oder sie begiebt sich aller Ansprüche daran . Ist das Erstere der Fall , warum dehnt sie die fruchtlose Trauer über das Grab des Geliebten hinaus ? Warum ? fragte Luise ; lieber Himmel , kann sie denn anders ? Darüber kann sie freilich nur selbst entscheiden , entgegnete Auguste , aber dann sollte sie auch nur konsequent sein , und sich gleich mit in das kühle Grab legen , das nun einmal das Ziel ihrer Wünsche umfaßt . Was will sie in der Welt ? Sie zerreißt sich muthwillig . Beschränkte Naturen thun am Besten , sich gleich zu ergeben , da es ihnen an Kraft gebricht , die Nothwendigkeit zur Freiheit zu erheben . Beschränkte Naturen ! rief Luise verletzt . O fühlen Sie denn nicht wie eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel , die , ein höheres Ziel erfassend , muthig den dornigen Weg überschauen , der ausgebreitet daliegt ? Kann sie den zarten Gliedern gebieten , nicht zu bluten , wenn die Dornen sie wund ritzen ? Und sehen Sie nicht , wie der Schmerz , als ihr irrdisch Erbtheil , immer mehr hinter ihr zusammensinkt , und sie sich auf mächtigen Schwingen über sich selbst erhebt ? Ich halte von solchen Kämpfen nicht viel , sagte Auguste kalt . Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot , wie Sie glauben , was überfliegt sie nicht gleich den mühseligen Weg , und erreicht so früher das Ziel ? Weil sie , erwiederte Luise , ihre Kraft erst im Schmerze prüfte ; weil ein wahrhaftes Leid den Menschen erschüttert und ihm alle Tiefen der Seele eröffnet , in denen er sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt . Glauben Sie das nicht , fiel Auguste ein , wer das Rechte von Anfang will , der findet es auch , der will denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge , das ist seines Daseins ewiges unwandelbares Gebot . Unter diesen und ähnlichen Gesprächen setzten sie ihre Reise fort . Luise fühlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze . Emilie schlief , oder verlor sich doch mit geschloßnen Augen in lustige Träume ; Auguste redete freilich , verletzte sie indeß unaufhörlich durch ihre dürre Sentenzen . Tausendmal ihren raschen Entschluß bereuend , sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben , beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster , um , wo möglich , in den äußren Gegenständen eine erfreulichere Unterhaltung zu finden . Nicht lange , so bemerkte sie eine Chaise , die ihnen bald in geringer , bald in weiter Entfernung folgte , je nachdem der träge Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete . Unwillkührlich wendete sich Luise noch mehr zurück , um wo möglich zu entdecken , wer in dem Wagen sitze ; allein er war dicht verschlossen , und sie mußte unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn . Zufällig traf es sich , daß jener Wagen , beim erneueten Wechseln der Pferde , jedesmal vor dem Posthause still hielt , wenn sie wieder abfuhren , wodurch auch die Neugier der beiden andren Damen erregt ward . Da sie nun unterwegs übernachten mußten , und der Ort , den sie dazu bestimmten , wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewähren konnte , so scherzten sie gegenseitig über die Möglichkeit , in ihrer unbekannten Begleitung irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen . Wirklich waren sie kaum in den Gasthof eingezogen , als ein Wagen vor die Thür rollte , den Luise , ohnerachtet der fast hereingebrochnen Dunkelheit , für den besagten erkannte . Ein junger Mann , in einen weiten Pelz gewickelt , sprang heraus , und die dienstfertig entgegenkommende Wirthin bei der Hand fassend , sagte er : es ist verteufelt kalt , schöne Frau ! Mein Zimmer , geschwind mein Zimmer ! In drei Sätzen war er die Treppe herauf ; eine Thür neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und lachend in das anstoßende Gemach . Die Stimme klang weich und fremd , die Leichtigkeit , das Benehmen ließ auf äußre Gewandheit und Lebenserfahrung schließen . Ohnerachtet der hohen Ruhe , mit welcher Auguste das bunte Spiel der Oberfläche betrachtete , fühlte sie doch keine geringe Begier , die neue Erscheinung näher in Augenschein zu nehmen . Sie empfahl indeß ihren Gefährtinnen die höchste Aufmerksamkeit , um durch kein Geräusch dem neuen Ankömmling ihre Anwesenheit zu verrathen , wodurch sie sich einigermaßen vor sich selbst rechtfertigen wollte , und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte . Nicht lange darauf hörten sie die Wirthin auf ' s neue hineingehn . Tassen klapperten , ein wohlunterhaltenes Feuer knisterte im Kamin ; der Fremde ward sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient , während sie noch an allem Mangel litten , worüber Auguste fast alle Haltung verlor . Ein lautes , wiederholtes Kichern zeigte , wie wohl sich die Wirthin in ihren Geschäften befand , und daß sie vor der Hand noch nicht an sie denken werde . So wohl versehen und schon ganz behaglich eingewohnt , hörten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste öffnen , einige Griffe auf einer Guitarre thun , und sich zu folgenden Worten auf dem Instrument begleiten : Zierliche Blondine Ging heut früh ' zu Walde , Wollt ' beimkehren balde , Pflückte Blümchen hier . Sonnenhelle Miene , Mund voll frischer Rosen , Süß des Auges Kosen , Freud ' ges Liederspiel ! Traurige Blondine Kam heut ' Abend wieder Ohne lust ' ge Lieder , Seufzte tief und schwer . » Was so trübe Miene ? Fandst Du keine Blumen ? Ach ! ich brauch ' nicht Blumen , Brauch ' kein Kränzlein mehr . « Mein Gott , was ist Ihnen ! rief hier Emilie , auf Luise zueilend , Sie sind bleich wie mein Tuch ! Lassen Sie nur , sagte jene leise , es ist nichts , sicher nichts , eine vorübergehende Erschütterung . Die Worte , die dort herüberklangen ; sie lehnte den Kopf an Emiliens Brust