Baumwipfeln ; unten aber , im Waldesdunkel , auf den Erdbeerblättern und Farnkräutern rollten noch die hellen Tränentropfen der Nacht und klammerten sich an die kleinen Moose , um nicht in die schwarze durstige Erde zu versinken . Das weiße Schloß lag glitzernd inmitten seiner Springbrunnen , Boskette und Alleen . Es hatte seine sämtlichen Jalousien aufgeschlagen – auch die vor den Fenstern der Baronin . Die Dame war vollkommen erholt und erfrischt aufgestanden und hatte befohlen , daß im Walde gefrühstückt werden solle . Nun wandelte sie allein durch den Schloßgarten ; ihr Gemahl war im Fremdenflügel beschäftigt und wollte nachkommen , und Frau von Herbeck saß noch bei der Toilette , ohne sie aber sollte die junge Gräfin nach den vorgestern ganz besonders aufgefrischten Verhaltungsmaßregeln das Schloß nicht verlassen . Die schöne Frau hatte eine Morgentoilette gemacht , die im Boulogner Hölzchen weit eher am Platz gewesen sein würde , als hier unter den ehrlichen deutschen Eichen und Buchen , zwischen deren einsamen Stämmen höchstens die verdutzten Augen eines beerensuchenden Kindes erschienen ... Die Dame sah aus wie eine sechzehnjährige Schäferin eines Watteauschen Gemäldes , in dem hochgeschürzten Rock aus milchweißem , weich niederfallendem Stoff , den ein himbeerfarbener Streifen umsäumte . Tief in die Stirn gedrückt lag ein helles Strohhütchen auf dem blauschwarzen Haar , das nicht , wie ehemals , in prachtvollen Ringeln auf die Brust fiel – Pariser Zofenhände hatten diese wuchtigen Strähnen am Hinterkopf zu jenem abscheulichen Gebilde aufgenestelt , das die Welt » Chignon « nennt ... Trotz dieser entstellenden Haartracht war es doch ein verführerisch schönes Weib , das leichten Fußes durch die taufrischen Gebüsche schritt . Der Platz im Walde , wo gefrühstückt werden sollte , lag nicht weit vom See – ein schmaler Durchhau umfaßte ein Stück seines Spiegels und ließ es hinüberleuchten auf die engbegrenzte , von Buchen beschattete Waldwiese . Diese kleine Oase hatte Prinz Heinrich sehr geliebt – zierlich gemeißelte steinerne Tische und Bänke standen umher , und unter dem Lieblingsbaum des fürstlichen Herrn , einer prachtvollen Rotbuche , erhob sich auf einem Sockel von Sandstein seine lebensgroße , in Erz gegossene Büste ... Auch hier lief die Grenze des Zweiflingenschen Forstes ziemlich nahe vorüber – einzeln eingestreute Weißbirken blinkten fernher durch das Unterholz und bezeichneten gleichsam die Scheidelinie , und bei stillem Wetter drang das Dohlengeschrei von den Türmen des Waldhauses herüber . Die Baronin Fleury beschleunigte ihre Schritte , als sie in den Wald eintrat . Ihr schönes Gesicht zeigte nichts von jenem stillbehaglichen Genuß , den ein Spaziergang im morgenfrischen Wald gewährt – es lag vielmehr ein Ausdruck von Spannung und Neugier in den schwarzen Augen ... Sie umschritt den See und betrat den Holzweg , an dessen Mündung die junge Gräfin vorgestern den Kahn angelegt hatte , während die Kinder sangen . Durch das Gebüsch schimmerte unfern das weiße Tuch , das die Lakaien über den Frühstückstisch gebreitet hatten , aber die Dame huschte mit einem scheuen Blick nach den hantierenden Dienern weiter auf dem Weg , der direkt in das alte Zweiflingensche Revier lief ... Bis zu einer gewissen Stelle , die gleichsam den Knotenpunkt zweier sich abzweigender Pfade bildete , war sie auch früher gar manches Mal gewandert , weiter aber nicht – diese schmalen Schlangenlinien mündeten ja in der Nähe des Waldhauses . Die hochgestiegene letzte Zweiflingen gestattete weder ihrem Gedächtnis noch ihrer Umgebung , sie je an die Zeit des Mangels und der Erniedrigung zu erinnern , und aus dem Grunde hatte sie nie wieder die Schwelle des alten Jagdhauses betreten . Heute aber wurde der Rubikon überschritten . Die Vögel , die im Dickicht brüteten , schwirrten aufgescheucht in die Baumkronen und schrien mit vorgestreckten Hälsen auf die Frauengestalt nieder , die geschmeidig zwischen den feuchten Zweigen hineilte , ohne daß ein Tautropfen ihr helles Gewand benetzte ... Die Weißbirken lagen längst hinter ihr , und nun wurde allmählich der Weg breiter , die Bäume traten auseinander , und hinter dem Gebüsch , das schleierartig zerfloß , erschien das graue Gemäuer des Waldhauses . Die Baronin trat hinter einen Strauch , bog die Zweige auseinander und sah hinüber – sie hatte die Fassade vor sich . In A. war dies alte Schlößchen mit seinem neuen fremdartigen Bewohner das Tagesgespräch . Man erzählte sich Wunderdinge von den fabelhaften Reichtümern des Portugiesen ... Dieser Herr von Oliveira – jene einfachen Leute konnten sich nun einmal keinen hervorragenden Menschen ohne das » von « oder einen Titel denken – hatte ja das schönste Haus in A. für eine Unsumme gemietet : Man wußte ganz genau , daß er den Winter in der Residenz zubringen und sich bei Hofe vorstellen lassen wolle , und wer so bevorzugt gewesen war , ihn einmal von fern zu sehen , der schwur , daß er dem schönsten Kavalier , den das Fürstentum je gesehen hatte , dem verstorbenen Major von Zweiflingen , an Ritterlichkeit und aristokratischer Würde in der äußeren Erscheinung völlig gleichzustellen sei – das Waldhaus aber sollte er in einen wahren Feensitz umgewandelt haben . Das konnte die schöne Lauscherin nun zwar nicht finden , allein ein originelles Gepräge hatte der alte Bau jedenfalls erhalten . Der schmale Wiesenfleck , der sich ehemals vor seiner Front hinstreckte , beschrieb jetzt einen weiten Bogen ; er war mit Kies bestreut , nur in seiner Mitte dehnte sich ein geschorenes Rasenrund . Früher hatte hier ein Brunnen einfachster Art gestanden , ein Steintrog , in den das perlende frische Quellwasser aus hölzerner Röhre floß – jetzt lag auf der Grasfläche ein kolossales Granitbecken , aus dessen Mitte ein kräftiger Wasserstrahl hoch in die Lüfte stieg . Diese unmittelbar aus dem Herzen des Waldes emporschießende kristallhelle Säule mit ihrem buntfarbigen Aufsprühen , Rauschen und Plätschern inmitten der vielhundertjährigen Eichenwipfel hauchte einen wahren Märchenzauber in das Stück Waldeinsamkeit ... Der unwillkürliche Gedanke an Verzauberung wurde befestigt durch das undurchdringliche Gespinst der Aristolochia , deren dünne , grüne , ins Unendliche wachsende Arme sich dämonisch gewaltsam des grauen