bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man ihm ... Sie dachte sich , Paula versinkt in Schlummer , Bonaventura ' s Berührung bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt : Armgart sitzt hinter Schloß und Riegel im witoborner Mühlenthurm ! ... In solchen Zuständen läuft es im Menschen hin , wie uns plötzlich eine Maus erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer - wie uns eine Katze begegnet im lachendsten Blumenfelde . Sachen fielen ihr ein , lächerliche , als sollte sie wahnsinnig werden ; zwei Groschen Schulden , die sie noch an eine Mitpensionärin in Lindenwerth zu bezahlen vergessen hatte ; eine wundervolle purpurrothe Schleife , die sie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Drusenheim bewundert hatte ; ein Bändchen , das neulich dem Pfarrer Müllenhoff während der Messe am Halse hervorguckte ; hundert kleine verworrene Thatsachen blitzten auf wie todt bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Theorie wahr , derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stäke , wenn nur eine Hand da wäre , die die Thore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen aufschlösse ... Und als sie Benno ' s und Thiebold ' s gedachte , stieß sie dumpf die Worte aus : Gott ! Gott ! Laß mir die Sinne ! ... Dann sprach sie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter , ihr zur Erfüllung desselben beizustehen . Sie wandte sich an die vierzehn Nothhelfer , jedem derselben nach seiner besondern Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend . Die Angerufenen standen vor ihr , jeder mit dem Marterwerkzeuge , das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben . So gewohnt war sie die Litanei : O du gnadenreiche Mutter , du heiliger Joseph , du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein ! daß ihr die Bibel , nach der sie griff , wie ein fremdartiges Buch erschien . Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot , ihr gewohntes Brevier eine viel süßere Kost ... Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm bleibenden Ofens ... Jetzt sprang sie rascher hinzu ; aber schon war die Bescheerung da ... Ein Nachtessen , reicher , als die Tante Abends der Gesundheit für zuträglich hielt ... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ... ... Wer mag der Rabe sein , der mich nährt ? sagte sie , an den Propheten Elias denkend ... Die taube Alte ? ... Indessen sie aß und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgniß vor dem Geschirr , das jetzt in der Küche fehlen würde , da sie das vom Mittag noch zurückbehalten hatte , und nicht ohne guten Willen , es selbst zu waschen und in den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen : Nehmt ' s lieber mit , ehe ich ' s zum Fenster hinauswerfe ! ... Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schloß Westerhof dann verloren gegangen . Nur weil die Mühlen noch immer rauschten , dachte sie : Es ist noch früh ! Es ist noch nicht einmal Feierabend ! ... Aber ihr Licht ! Eine Talgkerze , gegen deren Duft sie an sich nichts hatte , da sie wenigstens in Lindenwerth keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel oft genug Lichter goß , die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch viel schlechteren Geruch verbreiteten , als Talg - Ihr Licht war schon zum letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange , lange Nacht vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hülferuf ... Schlafen sollte sie ? Schlafen in diesem Bett ? ... Das wollte ihr nicht einkommen ... Sie deckte doch aber das Bett auf ... Dabei mußte sie den Hut wegnehmen , die Kleider - Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ... Wie sie sie aufhob , war ' s wie eine glühende Kohle ... Sie sah das Wort : » Freundin « Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen ... Sie ordnete die Schüsseln und Teller und stellte sie in den Ofen , der , wie es schien , ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ... Das Bett war sauber und weiß ... mindestens so gut , wie ihr Lager in Heiligenkreuz ... Sie versuchte es , sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das Zimmer war zu heiß ... Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rücken . Aber schon ermüdete sie und ahnte , daß sie doch nur zu vergeblichen Versuchen zurückkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Mühlenräder gingen und gingen ... Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen ? Ost sogar dachte sie , Hedemann käme - in Kettenstrafe , wenn man seine ruchlose That erführe , und da wollte sie denn lieber dulden , schweigen und weinen ... » Freundin ! « ... Das Wort verließ sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen desselben ausmalend , versank sie , unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt , in Träume und entschlummerte allmählich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen des Wehrs und der Mühle , an das Sägen , das hirnzerschneidende , gewöhnt ... Ihr Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken , aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie träumte von einem großen dunkelblauen Bande , das sie umringelte ... War es ein Thier ? Eine Schlange ? Immer enger und enger wurde das Band , endlich sah sie nichts mehr , als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen , mit langen , feuchten , schwarzen Haaren - Das war dann Lucinde , die , wieder freundlich geworden , ihr zunickte wie die Wasserfee ... Sie mußte lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein ; denn als sie erwachte , war es Heller Morgen ... Die Sonne fiel schon ins Zimmer