schweigend an ihr vorüber , nahm die Medicin vom Tische und trat an das Bett . Die Kranke mußte wieder einnehmen , aber sie war eingeschlummert und hielt mit beiden Händen Käthe ’ s Rechte fest . Es war dem jungen Mädchen , als bewege er sich automatenhaft , als sei der innere Kampf so gewaltig , daß er ihn der Herrschaft über Hand und Fuß und Auge beraube . Sie sah er nicht an ; es mochte ihn wohl tief demüthigen , daß diese empörende Szene einen Zeugen hatte , aber litt sie nicht selbst qualvoll durch ihr Bleiben ? Sie hatte mehrmals versucht , ihre Hand vorsichtig zurückzuziehen , um zu entfliehen , so weit sie ihre Füße tragen mochten , allein bei der geringsten Bewegung fuhr die Kranke in erschütterndem Schrecken empor . Er versuchte , der Schlummernden den Puls zu fühlen . Käthe bemühte sich , ihm zu helfen , indem sie die Linke unter Henriettens Armgelenk schob ; dabei ruhete ihre innere Handfläche einen Augenblick auf seinen Fingern . Er zuckte zusammen und wechselte so jäh die Farbe , daß sie erschrocken die Hand zurückzog . Was war das gewesen ? Machte ihn der innere Aufruhr so nervös , daß ihn jede äußere Berührung entsetzte und mit zornigem Schrecken erfüllte ? Sie sah seitwärts scheu zu ihm auf . Ein tiefer Athemzug hob seine Brust , während er sich wegdrehte , um die Medicin auf den Tisch zurückzustellen . Flora hatte inzwischen unbeschreiblich erregt und ungeduldig einige Male das Zimmer durchmessen . Jetzt trat sie wieder neben den Doktor an den Tisch . „ Es war unklug von mir , meine Gefühle so freimüthig zu bekennen , “ sagte sie mit zornfunkelnden Augen . Sein Schweigen und die Erfüllung seiner Berufspflicht , mit welcher er unbeirrt einen solchen Entscheidungskampf unterbrach , hatten sie furchtbar gereizt . „ Du bist ein Verächter des Frauengeistes und gehörst zu den Tausenden von unverbesserlichen Egoisten , welche die Frau um keinen Preis auf eigenen Füßen sehen wollen – “ „ Wenn sie nicht stehen kann , allerdings . “ Sie legte die kleine , krampfhaft zu einer Faust geballte Hand auf den Tisch und sah dem Sprechenden einen Augenblick mit festgeschlossenen , fast weißgewordenen Lippen in das Gesicht . „ Was willst Du damit sagen , Bruck ? “ stieß sie scharf heraus . Ein Hauch von Röthe ging ihm über Stirn und Wangen hin , und seine Brauen zogen sich leicht zusammen ; er war offenbar eine jener sensitiven Naturen , die ein scharfzugespitzter , auf gegenseitige Verletzung ausgehender Wortwechsel geradezu auf die Folter legt . „ Ich will damit sagen , “ entgegnete er gleichwohl fest und mit anscheinender Gelassenheit , „ daß zu diesem ‚ Auf-eigenen-Füßen-stehen ‘ , zu welchem die strebende Frau vollkommen berechtigt ist , wenn sie damit nicht bereits übernommene ältere Pflichten und das edle deutsche Familienleben schädigt , daß zu diesem ‚ Auf-eigenen-Füßen-stehen ‘ ein starker , zäher Wille , ein konsequentes Ausschließen der reizbaren weiblichen Eitelkeit und vor Allem wirkliche Begabung , wirkliches Talent erforderlich sind . “ „ Und die letzteren Eigenschaften bestreitest Du mir ? “ „ Ich habe Deine Artikel über die Arbeiterbewegung und die Frauenemancipation gelesen . “ – Jetzt allerdings hatte die sonst so sanft moderierte Stimme des Arztes etwas durchdringend Schneidendes . Flora fuhr zurück , als sei ein blitzendes Messer auf sie gezückt worden . „ Wie willst Du wissen , daß ich die Verfasserin derjenigen Artikel bin , die Du gelesen ? “ fragte sie unsicher , schwankend , dabei aber seine Züge in fieberhafter Spannung fixierend . „ Ich schreibe unter Chiffern . “ „ Aber die Chiffern cirkulierten bereits in Deinem großen Bekanntenkreise lange vorher , ehe die Aufsätze das Licht der Oeffentlichkeit erblickten . “ Sie wandte einen Augenblick beschämt und verlegen die Augen weg . „ Gut , Du hast sie gelesen , “ sagte sie gleich darauf . „ Was soll ich aber von Dir denken , daß Du dieses Streben nie mit einer Silbe berührt , daß Du nicht einmal Dein ungnädiges Mißfallen darüber ausgesprochen hast ? “ „ Würdest Du darauf hin Deine Feder niedergelegt haben ? “ „ Nein , und abermals nein . “ „ Das wußte ich ; deshalb ließ ich Dich gewähren bis zu unserer Vereinigung . Es versteht sich ja von selbst , daß die verständige Frau mit dem Manne geht und sich nicht isoliert in Sonderbestrebungen , es sei denn , daß sie bei starkem Pflichtbewußtsein , hochbegabt , ein hervorragendes Talent – “ „ Was ich selbstverständlich nicht bin , “ unterbrach sie ihn mit nicht zu beschreibender Erbitterung . „ Nein , Flora , Du hast Geist , Esprit , aber schöpferisch bist Du nicht , “ versetzte er ernst den Kopf schüttelnd und in seine gewohnte milde Sprechweise einlenkend . Sekundenlang stand sie wie erstarrt vor diesem unumwundenen Urtheile , das sich unverkennbar auf die festeste Ueberzeugung stützte , dann aber hob sie in einem halbwahnwitzigen Gemisch von gemachtem Jubel und ausbrechendem Grimme die Arme hoch empor . „ Gott sei Dank , nun fällt auch die letzte Rücksicht , das letzte Bedenken . Eine Sclavin wäre ich geworden , ein armes , niedergetretenes Weib , dem man den göttlichen Funken der Poesie aus der Seele gerissen hätte , um – das Küchenfeuer damit anzuzünden . “ Sie hatte überlaut gesprochen . Die Kranke , die vorhin der gleichmäßige Wechsel der zwei Stimmen allmählich eingeschläfert hatte , fuhr empor und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich . Besorgt eilte der Doktor an das Bett ; er reichte ihr die Medicin und legte sanft die Hand auf ihre Stirn . Unter dieser Berührung sanken die erschreckten Augen wieder zu . Hätte sie ahnen können , die arme Leidende , welchen Sturm sie über den unglücklichen Mann heraufbeschworen , sie , die bis dahin Alles aufgeboten hatte , um den unheilvollen Bruch zu verhindern ! „ Ich muß