diesen sonderbaren Brief von Wilhelm , der , wie ich Dir vielleicht schon geschrieben habe , seit einiger Zeit mich verlassen hat , um sich in einer andern Stadt auf eine zweckmäßigere Weise , auszubilden : Liebe Mutter ! » Ich bin nun von Dir getrennt , weil Du es wolltest , und wenn dies nicht wäre , und ich mir nicht so oft sagte , daß es Dein Wille ist , so wäre ich schon längst zurückgekehrt . - Ich fühle es täglich , daß ich in der Welt keinen Menschen , als Dich habe , für den ich lebe , daß ich nichts , gar nichts in der Welt habe , als meine Liebe zu Dir , in der ich aber so reich bin . - O ! ich hoffe , ich darf Dir alles schreiben , was ich fühle , denn ich habe ja Niemanden , dem ich mich mittheilen möchte ; nicht aus Demuth , sondern aus Stolz . Es ist mir oft , wenn ich Andern meine Empfindungen sagen will , als wollt ' ich Bettlern oder Unwissenden , Banknoten hingeben , und sie müßten mich auslachen , weil sie glaubten , ich wollte ihrer , mit dem Papier , wofür sie sich kein Brod kaufen können , spotten . - Sieh ' so steh ' t es mit mir ; Du , liebe Mutter , bist das einzige Wesen , dem ich angehören kann . Laß mich Dir ewig dienen in dem schönen Gewande , das Du mir um die Schultern gelegt hast , und das mit vollen malerischen Falten über ein Herz herunter wallt , worein Dein Bild so lieblich und treu gezeichnet ist , und das so gut ist , als Du Dir nur denken magst . -Ja mein Herz , ist mein einziger Stolz , mein einziger Trost , es müßte dann Deine Liebe verlieren , dann - ja , dann wäre ohnedies alles verloren . Aber Du wirst Dein Geschöpf nie aufgeben , und ich darf also sagen , daß mein Herz , in welchem Du lebst , mein einziger Trost , so wie mein Kopf , meine einzige Stütze werden soll . - Mutter ! ich werde Dir dann ähnlicher sein - welch ' eine Wollust ist mir der Gedanke , Dir ähnlicher ! - Auch Dir ist Dein Herz , einziger Trost gewesen , und Dein Kopf mit der freundlichen Stirn , mit der hohen , feinen Miene , und der Schwermuth in den schwarzen Augen , und der Liebe , der süßen und ernsten Liebe auf den Lippen . - Zwar habe ich Deine Leiden nie einsehen können , denn Du wurdest ja immer von allen geliebt , was Dich umgab , und durftest wählen , und konntest doch alle entbehren , weil Du in Dir selbst so reich warst , aber doch habe ich gefühlt , daß Du littest , und wie groß muß Dein Herz sein , daß Du bei Deinen eignen , vielleicht sehr verwickelten Verhältnissen , allen Deinen Freunden mit Deinem Rath und Deiner Liebe dienen konntest , als wär ' st Du selbst von allen Sorgen gänzlich frei ! - Auch ich hatte an dieser Vorsorge Antheil , und o ! ich bitte Dich nochmals dringend ! laß sie nie enden , laß mich nie frei sein ! Diese Freiheit ist mir schrecklich , frei wie ein Einsiedler ! - O ! Mutter ! Es wird Dir gewiß einst wohlthun , einen Menschen , dem Du so viel gegeben hast , durch Dich und um Dich groß und gut werden zu sehen ! - O könnte ich die Seeligkeit des Gefühls mit Dir theilen , das sich jetzt in meinem Herzen voll und wohlthätig ausbreitet ! In diesem Moment fühl ' ich innig , wie viel besser , wie sehr gut ich schon durch Dich geworden bin . Dank , ewigen Dank ! - Das Band , welches mich an Dich bindet , kann nicht mehr zertrümmern , denn Du hast so unendlich viel in mir erschaffen , was nicht aufhören , sondern immer wachsen muß . Du hast durch Deine Vortrefflichkeit , jede Art von Liebe in mir erregt . Ich ehre und liebe die Natur , die ein Geschöpf , wie Dich hervorbringen , die eine solche Schöpferin schaffen konnte . - O ! daß Du einst mit Freuden auf mich , als Dein Werk sehen mögtest ! Schreibe mir nur wenige Worte , ob es Dir wohlgeht , denn sonst muß ich gleich zu Dir hin , weil mich die Angst der Ungewißheit tödten würde ! - Und , dann schreib mir auch , ob Dir mein Brief gefällt , und was Du nicht gerne von mir hörst , damit ich Dir mit freiem und un gedrücktem Herzen wieder schreiben kann , denn ich würde gewiß ewig jede Zeile beweinen , mit der ich Dir Verdruß gemacht hätte ! « Wilhelm . Ich gestehe Dir Julie , daß ich diesen Brief nicht ohne Thränen habe lesen können . - Es ist eine Innigkeit darinnen , die unverkennbar aus dem Herzen kömmt , aber , was mich so unendlich schmerzt , - aus einem beklommenen Herzen . - So werth mir Wilhelm immer war ; so wenig hab ' ich doch , wie mir nun klar wird , auf das , was in ihm vorgieng , geachtet . - Seine innige Anhänglichkeit , nahm ich für die natürliche Ergebenheit eines dankbaren Kindes , sein Schweigen , seine stille Trauer in der spätern Zeit , für Ruhe oder Ge fühllosigkeit . - So enthüllt doch meist erst die Entfernung , was in der Gegenwart verborgen blieb , und der Buchstabe kann oft leichter verkünden , was der Mund sich zu bekennen weigert ! Indessen seh ' ich keine nachtheiligen Folgen für den Jüngling voraus - Ich stand ja vor ihm in allen den Beziehungen da , die nur die schönsten Gefühle des Herzens erwecken können , so daß das seinige wohl