! Wie er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte , das durch eine Glasthür vom Vorzimmer getrennt war , hörte er , wie Murray öfters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete . Dann sang der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fensterscheiben , in deren Nähe er saß . Dem Diener war es jedesmal unheimlich , wenn es klingelte und er zum Öffnen hinaus mußte . Zuletzt hörte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des Professors Rafflard , der sich schon auf der Treppe ankündigte . Sogleich ging er ihm entgegen , öffnete und zeigte auf Murray , der ihn erwartete . Ah ! Sind Sie endlich da ! Was hab ' ich Sie erwartet ! Wo ist die Gräfin ? Ausgefahren , Herr Professor ! Kommen Sie , mein Bester ! Kommen Sie ! Jean , wir gehen in das gelbe Zimmer . Man soll uns nicht stören . Hörst du , Jean ? Kommen Sie , Murray ! Gehen Sie voran . Rafflard öffnete lang ausschreitend und ließ Murray , der sogleich ehrerbietig aufgestanden war , vorangehen . Rechts ! Rechts ! sagte Rafflard . Ihr wißt doch noch ? So ! Hier herein ! Damit folgte Rafflard , drückte die Thür des gelben Zimmers fest hinter sich zu , legte den Hut ab und setzte sich erschöpft . Was bringen Sie ? Wie steht es ? Was habt Ihr heraus ? fragte er und zog eine Schachtel voll Brustpastillen , erwartungsvoll , was ihm der demüthige und sich überall umblickende Murray würde mitzutheilen haben . Ei Herr , ich denke ja , begann Murray verlegen , ich denke ja , es wird sich so schicken , wie Sie ' s wünschen . In der That , Murray ? Ihr verdient Euch den wärmsten Dank der rechtschaffenen Familie , von der ich schon gesprochen habe . Erzählt ! Wie weit seid Ihr ? Wie ich von Ihnen ging , Herr ... Darf ich denn ... Erzählt ! Alles ! Alles ! Da ging ich sogleich in meine Wohnung ... Brandgasse Nr. 9. Nein , in eine neue , die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der alten miethete ... Ihr seid schlau ... Wo ist Das ? In der Wallstraße Nr. 13. Wallstraße ... Eine Treppe hoch ... vorn heraus ... ein Sprachlehrer , Signor Barberini war eben ausgezogen . Signor Bar ... Es soll , sagte man mir , ein Herr gewesen sein von langer Statur , mit schwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Nase , aber einem Kinn wie ein Pavian ... Ei , ei ! ... Ein Italiener ! Und Spitzbube ! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer gesehen haben , nie hat er dort geschlafen . Fast glaub ' ich , daß er nur dort wohnte , um seinen Nachbar zu belauschen . Ich verstehe ... Aber , wie kommt Ihr ... Gerade zu dieser Wohnung ? Das will ich Euch sagen , Herr ! Ihr hattet von Fränzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir , wo sie wohne ... Richtig . Im Hause bemerkt ' ich denn auch bald , daß der junge Mann , der seiner Familie so vielen Kummer macht , ein Soldat ist , Namens Heinrich Sandrart . Wer ? Es ist ein Sergeant . Er liebt Fränzchen ; er ist wie die Taube , sie ist wie der Geyer . Sie mag ihn nicht ... Nein ! Nein ! Das - Ich versichere Sie , Herr ! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Märtens und bläst die Flöte . Sie bringen den an ' s Ende der Welt , wenn Franziska Heunisch entführt wird ... Aber - Ohne Rathgeber , fuhr Murray in seiner trockenen , ruhigen Weise fort , ohne Rathgeber und Vertraute kommt man in großen Wagstücken nicht weiter ! Aber - Ich vertraute mich meinem Nachbar . In der Brandgasse ? .. Nein , in der Wallstraße . Es ist ein Landsmann von Ihnen . Louis Armand ! Ein Pariser , Kunsttischler , Vergolder ... Freund des Prinzen Egon ... Ich hoffe , Freund , Ihr habt keine dummen Streiche gemacht ! Euern Landsmann wollt ' ich zum Vertrauten wählen . Seid Ihr toll ? Vorgestern Nachmittag wollt ' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen . Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe . Oben war sein Comptoir verschlossen . Ein Anschlag verweist in den Hinterhof . Also ... Konnt ' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen ... Zum Henker ! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen ? Ich schätze den Mann seit lange . Ihr kanntet ihn ja nicht ! Louise Eisold , meine Nachbarin , lehrte mich ihn kennen . Aber Freund , Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit - Nein ! Ihr müßt wissen , Herr , daß ich nach vielen wilden Dingen , die schwer auf meinem Gewissen lasten , zuweilen trübsinnig bin , schwarzsichtig . Da ist ' s mir eine Freude geworden , neben der Louise Eisold zu wohnen . Sie fürchtet sich zwar vor mir , das närrische Ding ; aber singen hör ' ich sie doch gern , und wie sie einmal ein Lied sang , das mir ausnehmend gefiel , ging ich zu ihr und klopfte an . Das sind acht Tage her ... Wozu soll Das ? Ich klopfte bei ihr an und sagte : Louise , seit dem Tage , wo Ihr mir das Glas Wasser vom Brunnen holtet , sprachen wir uns nicht . Ich habe seitdem viel Leids erlebt . Ich kam in dies Land , um hier zu sterben . Ich habe eine ernste Pflicht vor meinem Tode zu erfüllen , einer von elenden , nichtswürdigen Menschen mit Füßen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen , dann will ich mein zweites Auge zuthun , das erste hab ' ich schon daran gewöhnt , nichts mehr von der Welt zu sehen ... Rafflard rückte