noch immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit Ihnen fahren ! setzte sie wohlwollend hinzu ... Lucinde saß tiefbrütend und hatte Mühe , ihre Nerven zu bekämpfen ... Jetzt war sie jenem Weinkrampf nahe , der sie nach langer Spannung zu überfallen pflegte ... Armgart stellte Frau von Sicking über die Ankunft der Mutter zur Rede ... Diese , sich in die Frage langsam findend , sagte : Sie irren sich , kleiner Engel ! ... Sie war gar nicht bei mir ! Ich werde die Bekanntschaft erst später machen ! ... Aber Sie haben recht ! Fräulein von Tüngel und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine Wohnung an und ich besinne mich - ich hörte ja - eine Grille von Ihnen ... Wie ist es doch damit ? ... Ein Gelübde , gnädige Frau ! verbesserte Armgart ... Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt : Nun wohl , jetzt weiß ich - Aber - Himmel - ich entführe Sie doch nicht ? ... Wie war das Verhältniß ? Richtig ! Richtig ! ... Ich lasse halten ... Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht , daß die alten Pferde der Dorstets anzogen ... Armgart bat , keine Besorgniß zu hegen ; sie hätte dringend in Witoborn zu thun ... Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt ... Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen verlebten Augenblick zurück ... Allmählich aber schien sie geneigt , von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie erzählte einiges von ihrer Mutter , rühmte sie , gestand einen Brief der Commerzienräthin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu , wandte sich dann in ihr Brüten zurück und nur noch einmal nannte sie Terschka ... Armgart hätte sie für ein Lächeln dabei erdolchen mögen ... Lucinde erzählte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk ' s Gesellschaft ... Armgart ' s beide Zähne blinkten ... Frau von Sicking rügte mit großer Strenge die Absicht des » Herrn Obersten « , ihres Vaters , in Witoborn eine Fabrik zu gründen ... Und paßte das auch für seinen Stand , wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wählen , der für Witoborn - ich kann es nicht anders nennen , sagte sie - eine Blasphemie ist ... Sie werden ihn jetzt wol bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das , mein Kind ! Die Gesellschaft ist darüber außer sich ... Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation von Papier an - in Witoborn ! ... Denn sage man , was man will , das Papier ist eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewiß ... Armgart hörte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater für angesteckt von englischen Einflüssen . Sie verfiel darüber in große Trauer ... Lucinde bezeigte für Armgart noch immer nur ein vornehmes und geringschätzendes Mitleid ... Solche kleine Welt , die » auch schon mitreden will « , war ihr ein Gegenstand der Abneigung ... Dennoch fing sie an etwas zu scherzen , als Frau von Sicking am Pfarrhause abgestiegen war , um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und ihn womöglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Thiebold ... Dann auch mit Terschka , den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel scharf beobachtet hatte ... Ihr kluger Blick sah sogleich , wie die Augen Armgart ' s aufleuchteten , als sie , in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend , sprach : Aber was red ' ich denn ! Terschka schwärmt ja für Ihre Mutter ! Und jeder wird das müssen ! Sie hat graue Locken , das ist wahr ! Aber sehen Sie , dort liegt noch der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie belebt von Frühlingsahnung ... So auch - bei Ihrer Mutter ... Dich kenn ' ich jetzt ganz ! hätte Armgart rufen und sich auf sie werfen mögen ... Frau von Sicking kam zurück , becomplimentirt von Müllenhoff , der zwar noch ziemlich angegriffen aussah , aber doch die Berathung mit den Gemeindevorständen in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ... Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzücken selbst ... Er ließ den Bedienten nicht an den Schlag , nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und die beiden andern Damen begrüßen zu können ... Esbouquet und Sammet und Seide thaten es ihm an ... Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacéhandschuhe der Dame , die er in den Wagen hob ... Wol fünf Minuten lang sah er dein Wagen nach und würde sich unfehlbar aufs neue erkältet haben , hätte ihn nicht die Kathrein ins Haus zurückgezwungen ... Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer , als die frühere ... Lucinde mußte über den Einfluß des Priesterthums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking ihre Satyre unterdrücken ... Armgart verfiel , je mehr sie sich Witoborn näherte , in Angst und Wehmuth ... Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Länge nicht ganz die Wirkung , wie Paula ... Sie sah sie prüfend und prüfend an , verglich den Eindruck , den sie ihr im vorigen Jahre machte , mit dem jetzigen ... Sie fühlte sich eher schon durch sie angezogen , als abgestoßen ... Sie erzählte bereits am Pfarrhause Lucinden , warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trüge ... Paula ' s letzte Vision mußte sie erzählen ... Wieder tadelte Frau von Sicking , daß die Comtesse nicht die reinen Anschauungen vom Kreuze hätte . Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen Hochschlafs , mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten , nicht selten ein Abdruck aller Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer solchen Himmelsbraut ... Armgart war so tief unglücklich , daß sie