alles das hat , ich weiß es vom Oberprocurator Nück - auch deine Mutter gethan und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger gewesen , als immer der Mann , der sie früher bändigen wollte , ehe sie die Lust der Freiheit gekostet , oder , wie man richtiger sagt - gebüßt hat ... Und wenn ich mir den Obersten vergegenwärtige , den ich kenne , den ich gesehen und gesprochen habe - Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand ... Daß diese ihr eigenes Verhältniß zu Bonaventura beschrieb , wußte sie nicht ; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht denken ... Dein Vater , fuhr Lucinde fort , erschien mir bei einem kurzen Begegnen in Kocher am Fall eine Natur wie aus Granit . Lieben könnt ' ich ihn nicht . Aber - nun kam Lucinde unbewußt in die Anrede mit » Sie « zurück - Ihre Mutter schon , die sieht nicht , glaub ' ich , die Bibliothek , die in seinem Innern aufgebaut ist , von zehntausend Bänden Weisheit . Sein Bruder , Ihr Onkel Levinus , hat auch diese Bibliothek im Kopf , ich hörte das ja heute ; aber der plaudert sie aus oder sie liegt krummbucklig in ihm durcheinander , bald orientalisch , bald spanisch , bald kocht er Gold , bald blos Seife ... Der ist nicht einmal das Conversationslexikon , wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem Vater - da sieht man keinen einzigen Titel , keinen Einband , kein Schubfach , keine Rolltreppe - in alten Klosterbibliotheken ist ' s himmlisch , Armgart ! - das ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden . Denke dir , Armgart - Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede über - denke dir diesen Magen ! Diese Gesundheit ! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ... Sie liebt deinen Vater , sowie sie ihn sieht - falls freilich nicht bereits dein schlimmer , höchst leichtsinniger - Terschka - Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka ' s Brief in der Hand und legte diese und den Brief auf Lucindens Mund ... Nein ! Nein ! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das allbekannte Gelübde Armgart ' s : In der Rechten die Mutter , in der Linken den Vater und so beide fürs Leben verbunden ! ... In Witoborn , wo es des Tags nicht blos zu jeder Stunde , sondern im Grunde immer läutet , hämmerte bereits der unruhige Hinkbote , der in der Glocke jedes Jesuitenthurms sitzt . Das ging wie beim Sägemann auf dem Weihnachtstisch ... Armgart bat Lucinden , noch eine Weile auf den Wällen langsam hinfahren zu lassen ... Das Wetter wäre so schön ... Sie wollte zu Hedemann , wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ... Lucinde that alles , wie gewünscht und beugte sich zum Schlag hinaus , um mit dem Kutscher zu sprechen ... Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ... Du bist katholisch geworden ! sagte Armgart , es ihr zurücksteckend . Weißt du auch , was katholisch ist ? ... Katholisch sein heißt einen geheiligten Willen haben ... Das ist recht ! wallte Armgart auf . Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe ich ins Kloster gehe , beten wir im Dom zusammen ? ... Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie - ins - Kloster ! setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen ' s , die gleichfalls nur einen vorübergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht für immer blieb ... Wann reisen Sie denn ? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ... In wenig Stunden ... Und kommen nicht wieder ? ... Gegen Ostern ... Armgart ' s Miene war so wehmuthvoll , als wollte sie sagen : Wer weiß , wo ich dann bin ! ... Lucinde sah diesen Schmerz , der sich durch ein Blinken der weißen Zähne ausdrückte ... Sie nahm jetzt den Brief , den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand hielt ... Sie wollte vom Gespräch über ihre eigenen Pläne und Absichten abkommen und sagte : Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter ? ... Armgart erschrak und bestätigte es kleinlaut ... Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schicken ? ... Armgart blieb die Antwort schuldig ... Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift ? ... Nein - Herr - von Terschka ... Lucinde nahm den Brief , verglich den Umstand , daß Armgart diesen Brief nach Witoborn mitnahm , mit allem , was sie aus Armgart ' s Mienen zu lesen glaubte , und sagte : Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begrüßen - nicht wahr ? ... Nun sind Sie neugierig , was wol Terschka Ihrer Mutter schreibt , während er Ihnen zu gleicher Zeit - Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf ! ... Lucinde ! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins Wasser stürzen will , griff sie nach dein Brief - Lucinde gab ihn zurück ... Was aber hatte sie schon gethan ? ... Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des Couverts gegriffen und sie aufgerissen . So gab sie den Brief an Armgart zurück ... Es war eine Regung ihrer alten Natur ... Für Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen , das so weit ging , ein fremdes Geheimniß nicht zu schonen , so mußte es feierlich , wenigstens erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche That lähmte ihr die Sprache ... Lucinde lachte darüber ... Abscheuliche ! Jetzt erkenn ' ich dich ! rief endlich Armgart , nur zu einigen Worten sich sammelnd ... Lucinde konnte nicht aus dein Lachen kommen ... Schändliche ! Schändliche ! ... So lesen Sie doch , Kind - Ich verbitte mir - Lucinde