Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe Stunde später ein näher kommendes Geräusch ... Es kam aus dem Ofen , der von außen geheizt wurde ... Legte man noch Holz an ? ... Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ... Sie ging hin und sah in der warmen Röhre ein starkes Brett mit einer Schüssel Suppe , mit Brot , Rindfleisch , Erdäpfeln und Braten ... Das war wie hingezaubert ... Die Speisen kamen von außen herein ... Sie übersah den Ofen , der nur zur Hälfte im Zimmer stand und von der andern Hälfte aus eine Klappe hatte , durch die man einen hier Eingeschlossenen verköstigen konnte , ohne daß man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum , wo sich sogar Geräthschaften zur Reinlichkeit befanden ; selbst einen Verschlag , den sie rasch wieder schloß ... Der Thurm war für einen längern Aufenthalt eines hier oben völlig Isolirten eingerichtet ... Gefangen ! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen , die von ihrer Seite aus sich nicht in Bewegung setzen ließ ... Das wird dir wol vom Abschiedsmahl Benno ' s und Thiebold ' s geschickt ! ... Wenn sie wüßten , für wen diese Reste bestimmt waren ! ... Hedemann , mein Kerkermeister , wird ihnen kein Wort davon sagen ... Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge , die sowol einem längern Aufenthalt wie zur Befriedigung nächster Bedürfnisse dienen konnten ... Auch Wasser stand da , trinkbares ... Das Zimmer gehörte ohne Zweifel dann und wann einem der ersten Beistände Hedemann ' s bei seinem Geschäft ; jetzt fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ... Sie aß nun einige Löffel von der Suppe und stellte den Rest der Speisen zurück ... Später nahm sie ihn doch . Die Natur machte ihre Rechte geltend ... Sie hätte sich schon zu fügen angefangen , wäre sie nur nicht so gefoltert worden von dem Rauschen der Räder ... Das war doch , als rollte so ihr eigenes Leben um ... Nun , dachte sie , geht Terschka aufs Schloß , die Mutter ist vielleicht schon da , die Geheimnisse dieses Briefes enthüllen sich , dein Liebesopfer verwirft das Schicksal , der Traum der Legenden ist im Leben unmöglich ... Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur , das Aeußerste daranzusetzen , ins Freie zu kommen ... Sie untersuchte wieder Thür , Wände , Fenster , den Ofen ... Die verbindende Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend , auf den Stillstand der Räder , auf die Kraft ihrer jugendlichen Stimme ... Nein , die Nacht läßt er dich nicht hier ! sagte sie ... In ihrem wilderregten Innern jagte sich Bild auf Bild . Bei allem verweilte sie , bei Lucinde , bei Bonaventura , bei Paula ... Zum Bilde Paula ' s vor ihrer Seele erhob sie die Hände in die Höhe und betete : Schließt sich dein Auge , Freundin , so frage deine Engel , wo ich weile ! Man wird mich doch vermissen , man wird mich doch suchen ; du wirst sagen , wo sie mich gefangen halten ! ... Nun weinte sie um die Verzweiflung derer , die nicht wissen würden , wo sie geblieben ... Wieder blätterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch deshalb , um des Briefs nicht zu gedenken , der sie magisch anzog ... Sie hatte ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht entschließen , sich für ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen , die sich rings an den Wänden befanden ... In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder , die ihr aus ihrem Jugendunterricht so lieb waren , die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes ... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei Joseph ' s Liebe zu seinem Vater , bei Absalon ' s wildem Trotz , bei den Söhnen Eli ' s und deren strafendem Ende ... Glocken hörte sie vor dem Lärm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend ... Wenn nun ihr Vater hereintrat , was würde sie ihm sagen ! ... Die Kraft , ihn zu begrüßen mit dem Wort : Du Grausamer , du hast mich um die Wonne des Heiligsten gebracht ! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurd ' es in ihr bei dem Gedanken : Hättest du wol das Aeußerste gewagt und Terschka ' s Arm ergriffen und dich vor den Augen der Mutter für ihn bekannt ? ... Sie hatte sich ausgemalt , das im entscheidenden Augenblick thun zu wollen , die Angehörigen zu Zeugen seiner Werbung zu machen und die Aeltern so zu überraschen ; die Mutter , wenn sie Terschka liebte ; den Vater , wenn er davon eine Ahnung hätte ... Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ... Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete darauf , nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und , wenn die Mühlen endlich innehalten würden , ihren Hülferuf zu erneuern ... So verging die Zeit ... Sie zündete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu gespenstisch einsam , zu schauerlich ringsum ... Sie hörte und sah im Geist , wie man auf Westerhof sie suchte , wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter sich in gleicher Lage befinden würde , wie damals , als man sie ebenso in Lindenwerth nicht fand ... Sie gedachte der Geistertheorie des Onkels ... Sie hätte auf irgendeine Weise , um an sich zu erinnern , auf Westerhof spuken mögen , durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der Thüre ... Sie wußte , man brauchte nur ganz fest und