und schlaue Vorsicht der Oberst zu gut kannte , um sich über das Gewicht und den Ernst dieser Mitteilung zu täuschen , deckte ihm in blitzartiger Beleuchtung die Windungen eines halsbrechenden Pfades auf . Vielleicht hatte in schlimmen entmutigten Stunden sein Blick schon früher sich zuweilen dahin verirrt , aber immer hatte er ihn mit einem Gefühle der Verachtung seiner selbst erschrocken und ekelnd wieder davon abgewandt . Dieser Weg der Gefahr und Schande war das Bündnis mit Spanien . Jene Macht , die er von Kindheit an mit der ganzen Kraft seines jungen Herzens gehaßt , die er dann in vermessenem Jugendmute mit fast wahnsinniger , vor keinem Greuel zurückbebender Leidenschaft bekämpf , welcher er sein ganzes Leben hindurch als Todfeind gegenüber gestanden und deren eigennützige und wortbrüchige Politik er auch heute noch tief verachtete – sie bot ihm die Hand . Er konnte diese Hand ergreifen – nicht in Treu und Glauben – wohl aber um von ihr die französische Schlinge lösen zu lassen und sie dann zurückzustoßen . Jetzt entschloß er sich dazu . Langsam wandelte er auf der dunkeln Heerstraße nach Thusis zurück . Es ward ihm schwer zu brechen mit der ganzen Vergangenheit . Er wußte , daß er sich selbst in seinen Lebenstiefen damit zerbrach . Dort jenseits des Rheines im Domleschg lag das Dörfchen Scharans , dessen armer Pfarrer , sein gottesfürchtiger Vater , in Geradheit und Einfalt ihn aufgezogen und ihn zur Treue im protestantischen Glauben und zum Hasse der spanischen Verführung ermahnt hatte . Dort unfern davon stand der Turm von Riedberg , wo er den Vater Lucretias , der seiner Kindheit wohlgewollt , als willkürlicher Blutrichter nächtlicherweise überfallen und grausam erschlagen hatte , das » Giorgio guardati « des treuen Mädchens schlecht vergeltend . Was dort schimmerte , waren die erhellten Fenster der einsamen Lucretia ... Und wieder stürzten seine Gedanken in eine neue Bahn . Er selbst konnte dem dringenden Rufe des mit Serbellonis Auftrag betrauten Pancraz jetzt unmöglich folgen . Er mußte als verderblicher Dämon unter der Maske der Treue neben dem Herzog bleiben , als argwöhnischer Wächter jede seiner Bewegungen beobachten und um jeden Preis verhindern , daß der ermattete Kranke seinen Feldherrnstab nicht am Ende doch in die Hände Richelieus niederlege . Wer aber konnte an seiner Stelle mit Serbelloni unterhandeln ? Allerdings nur einer , dem er traute wie sich selbst , aber dieser Mann war nicht vorhanden . – Noch einmal blickte er nach den Fenstern von Riedberg hinüber . Ein schneller Gedanke durchfuhr ihn und stand nach einem Augenblicke der Überlegung als klarer Entschluß in ihm fest . Mit raschen Schritten eilte er nach Thusis zurück . Vor der Herberge stand ein Haufen Marktleute , schweigsam und in gedrückter Stimmung , denn sie hatten auf ihn und einen günstigen Bescheid vom Herzoge lange gewartet . Der alte Lugnetzer trat ihm aus der im Dunkel zusammengedrängten Gruppe entgegen mit der Frage auf den Lippen , die ihrer aller Gemüt beunruhigte . Aber Jenatsch ließ ihn nicht zu Worte kommen . » Hört an , liebe Landsleute , und bewahrt es in einem feinen Herzen « , rief er mit eindringlicher aber gedämpfter Stimme : » Der Winter steht vor der Tür , bleibet ruhig daheim in euern Dörfern und erharret den Lenz . Kommt die Schneeschmelze zu Anfang des Märzen , dann machet euch und eure Ehrenwaffen bereit . Ich lade euch zu einem Tage nach Chur . Stunde und Losung wird euch noch gesagt werden . Dort richten wir im Namen Gottes den drei Bünden ihre alte Freiheit wieder auf ! « – Die Leute hatten in feierlichem Schweigen zugehört . Als Jenatsch geendigt , dauerte die Stille noch eine Weile fort . Dann begannen sie die Sache flüsternd sich auszulegen , bis sie tief in der Nacht auf ihre Heimwege sich zerstreuten . Aber er , der zu ihnen geredet , stand nicht mehr in ihrem Kreise . Der Oberst Guler hatte ihn weggeholt und streckte ihm jetzt in der Gaststube inmitten der Offiziere ein Papier und eine eingetunkte Feder entgegen . » Da ist der Pakt – nach Soldatenart kurz gefaßt « – sagte er , » hast du noch die edle Courage , deren du dich heute berühmtest , Ventrebleu , so unterschreib ihn . « Der Angesprochene stellte sich unter den Leuchter und las : » Wenn der rückständige Sold der bündnerischen Regimenter binnen Jahresfrist von Frankreich nicht ausgezahlt wird , haftet den Bündnerobersten für ihr Guthaben , sei es Ganzes oder Rest , der Endunterzeichnete mit seinem sämtlichen liegenden und fahrenden Gut . « Jenatsch ergriff die Feder , strich die zwei einzigen Worte : » von Frankreich « , und unterschrieb . Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel Kurze Zeit nachdem Schwester Perpetua den ihrer Klugheit als sehr wichtig empfohlenen Brief des abwesenden Beichtigers glücklich bestellt hatte , trippelte sie , ein Arzneikörbchen am Arme und eine kleine Hornlaterne in der Hand , über die Rheinbrücke bei dem Dorfe Sils . Jenseits derselben besaß das Kloster einen Hof , dessen Pächter krank daniederlag . Die Heilkundige war heute für den vom Fieber geschwächten Mann durch eines seiner Kinder , das die Klosterschule besuchte , um Rat und Hilfe angerufen worden . Sie scheute den nächtlichen Gang nicht – so wenig , daß sie , nachdem der Sieche sich ihrer Tröstungen erfreut , statt das Angesicht wieder der Brücke und ihrem Kloster zuzuwenden , auf dunkeln , aber ihr wohlbekannten Straßen in der Richtung weitereilte , aus welcher ihr die Lichter des Schlosses Riedberg entgegenschimmerten . Schon klopfte sie ans Tor , das der alte Lucas ihr brummend aufschloß , und bald darauf saß sie neben der edeln Herrin in einem altertümlich schmucklosen , aber lieblich erleuchteten Gemache vor einem herbstlichen Kaminfeuer und trocknete die vom Nachttaue durchnäßten Ränder ihres Klostergewandes , die schweigsame Lucretia mit erbaulichen Gesprächen ergötzend . Das Schreiben des Paters , von dessen Überredungsgeist die Nonne eine hohe Meinung hatte , die flüchtige Erscheinung des Obersten