zum Christfest : wie hatte sie die Nächte hindurch bei der Arbeit gesessen , um die Brieftasche fertig zu sticken , die sie ihm heimlich , ganz heimlich schenken wollte ! Und nun sollte sie fort , sollte das liebe Fest nicht hier verleben mit Tante Lotte und Fritz ! Sollte da mit ganz gleichgültigen Leuten unter dem Weihnachtsbaum zusammen sein , in der fremden großen Stadt , weit fort von ihrem lieben Wald , der so herrliche Spaziergänge hat , ganz schmale Waldpfade , in denen man nur zu zweien , eng aneinander geschmiegt , wandern kann ! O natürlich ! Mama hat etwas gemerkt , Mama ist es nicht 216 recht , Mama hat – sie stockte in ihrem Selbstgespräch plötzlich und sah mit starren Blicken ins Leere . Vor ihren Augen türmten sich plötzlich ganze Berge von weißer Leinwand , die Mama aus allen Schränken und Truhen hervorgekramt hatte , um diese Pracht nähen und sticken zu lassen ; in der Schrankkammer saß ja seit zwei Wochen schon Fiekchen Blomann und stichelte mit einer Gehilfin auf Tod und Leben : und dem Vollmond gleich stieg plötzlich die Glatze des Herrn Oberamtmann Bartenstein in Röschens verwirrter Phantasie auf , die ganze Situation beleuchtend und klärend . » Herr Gott , der Witwer ! Und Mamas Leidenschaft für Hilgendorf ! Und der Rüffel , weil ich nicht gedankt hatte auf seinen Gruß , und – – nun , da haben wir ' s ja ! « Sie setzte sich , ganz benommen , auf ihr Bettchen und atmete rasch und ängstlich . Nach einer Weile sagte sie halblaut : » Na , ich danke ! « Und nach einem Weilchen wieder kicherte sie , und in ihren braunen Augen saß der alte Schelm . Dafür ist ihr nicht bange , dazu gehören zwei ! Wenn nur – . Und nun wurde es wieder trübe hinter der weißen hübschen Stirn – wenn nur das Weihnachtsfest ihr nicht so abscheulich verdorben werden sollte ! Sie ist doch gräßlich dumm , diese Reise nach Berlin , gräßlich dumm ! » Gräßlich « ist offenbar das Lieblingswort Röschens . Nach einer Viertelstunde angestrengten Nachdenkens ging sie endlich leise die Treppe hinauf zu ihrer Trösterin und Beraterin in allen Lebensfragen , zu Tante Lotte . Frau Oberförster saß am Fenster und stickte an einem Weihnachtsgeschenk für ihren Einzigen , einem Rückenkissen in Kreuzstich ausgeführt , einen Zwölfender darstellend , der seelenvergnügt aus einem Eichenkranz schaut . » Ich werde wohl nicht fertig werden , Röschen , « seufzt die alte Dame . » Ach , Tante , es wird überhaupt ein ganz klötriges Fest werden , « sagte Röschen kleinlaut . » Mama will es in Berlin feiern . « » So ? In Berlin ? « Die hübschen blauen Augen der alten Frau sahen forschend in das tränenumflorte Gesicht der jungen 217 Nichte . » Nun , Kind , das ist ja immerhin noch kein Unglück . « » Ich wäre Weihnacht lieber zu Hause : Onkel Richard kenne ich ja kaum , und die Tante , die kenne ich erst recht nicht , und – du hier so allein ! « » Ich habe ja den Fritz , « lächelte das Hauchebild , und in ihrem guten müden Gesicht zuckte es bitter , als sie den niedergeschlagenen Ausdruck in Röschens Gesicht bemerkte . » Ja , du hast den Fritz ! « nickte Röschen ; dann schwieg sie und dachte : das ist doch kein Trost für mich . Plötzlich fiel ihr Blick auf einen ganzen Stapel feiner Taschentücher , die auf dem Nähtisch der Tante lagen . » Himmel ! hat Mama dich auch mit Weißnähen begnadigt ? « fragte sie . » Ach , ich tue es gern , Kindchen , hab ' so nichts vor . « » Wozu nur auf einmal diese gräßliche Stichelei ? « » Wohl zu deiner Ausstattung . « » Meiner Ausstattung , Tante ? Aber , das hat ja noch gar keine Eile ! « » Nun , du bist doch jetzt in den Jahren , wo man freit ! Wenn der Bräutigam anklopft , ist alles bereit . « » Hat Mama das gesagt ? « » Nein , Kind , ich denke nur so . Zerbrich dir den Kopf nicht darüber , kommt Zeit , kommt Rat ! « » Ich will mich auch nicht ängstigen . Du hast recht , Tante : wenn der Freier erscheint , ist alles fertig . « Und dann setzte sie ganz laut hinzu : » Wie ich dies Hilgendorf nur hasse , Tante Lotte ! « 218 » Herrjemine ! Und hat doch deine Wiege dort gestanden ! « » Aber mein Sarg soll dort nicht stehen , « murmelte das junge Mädchen . » Dein Sarg ? Das klingt ja schauderhaft ! « Röschen schwieg . Vor ihren Augen stand der große Hilgendorfer Saal , und in ihm , am hellen Tage , brennende Kerzen und ernstes Grün , und viele , viele Menschen mit traurigen Gesichtern , genau so wie bei Papas Beerdigung ; in der Mitte des Saales stand ein offener Sarg , in ihm lag die Gestalt einer jungen , bleichen Frau , der man ein Brautkleid angezogen hatte , und die Leute da umher flüsterten sich zu : » Sie starb an gebrochenem Herzen – sie hat den Mann nicht geliebt – er war ja auch so viel älter . « Auch ihre Mutter sah sie , und die war vor Reue rein außer sich , und Fritz stand , bleich wie der Tod , in einer Ecke und blickte auf den Sarg , und sie , Röschen , die da lag , hörte und verstand alles , und sie wußte auch , er würde ihren Tod nicht überleben , der Fritz würde ihr nachsterben , und die unbarmherzige Mutter würde ihn aus Reue an ihrer Seite begraben lassen . Aber dann – was hatten sie davon ? Dann