24. trat ein Kriegsgericht zusammen , das über den Fall aburteilen sollte . Trotzdem diesseitig ein die » exzentrische Natur « des Angeklagten ebenso wahrheitsgemäß wie geflissentlich hervorhebendes Schreiben an den Kommandanten von Thionville , Oberst Turnier , gerichtet worden war , sah sich das Kriegsgericht dennoch nicht veranlaßt , eine mildere Beurteilung des Falles eintreten zu lassen . Es konnt ' es nicht , weder nach Lage des Gesetzes noch der Situation . Am 29. früh , am Tage nach der Kapitulation von Metz , wurde das auf » Tod durch Erschießung « lautende Urteil vollstreckt . Das gleiche Los traf seinen Wirt , Mr. Bauer . Alles , was noch zu erzählen bleibt , ergibt sich am besten aus einzelnen Schriftstücken , die vorliegen : zwei Briefe Anderssens an seinen Vater und ein amtliches Schreiben des Obersten Turnier an den Kommandanten des 4. Ulanenregiments . Ich gebe diese Schriftstücke : » Lieber Papa ! Ich schreibe Dir und wünsche , daß Du zuerst diesen Brief liest , um Mama vorbereiten zu können . Das Kriegsgericht hat gesprochen . Ich bin zum Tode verurteilt . Ich kann mir Deinen Kummer denken : ich fühle es recht , mein lieber Papa . Du bist stets so gut zu mir gewesen ! Ich hab es Dir nie genügend gedankt . Es ging mir zu gut . Jetzt , wo ich in meiner Zelle sitze und diesen Brief auf den Knien schreibe , fühl ' ich erst , was ich an Euch verliere . Jetzt , wo es zu spät ist , erkenn ' ich , was Ihr mir gewesen seid . Es rührt mich , wenn ich daran denke , mit welcher Freude Du mir den geringsten Wunsch erfüllt hast , und wie Mama für mich gesorgt . Wer hätte das gedacht , lieber Papa , als wir uns zuletzt auf dem Bahnhof in Berlin sahen , daß wir uns nie wiedersehen würden . Das ist eine schreckliche Strafe für mich ! ... Ich bin hier allein , ohne einen Menschen , der ein Herz für mich hat ; welche Sehnsucht hab ' ich , Euch zu sehen . Ich hab ' an den Prokurator der Republik geschrieben , daß mir das Medaillon und zwei Briefe von Euch , die ich bei mir hatte , im Gefängnis gelassen würden . Man hat sie mir geschickt .... Die Stadt ist zerniert .... Es ist mir rätselhaft , wie ich auf diese Tollkühnheit gekommen bin . Der Kommissar der Republik , ein Offizier der Garde mobile , besucht mich alle Tage und hat mir versprochen , Briefe , die ich verschlossen abschicken will ( d.h. ohne daß sie jemand vorher liest ) , für mich zu besorgen . Auch wird er die Sachen , die ich mitgebracht habe , Euch zukommen lassen . Es sind dies : Uhr , Kette mit Petschaft , Medaillon und Kompaß , eine Brieftasche , Notizbuch , Zigarrentasche und mein Taschenmesser , der vielgenannte › Rippespeer ‹ . Wenn es nicht früher geht , werdet Ihr sie nach dem Kriege bekommen . Da das Geld , was ich mitgebracht habe , nicht reichen wird , so werd ' ich eine Bescheinigung zurücklassen , für das , was man für mich ausgelegt hat . Sei so gut , und gib meinen kleinen Revolver an Dr. Stich . Er soll ihn als Andenken behalten , den › Rippespeer ‹ auch . Meine andern Sachen werden Euch wohl vom Regimente zugeschickt oder später gegeben werden . Meinen letzten Brief hab ' ich am 15. geschrieben und Dich gebeten , mir eine neue Uniform zu schicken . Als ich den Brief schrieb , hab ' ich nicht gedacht , daß ich drei Stunden später in Thionville sein würde . Es ist merkwürdig , wie dieses Geschick so plötzlich über mich hereingebrochen ist . Wenn ich wenigstens vorher mir Zeit genommen hätte , nachzudenken und mich auf die Folgen gefaßt zu machen . Ich könnte wenigstens sagen , es sei meine Schuld . Es wär ' aber dann gar nicht passiert . Ich wundre mich selbst , daß ich keinen Menschen um Rat gefragt habe ; man hätte mir doch entschieden abgeraten . Es ist aber auch möglich , daß ich es trotzdem getan hätte dann würd ' ich mir noch mehr Vorwürfe machen . Ich kann mir nicht klar werden darüber . Das Ganze ist nicht weniger sonderbar , als wenn ich jetzt plötzlich bei Euch sein würde . Was man nur bei meinem Regimente davon denkt ! Auf alle Fälle wär ' ich noch vor das preußische Kriegsgericht gekommen . Es wär ' aber doch besser gewesen , ich hätte Euch wenigstens wieder gesehen . Ich bin verurteilt worden nach dem Artikel 207 , der wörtlich lautet : Est puni de mort tout ennemi , qui s ' introduit déguisé dans une place de guerre etc. Man hat keine mildernde Umstände anerkannt . Ich nehme jetzt Abschied von Euch , meine lieben Eltern . Es ist mir recht traurig zu Mute . Ich weiß , daß Ihr mir verzeihen werdet . Es wäre so schön , wenn wir uns wiedersähen ! Wenn ich aus dieser Lage gerettet worden wäre , ich hätte mich bemüht , mich stets dankbar gegen Euch zu bezeugen . Es wird mir so schwer ums Herz , daß ich so weit von Euch auf so traurige Weise aus dem Leben scheiden muß . Dieser Brief ist wahrscheinlich der letzte , den Ihr von mir empfangt . Grüße alle Bekannte , Stich , Wilhelm , Wally und Anna . Es ist mir so schmerzlich , wenn ich Eure Bilder in dem Medaillon betrachte ! Ich danke Euch für alles Gute und alle Liebe , die Ihr mir bewiesen habt . Tröstet Euch , meine lieben Eltern . Ich habe noch zwei Briefe von Mama ; ich lese sie oft ; es gibt mir Trost . Nach dem Kriege werdet Ihr das Medaillon erhalten . Ich weiß noch ,