etwas tue Einem nicht weh und man solle keine Gewissens ­ bisse , keine Reue fühlen ? Du magst mich lehren , was Du willst — ich werde nie wieder meines Lebens froh . Was brauchtest Du mir zu sagen , es gäbe keine Geister , keine Engel , keinen Gott ? Ich hab ’ s ja nicht zu wissen verlangt ! Ich habe Gott lieb gehabt und wenn mir ’ s noch so schlecht ging , so konnte ich doch hoffen , er werde mich schützen und barmherzig sein — und wenn kein Mensch mir gut war , so konnte ich doch denken , er sei es . Und nun , nun muß ich alles hinnehmen , wie ’ s kommt , und kann nichts mehr hof ­ fen und nichts mehr lieben , nichts mehr — auch Dich nicht ! “ Leuthold streichelte lächelnd Ernestinens Locken . „ Ich sehe jetzt , daß ich einen Fehler beging , ein zehnjähriges Mädchen zu behandeln , wie einen zwan ­ zigjährigen Jüngling . Man kann einen Kranken und Schwachen nicht dadurch stärken , daß man ihm zu kräftige Kost reicht , er würde sie nicht ertragen ; das hätte ich bedenken und Deinem jungen Mädchengehirn nicht so viel zumuten sollen . Ich begreife Deinen Widerwillen gegen mich als den unschuldigen Urheber Deiner geistigen Verdauungsbeschwerden und vergebe ihn Dir . Vergib Du auch mir , daß ich Deinen Verstand überschätzte , denn das ist mein gan ­ zes Unrecht gegen Dich ! “ Ernestine stand schweigend und düster neben ihm er konnte nicht erraten , was in dem verschlossenen Geschöpf vorging . „ Ich will Dich hier lassen , mein liebes Kind , bete weiter , von mir sollst Du nicht mehr gestört werden . Gehe hin und küsse Deinem Herrn Jesus die Füße , das wird Dir Dein Herzchen erleichtern . Tue es doch , Ernestine — wie , oder genierst Du Dich vor mir ? Soll ich hinaustreten ? Gut ! “ Er machte eine Bewegung , sich zu entfernen , da hielt ihn Ernestine am Arm . „ Ich will mit Dir gehen , “ sagte sie finster , „ ich könnte jetzt doch nicht beten , wenn ich auch wollte . Und so dumm , wie Du denkst , bin ich auch nicht . Ich habe Alles begriffen , was Du mich lehrtest — und ich glaube ja gar nicht mehr an — an — das Andere . Was verlangst Du denn weiter ? Weinen wird man doch können , ohne daß man gleich für einfältig zu gelten braucht und ich sage Dir — weinen werde ich noch oft , öfter als lachen — weinen werde ich mein ganzes Leben lang . “ Und sie schlug beide Hände vor das Gesicht und brach in lautes Schluchzen aus . „ Du bist nervös , mein Kind . Deine jetzigen Tränen entspringen Deiner Körperschwäche und in wenigen Jahren wirst Du über das lächeln , was Du jetzt beklagst ! — Daß Du Niemanden mehr lieben kannst , auch mich nicht , laß Dich nicht verdrießen . Solche Gewohnheiten der Kinderstube legen sich mit dem zunehmenden Verstande ab . Wer frei sein will , muß damit beginnen , nichts zu lieben — denn jedes Band , was unser Herz an einen Andern bindet , ist , wie schön es auch sei , eine Fessel . Wer stark sein will , muß nicht das Bedürfnis haben , sich an Andere zu lehnen . Hänge Dich an nichts als an die Wissen ­ schaft ; alles Lebendige , das Du liebst , kann Dir ent ­ rissen werden , ist nicht Dein und wird Dir Schmer ­ zen bereiten , — die Wissenschaft ist Dein , ist treu , ist eine unversiegbare Quelle der Freude . Die Menschen sind ungerecht , sie messen Dich nicht nach Deinen innern , nur nach Deinen äußern Vorzügen und diese sind zu gering , um Dir Geltung zu verschaffen ; die Wissenschaft gibt Dir , was Du verdienst , nach Dei ­ nem Fleiße mißt sie ihre Gaben . Die Frauen wer ­ den Dich beneiden , denn Du wirst sie an Verstand überflügeln , die Männer werden Dich geringschätzen , denn Du bist und wirst nicht schön , sie aber fordern vor Allem Schönheit vom Weibe . Bei den Menschen wirst Du daher nichts als Enttäuschung finden , wenn Du Dir nicht abgewöhnst , auf sie zu hoffen . Willst Du Dir jedes Leid , daß sie Dir zufügen werden , ersparen , so lerne früh , ihrer nicht zu bedürfen und dazu ver ­ hilft Dir allein die Wissenschaft , die Pflege des Geistes , denn er tilgt alle Mängel und Leiden unserer Menschlichkeit , nur in ihm erheben wir uns zu unserer vollen Würde . Deshalb , mein Kind , gib Deinem Verstande die rechte Nahrung und bald werden die dum ­ pfen Instinkte des Herzens in Dir ersterben vor dem klaren Gedanken . Du sehnst Dich nach Frieden — glaube mir , im Geiste allein , nicht in der Liebe wirst Du ihn finden ! “ Ernestine ging stumm neben dem Oheim her , das Weiße in ihren Augen leuchtete seltsam durch die Dämmerung , als sie den Blick zu ihm erhob . Sie hatte nicht Alles verstanden , was er gesagt , dennoch teilte sich ihr die Eiseskälte , die seine Rede aus ­ hauchte , mit — und sie dankte es ihm , daß er ihrem heißerregten Gemüte Fassung und Ruhe gab . — Leise und sanft , wie Schneefall in der Nacht , waren seine Worte in ihre Brust niedergerieselt und hatten , ohne daß sie es ahnte , die letzten Blüten mit dichter , kal ­ ter Decke überzogen . Das junge Herz versank darunter in Winterschlaf und sie hielt dies stille , schmerz ­ lose Ersterben für Frieden . — Als sie an ihrem Hause ankamen , fanden sie den Wagen der Staatsrätin vor der Türe .