dem Rafflard über die freie Bahn , die sich nun zwischen ihm , Egon und Helene d ' Azimont eröffnete , sollte aber nicht lange währen . Er sollte bald kennen lernen , daß Egon einer jener Menschen war , die über jede Berechnung hinauswachsen . Kein Maßstab paßt auf Individuen so flugschneller Entwickelung . Wie der Jesuit die Bedienten nach der Gräfin fragte , wie man ihm sagte , sie wäre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen , hätte aber vom Fürsten Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen , wußte er , ohnehin noch erschüttert , nicht , was er thun sollte . Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen . Alle seine Pläne gingen so günstig vorwärts . Er hatte der alten Gräfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben können , daß er sich ihrem Auftrage , eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befördern , mit dem günstigsten Erfolge unterzöge . Helene hatte er seit vorgestern früh nicht gesehen . Er hoffte , sie mit der Aussicht , daß der Bund , der sich um Egon gebildet hatte , zersprengt , zerstreut , entfernt war , auf ' s angenehmste zu überraschen , und nun hörte er , daß sie weine , krank wäre , ihn abweise und sich schon wieder eingeschlossen hätte ! Eine längere Ungewißheit ertrug er nicht . Er näherte sich der verschlossenen Thür und lauschte . Es war ihm , als hörte er weinen . Um des Himmels Willen , dachte er , was hat die Gräfin vor ! Was ist geschehen ? Er öffnete leise das Metallplättchen über dem Schlüsselloch . Die Bedienten , denen der Zustand ihrer sonst so gutmüthigen und freundlichen Herrin Besorgnisse einflößte , unterstützten ihn in seinem Beginnen . Er konnte Helenen nicht sehen . Der Schlüssel , der von innen steckte , verhinderte es . Aber deutlich hörte er , daß sie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine Fieberkranke . Jetzt hielt er sich nicht länger . Er klopfte . Helene antwortete nicht . Er klopfte stärker und rief durch das Schlüsselloch : Beste , theuerste Freundin , was beginnen Sie ! Lassen Sie mich hinein , Ihr wärmster , aufrichtigster Freund muß Sie sprechen ! Es sind Wunderdinge geschehen . Öffnen Sie , Gräfin ! In der That hörte er die Gräfin gehen . Sie erhob sich . Er hörte ihr Kleid rauschen . Sie schloß auf . Wie er eintrat , sah er eine Jammergestalt . Die Wangen der schönen Frau waren wie grau . Die Augen erloschen . Die Hände schlaff herabhängend . Er faßte die Rechte , sie zu küssen . Sie war eiskalt . Aber , was ist Das ? rief er . Gräfin ! Ich komme , um Ihnen zu sagen , daß von morgen , vielleicht schon von heute an der Fürst von allen seinen Umgebungen gänzlich verlassen ist . Er wird Minister . Das ist wahr . Aber die Stunden der Muße , der Erholung , deren er nur zu sehr bedarf , werden unverkürzt Ihnen gehören . Wieweit sind Sie ? Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief . Es war dieselbe Handschrift wie die , die er eben an Louis gerichtet gesehen hatte . Egon schrieb an die Gräfin eine Entscheidung ihres Schicksals . Vierzehntes Capitel Zum Lebewohl Der schmerzliche Accord , der durch unsre ernster tönende Erzählung fährt , lautete : » O es ist wol eine der herbsten Entbehrungen , Helene , die sich der Mensch auferlegen kann , wenn er sich dem Arme der Liebe entwindet . Ich habe lange gerungen , mich von den grauen und düstren Vorstellungen , die mein Gemüth umschatteten , zu befreien . Ich kann nicht anders ; ich bin den finstern Mächten der Überlegung verfallen und was ich auch beginne , mich wiederaufzuschwingen zu einem großen , vorurtheilslosen , freien Blicke über das Leben hin , ich kann es nicht . Ich erfülle mein Schicksal . Was mich zu dir führte , geliebte Helene , hab ' ich oft dankend gestammelt . Es war nicht deine Schönheit allein , nicht die Güte deines Herzens , die sorgsame Liebe und Sorgfalt , ja leidenschaftliche Vergötterung Dessen , was du einmal in das Heiligthum deines Herzens eingeschlossen hattest , es war ebensoviel von meinem eignen innern Drange , gerade Das , was ich in dir fand , gerade Das zu besitzen . Ich Ärmster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben ! Liebe ist das behagliche Glück der reinsten Menschlichkeit . Liebe ist das stille Ausruhen an einem Platze , wo es allen Sinnen , den innern und äußern , wohlergeht . So glücklich war ich zwei mal ! In Lyon und in Enghien ! In Paris verlor ich Louison . Ich verlor diese Liebe an Paris selbst . Es gehört zur Liebe ein schlummernder Mensch , der wenig bedarf , wenig begehrt , viel träumen kann . Ein solcher war ich nicht mehr , als ich die große Weltstadt sah , das Gewühl der Menschen , die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt werden . Louison ' s liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasieen nicht mehr hinauf , die mich in der großen Weltstadt zu umgaukeln anfingen . Und doch wollt ' ich entsagen , wollte nicht sein und scheinen was ich war , wollte mich verbergen , lernen , mich bilden . Ich mochte den Begriffen , denen ich in Lyon Treue geschworen hatte , nicht entsagen . Da fand ich Alles , was ich vermißte , in deiner Liebe ! Du hast mich geliebt , Helene , wie die Mutter , die sich vom Gatten abwenden muß , ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu läutern glaubt ! Du fingst an , dich selbst zu lieben , dir selber zu gefallen , als du deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst ! Aber auch damals , theures Wesen , warst du mir nur der