bei ihr . In der göttlichen Offenbarung ihres hohen inneren Gehalts öffnete sich ihm eine Welt , wie sie sonst wohl nur dem Seligen sich erschließt , wo die marternde Sehnsucht schwieg , und das brennende Verlangen sich befriedigt fühlte , und wo es ihm klar ward , daß auch ihre Freundschaft ein Gut sei , groß genug , die Liebe aller anderen Frauen der Erde aufzuwiegen . Das entzauberte Saitenspiel seiner Heiterkeit , bisher nur in grellen Mistönen erklingend , stimmte sich allmählig wieder rein . - Ruhe , jene unerläßliche Basis alles Guten und Schönen , kehrte in seine Seele zurück , und versöhnte ihn mit dem Leben , das vorher aller seiner Kränze beraubt , jetzt wieder seine strahlende Lichtseite in der reinen Vertraulichkeit ihm zukehrte , welcher Erna ihn würdigte . Auch Erna gab sich ganz und innig den tadellosen Freuden dieses Umgangs hin , wenn gleich der geheime Kampf mit sich selbst , und das unnatürliche Ertödten ihrer lebhaftesten Gefühle leise und unvermerkt ihre Lebenskraft aufrieb . Früher hätte sie wohl der grundlosen Eifersucht ihres Gatten das Opfer gebracht , Alexandern aus ihrer Gegenwart zu verbannen - aber jetzt - die Welt lag so tief und nichtig unter ihr , und ihr Scheideblick auf das ihr im Nebel hinschwindende Leben war zu erhaben , um mit irrdischer Sorge noch auf den kleinlichen Regungen gehässiger Leidenschaften zu verweilen - jetzt fand sie sich stark und selbstständig genug , sich über die Vorurtheile hinwegzusetzen , die wie ein giftiger Mehlthau auf ihre Freudenblüthen zu fallen drohten . Es war ihr unbezweifelt gewiß , daß ihr Einwirken auf Alexander ihn zu einem höheren Standpunkt erhoben , daß ihre Achtung und ihr Vertrauen