auf diesen Angriff schwieg ... Sie preßte nur den Brief Terschka ' s an ihre Brust und sah und hörte im Geist schon die Mühlen Hedemann ' s und die Klingel an der Klosterpforte ... Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von Sicking angekommen ... Diese stieg aus und bat Lucinden , das Fräulein nach Witoborn zu begleiten ... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ... Lucinde hatte in Witoborn für ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und hoffte auch noch etwas im Münster von Hubertus zu erfahren , falls sich dieser aus dem Walde herauswagte ... Sie wollte fort , ehe der Rath von Enckefuß eintraf ... Inzwischen hatte sie angefangen , dem jungen Kinde immer mehr Theilnahme zu schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen , die ihr werth waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor ihren Aeltern ; die Gründe dafür waren landbekannt ... Allmählich verglich sie Armgart mit Treudchen Ley ... Wer ihr unbedingt gehorchte , dem konnte sie auch schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern über Armgart ' s Stirn ... Sie haben auch schon Sorgen ? sagte sie ... In Armgart ' s Antwortsblick lag : Was gehen dich meine Sorgen an oder bist du - vielleicht doch nicht so schlimm , wie sie alle sagen ? ... Lucinde verstand diesen Blick ... Man lästert mich wol recht auf Westerhof ? Nicht wahr ? ... sprach sie seufzend ... Auf Westerhof ? Da lästert man nicht ! Aber in Heiligenkreuz , ja da stehen Sie schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ... Lucinde warf verächtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus und zog Armgart zu sich hinüber - Armgart hatte durchaus auf dem Rücksitz bleiben wollen - Ja sie hielt sogar Armgart ' s Hand fest , die den Brief zu bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar , doch beachtete ihn Lucinde nicht ... So schlecht also hat man mich gemacht ! ... wiederholte sie . Und gewiß ist es die Unbescholtenste von allen , Fräulein von Tüngel , die mich am meisten lästert ! ... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit ? ... ... Diese Dame speculirte auf einen armen Phantasten , der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ... Jérôme von Wittekind ! Ich weiß alles ... Und - Ihr - Ihr Doctor Klingsohr ... Den trägt man Ihnen bitter und mit Recht nach ... Lucinde zuckte die Schultern und sagte : Den hab ' ich nie geliebt ... Sieh , sieh , weißt du schon , was die Liebe ist ? ... Dies » Du « flocht sie , indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte , so gewandt und listig ins Gespräch , daß Armgart vor dem traulichen Ton zwar erschrak und von ihr abrückte , ohne ihr jedoch zürnen zu können ; ihr kam das Du dann noch natürlicher , als sie sprach : Lucinde ! Dich sollte eigentlich jeder meiden ! ... So ! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art zurück . Das spricht Armgart ! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor ihr - wieder mit zwei jungen Männern vielleicht - Sie müßten doch wol schon gelernt haben , wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen können ... Armgart wurde über die beiden jungen Männer roth ... Alle Welt weiß ja schon von Ihrem Vorsatz ! ... Ich lasse den Wagen halten und verhindere Ihre neuen Thorheiten - Lucinde ! ... Freilich ! Sagen Sie gleich , wo wollen Sie hin ? ... Zu Hedemann - Dort finden Sie Ihren Vater - Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos ... Diese hielt sie fest ... Dann flieh ' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den Eremiten - oder in die weite Welt hinaus ! ... Lucinde mußte Armgart , die sich loswand , von ihrem Schoose freigeben ... Sie betrachtete das aufgeregte junge Mädchen halb mit Lachen , halb mit Rührung und ließ sich von Armgart ' s Gelübde erzählen ... Auch an Serlo ' s Töchter dachte sie bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu , die wieder neben ihr saß ... Lucindens Augen hätten dabei vor List glänzen können und glänzten doch nur vor Theilnahme ... Ihr Mund öffnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung und schön , wie in den Tagen ihrer ersten Blüte ... Armgart athmete kaum , so bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ... Lucinde , sagte sie tonlos , du kannst Latein , Italienisch , hast unsern Glauben angenommen ... aber ich fürchte mich doch vor dir ... Weil ich so schlecht bin ! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen Sehnsucht die braunen Armgart ' s ... Du bist eine Schlange , eine Hexe , sagen sie ... Dann bin ich es auch wol ! Darauf verstehen sich ja die Menschen und besonders die Frauen ... Armgart kämpfte immer mehr gegen die Bestrickung durch diese auch ihrer Lebensauffassung so verwandte Ironie ... Seit ich lesen kann , seit Paula in die Anstalt kam , fuhr sie fort , hab ' ich dich , Lucinde , fürchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir , ich sage dir das offen , mit Bewunderung ... Sie ist so gut , sie verehrt dich ... Wahrhaftig ! ... Und ich weiß doch , daß sie eigentlich nur immer Angst vor dir haben sollte ... Auch noch jetzt ? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung auf Bonaventura ... In ihren Visionen sieht sie dich fortwährend ... Und wie dann ? ... Nie gut ... Diese Visionen lügen ... Kluge Armgart ! ... Diese Visionen sind nur