war nicht das erste Mal , daß sie ihm an dieser Stelle nahte , er hatte sie bisher noch immer überwunden , aber heute , nach jenem Gespräch mit dem Grafen , das ihm deutlich verrieth , was er bisher doch nur dunkel geahnt , welches Schicksal seiner wartete , heute setzte er ihr nicht den alten Widerstand entgegen . Wie festgebannt hing sein Auge an dem finstern Schlunde , an dem Gewässer , das sich zischend und schillernd wie eine Schlange dahinwand , und leise wie mit Schlangenlauten tönte dies dumpfe Zischen zu ihm herauf , es gewann eine Sprache , die immer deutlicher , immer vernehmlicher an sein Ohr schlug , war sie doch nur das Echo seiner eigenen wühlenden Gedanken . „ Wozu dich in die Hand der Menschen geben , wenn die eigene das Geschick vollenden kann , dem du nun einmal unwiderruflich verfallen bist ? Ein Sturz , ein letzter Aufschrei vielleicht – und die kalten Wellen schäumen hinweg auch über die heiße Stirn , die das Denken nun einmal nicht verlernen will , über das wilde glühende Herz , das nicht kühl und still schlagen kann unter dem heiligen Gewande . Und es ist doch Alles , Alles umsonst durch das eine unselige Wort , mit dem du dich der Kirche gelobtest , das dich bindet für Zeit und Ewigkeit ! Es reißt dich los von dem Leben , das mit all ’ seinen reichen Schätzen , mit all ’ seinem sonnigen Glanze wie ein fernes erträumtes Wunderland einst vor dir auftauchte , um auf immer wieder zu versinken , es zieht dich wieder zurück in die alte Knechtschaft , in die dumpfen Hallen des Klosters . Gehorsam heißt ja das erste , das oberste Gelübde des Ordens , und der Mönch muß ihm folgen , wüßte er auch , daß der Weg , den man ihn gehen heißt , am Abgrunde endigt ! Wozu den endlosen nutzlosen Kampf erneuern , dem doch nie der Sieg beschieden ist ? Ein entschlossener Schritt , und die Kette ist gesprengt , die Last sinkt von deinen Schultern für ewig ! Hinab ! “ Benedict starrte noch immer unbeweglich hinunter in die Tiefe , aber schwer und schwerer stützte er sich auf das Geländer , das schon wankte und zitterte unter seiner Hand , es legte sich feucht und eiskalt auf seine Schläfe , tief und tiefer senkte er das Haupt – noch eine Secunde , und die weißen Wellenarme drunten , die sich so gierig nach ihm ausstreckten empfingen ihr Opfer . Da auf einmal klang ein fremder Ton herüber , ferne , leise , halb verweht , aber er drang dennoch zu seinem Ohr , unwillkürlich hob er das Haupt und lauschte . Jetzt trug der Wind die Töne voller , mächtiger herüber , drüben in der Wallfahrtskirche hallten die Glocken und riefen zur Vesper , [ WS 1 ] die Kirche rief ihren Priester . Dort harrten die Andächtigen seines Erscheinens , und die geweihte Hand , die ihnen den Segen spenden sollte , hob sich in diesem Augenblick zum Selbstmorde ! Langsam zog Benedict den Arm zurück von dem Geländer , das in der nächsten Minute gebrochen wäre unter der Wucht seines Körpers , langsam richtete er sich empor und wandte das Auge weg von der verlockenden Tiefe . Die eherne Stimme der Pflicht suchte und fand ihn auf dem gefährlichsten Wege ; diese längst ihres Zaubers entkleidete , so tief gehaßte und doch beschworene Pflicht , sie ward jetzt seine Retterin . Vergebens streckten die Wellen ihre Arme auf ’ s Neue nach ihm aus , vergebens lockten und winkten sie ihn zu sich nieder , der helle Glockenklang übertönte die dunklen Stimmen aus der Tiefe , mit einem schweren tiefen Aufathmen rang sich der junge Priester los von der Versuchung und schritt entschlossen weiter , die verhängnißvolle Brücke blieb hinter ihm , hinter ihm verhallte das unheimliche Brausen und Zischen , nur die Glockentöne zogen weithin durch die Luft , weithin über das Gebirge , und hochaufgerichtet festen Schrittes ging er den Weg , den sie ihm zeigten – zum Altar . „ Nehmen Sie es mir nicht übel , Herr Pfarrer , aber das ist ja ein ganz schändliches Wehen hier oben auf Ihren Bergen ! Man möchte zehn Hände haben , um Hut und Shawl und Schirm , und noch zehn andere Dinge fest zu halten , sonst tanzen sie in der nächsten Minute um die Schneegipfel droben . Und seine eigene Person auf den Füßen zu erhalten hat man auch Mühe genug , sonst nimmt sie der Wind und setzt sie ohne Weiteres in eine von den verhexten Schluchten nieder , wohin nicht Sonne noch Mond scheint , und wo man sich , wie Ihre frommen Kalenderheiligen , von Eidechsen und Tannenzapfen ernähren muß , bis einen endlich irgend ein mitleidiger Bauer findet und wieder zur Menschheit zurückbringt . Die abscheulichen Wege hier haben uns schon unseren Wagen gekostet , die Räder waren vernünftiger als wir , sie wollten nicht weiter und zogen es vor , entzwei zu brechen , wir selbst sind halbtodt von dem Heraufklettern auf diesem Dinge , das sich ein Fahrweg nennt , und dabei Löcher und Untiefen hat , groß genug , um eine vierspännige Extrapost mit Mann und Maus zu verschlingen . Geh mir einer mit der Schönheit der Gebirge ! Ich bleibe dabei , sie sind vom lieben Herrgott eigens erschaffen , um seinen Creaturen das Leben schwer zu machen , was nun einmal hier auf Erden nothwendig zu sein scheint . “ Pfarrer Clemens , der , im Begriff wieder in sein Haus zu treten , sich plötzlich vom Rücken her in dieser Weise anreden hörte , wendete sich hastig um und blickte erschrocken die Dame an , welche ihm im Tone einer nachdrücklichen Strafpredigt diese Rede hielt . Ihr Gesichtsausdruck war dabei so zornig , ihre Bewegungen so energisch , als sei der arme Geistliche allein verantwortlich für alle