im täglichen Verkehr mit ihm . Du würdest es wie eine Schuld empfinden , hättest Du auch nur in Gedanken Antheil an irgend Etwas – “ „ Das ihn bedroht ? “ fiel Gabriele mit so eigenthümlich vibrirender Stimme ein , daß Georg stutzte . „ Den Freiherrn von Raven meinst Du ? “ sagte er langsam . „ Traust Du mir irgend etwas Ehrloses zu ? “ „ Nein , nein – aber ich fürchte – für Dich , für uns Alle . “ „ Sei ruhig , ich kämpfe mit offenem Visir und spreche im Namen von Hunderten , die nicht zu sprechen wagen . Der Gouverneur von R. mag antworten , wie es ihm gut dünkt . Er ist der Mächtige , dessen Stimme vor allem gehört wird ; die Gefahr ist allein auf meiner Seite , aber auch das Recht . – Und nun laß uns scheiden ! Wenn es irgend möglich ist , so erhältst Du Nachricht von mir aus der Residenz , aber wenn auch keine einzige Zeile bis zu Dir gelangen sollte , Du weißt es ja , daß Du allein mein ganzes Denken und Streben ausfüllst und daß ich mein Recht auf Deine Hand nicht fahren lasse , ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören , daß Du mich aufgiebst . “ Er zog sie in seine Arme , zum ersten Male wieder seit jenem Tage , wo er ihr seine Liebe gestanden hatte . Der Abschied war kurz und schmerzvoll ; noch ein paar innig und leidenschaftlich geflüsterte Worte , ein letzter Händedruck – dann riß sich Georg los und ging . Gabriele war auf einen Sessel niedergesunken und hatte das Gesicht in den Händen verborgen . Thräne auf Thräne tropfte zwischen den Fingern nieder , und doch galt dieses leise , halb unterdrückte Weinen nicht der Trennung allein . Es war noch ein anderes , unnennbares Weh , das durch die Seele des jungen Mädchens zog und mit geheimnißvoller , aber furchtbarer Gewalt die ganze Vergangenheit auszulöschen drohte . Georg hatte Recht ; er kannte Gabrielens eigentliche Natur bisher wirklich noch nicht , wenn diese Natur sich aber auch jetzt entschleierte – er war es nicht , der sie geweckt hatte . Die letzten Wochen im Raven ’ schen Hause waren allerdings nichts weniger als angenehm gewesen . Zwar hatte sich dort im äußeren Leben nichts geändert ; man sah und sprach sich nach wie vor bei Tische und bei gesellschaftlichen Veranlassungen , aber die frühere Unbefangenheit des Verkehrs hatte einer Gezwungenheit Platz gemacht , die wie ein schwerer Druck auf jedem Einzelnen lastete . Die Baronin fand sich in ihrer gewohnten Oberflächlichkeit noch am leichtesten damit ab . Sie begriff gar nicht , wie ein unbedeutender und flüchtiger Liebesroman , der ja nicht viel mehr als eine Kinderei war , den Freiherrn so tief und nachhaltig verstimmen konnte . In ihren Augen war die Sache mit dem energischen Verbot ihres Schwagers und der Entfernung des Assessor Winterfeld aus R. vollständig zu Ende und Gabriele mußte jetzt zweifellos zur Besinnung kommen . Die Mutter hatte ein , wie sie meinte , unfehlbares [ 325 ] Mittel in Bereitschaft , um jenen romantischen Jugendtraum bei ihrer Tochter in den Hintergrund zu drängen – die Bewerbung des jungen Lieutenant Wilten , der mit seinen Absichten jetzt deutlicher hervortrat . Oberst Wilten hatte seit jenem Festabende , wo er bemerkte , wie sehr sein ältester Sohn von dem Anblicke und den Reizen der jungen Baroneß Harder gefesselt war , den Plan einer Verbindung festgehalten . Da der Freiherr sich den ersten Andeutungen gegenüber sehr unzugänglich zeigte , so wandte der Oberst sich an die Baronin , die er denn auch seinen Wünschen geneigter fand . In der That ließ sich nicht viel gegen die Partie einwenden , die selbst einer anspruchsvollen Mutter genügen konnte . Die Wilten gehörten einem altaristokratischen Geschlechte an und waren mit den vornehmsten Familien des Landes verwandt oder verschwägert . Sie waren allerdings nicht reich , aber dieser Mangel wurde durch Gabrielens Mitgift und dereinstiges Vermögen abgeglichen , wenn , wie es zu erwarten stand , der Freiherr die Verbindung genehmigte . Albrecht von Wilten war ein junger , hübscher Officier , dem die Uniform vorzüglich stand und der ebenso vorzüglich ritt und tanzte . Er war ein liebenswürdiger Cavalier , wußte angenehm zu unterhalten und schien Gabriele wirklich tief und aufrichtig zu lieben . Kurz , er besaß alle Eigenschaften , welche Frau von Harder von ihrem künftigen Schwiegersohne verlangte , und der Oberst und dessen Gemahlin , denen die präsumtive Erbin des Freiherrn von Raven als Schwiegertochter sehr erwünscht war , überhäuften Mutter und Tochter mit Aufmerksamkeiten . Die Baronin sondirte zuvörderst bei ihrem Schwager . Sie machte freilich die unangenehme Entdeckung , daß Gabriele durch ihren Trotz und Eigensinn das frühere Wohlwollen des Vormundes vollständig verscherzt hatte , denn er nahm den ganzen Plan mit eisiger Gleichgültigkeit auf . Er erklärte zwar , daß er nichts dagegen einzuwenden habe , verweigerte aber jedes Eingreifen seinerseits und überließ Alles der Mutter allein . Diese gewann indeß die tröstliche Ueberzeugung , daß ihre Tochter als Baronin Wilten im ungeschmälerten Besitz all ’ der Rechte bleiben werde , die das Testameut des Freiherrn ihr verhieß , und damit fiel auch das letzte Bedenken . Gabriele durfte allerdings von dem Plane noch nichts wissen ; sie schien den jungen Officier nicht ungern zu sehen , verhielt sich aber ihm gegenüber ziemlich kühl und zurückhaltend und legte seinen Huldigungen offenbar keine tiefere Bedeutung bei . Sie weigerte sich deshalb auch nicht , die Mutter zu begleiten , als diese eine Einladung nach dem Wilten ’ schen Landsitze annahm , der einige Meilen von der Stadt entfernt am Fuße des Gebirges lag . Die kränkliche Gattin des Obersten pflegte dort den Sommer zuzubringen ; sie war noch nicht wieder nach R. zurückgekehrt , und da der Herbst noch schöne , sonnige Tage versprach , so ruhte Lieutenant Wilten nicht , bis