aber weiter nichts von ihm vernehmen , bis sie endlich aus Ungeduld einen ihrer Hofleute an ihn schickte und sondieren ließ , ob er denn nicht entzückt gewesen sei , seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu hören . » Meine Gedichte ? « versetzte dieser mit Erstaunen . » Verzeihen Sie , mein Herr , « fügte er hinzu ; » ich habe nichts als Vokale gehört und die nicht einmal alle . Unterdessen ist es meine Schuldigkeit , mich für eine so liebenswürdige Intention dankbar zu erweisen . « Der Hofmann schwieg und verschwieg . Der andre suchte sich durch einige wohltönende Komplimente aus der Sache zu ziehen . Sie ließ ihre Absicht nicht undeutlich merken , auch etwas eigens für sie Gedichtetes zu besitzen . Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wäre , so hätte er ihr das Alphabet überreichen können , um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht zu irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden . Doch sollte sie nicht ohne Kränkung aus dieser Begebenheit scheiden . Kurze Zeit darauf erfuhr sie , er habe noch selbigen Abend einer von Ottiliens Lieblingsmelodien ein allerliebstes Gedicht untergelegt , das noch mehr als verbindlich sei . Luciane , wie alle Menschen ihrer Art , die immer durcheinander mischen , was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist , wollte nun ihr Glück im Rezitieren versuchen . Ihr Gedächtnis war gut , aber , wenn man aufrichtig reden sollte , ihr Vortrag geistlos und heftig , ohne leidenschaftlich zu sein . Sie rezitierte Balladen , Erzählungen und was sonst in Deklamatorien vorzukommen pflegt . Dabei hatte sie die unglückliche Gewohnheit angenommen , das , was sie vortrug , mit Gesten zu begleiten , wodurch man das , was eigentlich episch und lyrisch ist , auf eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als verbindet . Der Graf , ein einsichtsvoller Mann , der gar bald die Gesellschaft , ihre Neigungen , Leidenschaften und Unterhaltungen übersah , brachte Lucianen glücklicher - oder unglücklicherweise auf eine neue Art von Darstellung , die ihrer Persönlichkeit sehr gemäß war . » Ich finde « , sagte er , » hier so manche wohlgestaltete Personen , denen es gewiß nicht fehlt , malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen . Sollten sie es noch nicht versucht haben , wirkliche , bekannte Gemälde vorzustellen ? Eine solche Nachbildung , wenn sie auch manche mühsame Anordnung er fordert , bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor . « Schnell ward Luciane gewahr , daß sie hier ganz in ihrem Fach sein würde . Ihr schöner Wuchs , ihre volle Gestalt , ihr regelmäßiges und doch bedeutendes Gesicht , ihre lichtbraunen Haarflechten , ihr schlanker Hals , alles war schon wie aufs Gemälde berechnet ; und hätte sie nun gar gewußt , daß sie schöner aussah , wenn sie still stand , als wenn sie sich bewegte , indem ihr im letzten Falle manchmal etwas störendes Ungraziöses entschlüpfte , so hätte sie sich mit noch mehrerem Eifer dieser natürlichen Bildnerei ergeben . Man suchte nun Kupferstiche nach berühmten Gemälden , man wählte zuerst den Belisar nach van Dyck . Ein großer und wohlgebauter Mann von gewissen Jahren sollte den sitzenden blinden General , der Architekt den vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden , dem er wirklich etwas ähnlich sah . Luciane hatte sich , halb bescheiden , das junge Weibchen im Hintergrunde gewählt , das reichliche Almosen aus einem Beutel in die flache Hand zählt , indes eine Alte sie abzumahnen und ihr vorzustellen scheint , daß sie zuviel tue . Eine andre , ihm wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen . Mit diesen und andern Bildern beschäftigte man sich sehr ernstlich . Der Graf gab dem Architekten über die Art der Einrichtung einige Winke , der sogleich ein Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die nötige Sorge trug . Man war schon tief in die Anstalten verwickelt , als man erst bemerkte , daß ein solches Unternehmen einen ansehnlichen Aufwand verlangte und daß auf dem Lande mitten im Winter gar manches Erfordernis abging . Deshalb ließ , damit ja nichts stocken möge , Luciane beinah ihre sämtliche Garderobe zerschneiden , um die verschiedenen Kostüme zu liefern , die jene Künstler willkürlich genug angegeben hatten . Der Abend kam herbei , und die Darstellung wurde vor einer großen Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgeführt . Eine bedeutende Musik spannte die Erwartung . Jener Belisar eröffnete die Bühne . Die Gestalten waren so passend , die Farben so glücklich ausgeteilt , die Beleuchtung so kunstreich , daß man fürwahr in einer andern Welt zu sein glaubte , nur daß die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte . Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder aufgezogen . Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die Gesellschaft , die man durch ein Bild höherer Art überraschen wollte . Es war die bekannte Vorstellung von Poussin : Ahasverus und Esther . Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht . Sie entwickelte in der ohnmächtig hingesunkenen Königin alle ihre Reize und hatte sich klugerweise zu den umgebenden , unterstützenden Mädchen lauter hübsche , wohlgebildete Figuren ausgesucht , worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im mindesten messen konnte . Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den übrigen ausgeschlossen . Auf den goldnen Thron hatten sie , um den Zeus gleichen König vorzustellen , den rüstigsten und schönsten Mann der Gesellschaft gewählt , so daß dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann . Als drittes hatte man die sogenannte » Väterliche Ermahnung « von Terburg gewählt , und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem Gemälde ! Einen Fuß über den andern geschlagen , sitzt ein edler , ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden . Diese , eine herrliche Gestalt im faltenreichen , weißen Atlaskleide , wird zwar nur von hinten gesehen , aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten , daß sie sich zusammennimmt .