Treiben der verhaßten Dachstubenbewohnerin , ehe er ihr entgegentrat . – Sie mußte aus einer Seitentür , wohl aus der Küche , gekommen sein und mochte noch einen Augenblick an einem Tische hantieren ; ein leises , sofort wieder verstummendes Aneinanderklingen von Glasgeschirr wurde hörbar , dann huschte die Schleppe weiter , und die Dame trat in den Gesichtskreis des Lauschers . Die schlanke , vornehme Gestalt kehrte ihm den Rücken zu . Er sah den feinfrisierten Hinterkopf , reiche , dunkle Flechten , aus denen sich hinter dem Ohr ein paar kurze Locken stahlen , sah , wie die eine Hand nach der Schleppe des dunklen Kleides zurückgriff , um sie zierlich aufzunehmen – wunderlich ! – er hatte diese junge Dame neulich in der Abenddämmerung nur flüchtig wie einen Schatten neben ihrem Onkel gesehen , er hatte nie in seinem Leben mit ihr gesprochen , und doch war es ihm , als kenne er sie seit lange , lange . Sie beugte sich tief über den Schlafenden und horchte auf seine Atemzüge ; eine Fliege , die um das Kopfkissen summte , wurde mit sanfter Hand weggescheucht ; dann wandte sich die Dame um , und – der Mann in dem Hausflur stand wie vom Donner gerührt ! ... Und wenn sie auch eine vollendete Dame schien , wenn auch eine Fülle krauser Löckchen tief in ihre Stirn fiel , ein modern eleganter Anzug eng die Formen umschmiegte , die der Arbeitskittel und die dicken , steifen Schürzenfalten bisher erfolgreich verpuppt hatten – es war doch Amtmanns Magd , die da , in sich gekehrt , mit gesenkten Lidern lautlos nach dem Tisch an der Tür zurückkehrte ! ... Wie Schuppen fiel es von den Augen des Mannes , dem vor Bestürzung der Atem stockte – Teufel ! – er hatte sich schmählich täuschen lassen ! Er war dieser Feinen gegenüber der ehrliche , dummgläubige deutsche Michel gewesen , der , ohne allen Spürsinn , weder ein Rechts noch Links erwogen und gerade nur das festgehalten hatte , auf was er mit der Nase gestoßen worden war ... Ein ganz klein wenig mehr Schlauheit , als Stiefmutter Natur ihm gegeben , hätte leicht das Rätsel der Sphinx zu lösen vermocht , denn es war nicht schwer gewesen , und neben dem bitteren Ernst hatte leise und lieblich mädchenhafte Schelmerei hineingespielt , wie er nun wußte – das » Bild von Sais « hatte freilich hinter seinem Schleier in der Dachstube sitzen müssen , während Fräulein Agnes Franz in den Arbeitskittel geschlüpft war , um Brot für die beiden unglücklichen alten Menschen zu schaffen . » Unzertrennlich , ein Herz und eine Seele « seien Fräulein Erzieherin und Amtmanns Magd , war ihm der strikten Wahrheit gemäß gesagt worden , und wenn er dabei nicht auf den gescheiten Gedanken gekommen war , daß das Doppelwesen auch ein und denselben Kopf haben könne – den schönen , ausdrucksvollen , den er von seinem Versteck aus so lockend nahe vor sich sah – so hatte das eben nur so einem unbeholfenen , blödsichtigen alten Knaben wie ihm passieren können ... Ein Gemisch von Zürnen und Bewunderung , von Verlangen nach Vergeltung und mitleidsvoller Zärtlichkeit wogte in ihm auf , und er dankte seinem guten Stern , der ihn im Dunkel der Hausflur festgehalten – da blieb ihm Zeit , sich zu sammeln . Den Triumph , ihn in seiner grenzenlosen Bestürzung zu sehen , sollte » Fräulein Erzieherin « doch nicht erleben , nicht einmal Erstaunen durfte sie in seinen Zügen finden ! Ohne ihn zu bemerken , ging sie quer an der offenen Tür vorüber , und er bog sich weit vor , um sie am Tische beobachten zu können . Sie zerschnitt eine Zitrone und warf die Scheiben in ein Glasgefäß voll Brotwasser – und nun wußte er auch , weshalb die schöne Nichte nicht ohne Handschuhe ausgehen sollte ; der » alte Prahlhans « auf dem Vorwerk suchte es nunmehr nach Kräften zu vertuschen , daß » eine Franz , die Tochter eines höheren Offiziers « , Magddienste hatte verrichten müssen – und die schlimmsten Verräter waren allerdings die braunen Hände da , an denen sich die Spuren harter Arbeit nicht so bald verwischen ließen ... In diesem Augenblick stob draußen der Gewittersturm vorbei . Wie ein alarmierender Trompetenstoß schrillte er durch die Lüfte und weckte ein majestätisches Sausen und Brausen in den geschüttelten Waldwipfeln ; aber er machte auch die Fenster des Hauses klirren und rüttelte an der Flurtür , als wolle er sie aufstoßen . Die Dame am Tische horchte auf und sah besorgt nach dem Kranken im Bett zurück , der indes nicht einmal einen Finger der auf der Decke liegenden Hand bewegte ; er schlief offenbar den Schlaf tiefster Erschöpfung . Unterdes trat Herr Markus geräuschlos näher , er war nunmehr vollkommen Herr seiner selbst geworden , und als sie beruhigt den Kopf wandte , um ihre Beschäftigung fortzusetzen , da fiel ihr Blick auf ihn , der in verbindlicher Haltung , den Hut in der Hand , an der Türschwelle stand . Ein sichtbarer Schrecken durchfuhr sie , Zitrone und Messer entfielen ihren Händen ; aber sie gewann unglaublich rasch ihre Fassung wieder , es war , als wüchse ihre Erscheinung vor seinen Augen ... So hochaufgerichtet trat sie vom Tische weg , ging über die Schwelle an dem Zurückweichenden vorüber und öffnete die gegenüberliegende Tür , die in die Wohnstube des Forstwärters führte . » Bitte , mein Herr , treten Sie ein ! « sagte sie , unter einer einladenden Handbewegung , höflich , fremd , mit schwacher und doch so wohlbekannter Stimme . » Sie suchen jedenfalls Zuflucht vor dem herankommenden Gewitter – « Er unterdrückte ein Lächeln . » Fräulein Franz ? « fragte er unterbrechend mit einer Verbeugung , so kühl und zurückhaltend , als sähe er diese Dame zum erstenmal in seinem Leben . » Ja , mein Herr , ich bin die Nichte des Amtmanns ,