jubelte Lieschen der Muhme zu , als sie am Morgen die leuchtende Schneedecke ausgebreitet sah – so herzensfreudig klang es , daß die alte Frau beinahe betroffen in ihr Gesicht schaute . War das Mädchen denn nicht vollständig verwandelt seit den letzten Wochen ? Der alte neckische Uebermuth , der ihr , so reizend stand , leuchtete wieder so herzgewinnend aus den großen blauen Augen ; ihre Wangen blühten genau so rosig , wie früher , und dieses Wunder war offenbar geworden , als sie – ja , als sie aus dem Schlosse heimgekehrt war . Wie früher scherzte sie mit dem Vater und verübte allerlei kleine Schelmenstreiche , die selbst die Mutter herzlich lachen machten . Und nun sollte es Weihnacht werden . Als die Alte sie anschaute , da flüsterte ihr schon der kleine Mund dicht am Ohre , und sie verstand etwas vom Christkindchen , von Weihnachtsbäumen , Weihnachtsarbeiten und für die Muhme so etwas Wundervolles , Schönes , wie sie es sich gar nicht denken könne . Und all diesen Jubel , diese Freude hatte ein einziger Moment hervorgezaubert , das einzige Wort „ Lieschen ! “ in weichem , dankbarem Tone gesprochen , ein einziger flüchtiger Händedruck ! – – Und endlich senkte sich der heilige Abend über die weite Welt ; er trug in jedes Haus einen Schein hellen Himmelslichts ; er zündete die Kerzen an auf den grünen Bäumen in Palästen und Hütten , und sie warfen ihren Schein aus frohe Gesichter , auf kostbare und bescheidene Spenden ; die Glocken der Kirchen klangen in die stille , kalte Winterluft hinaus und luden die Menschen ein zur Dankesfeier , und hoch über die frohe Welt spannte der Himmel seinen dunklen blauen Mantel ; in schimmernder , funkelnder Pracht leuchteten die Sterne hinunter , und „ Ehre sei Gott in der Höhe , “ scholl es zu ihnen hinaus , „ und den Menschen ein Wohlgefallen und Friede auf Erden ! “ Friede auf Erden ! Es gab auch Wohnungen der Menschen , in die der milde Gast keinen Eingang fand , Herzen , in denen keine Festfreude aufkommen konnte vor Kummer und schwerem Leid , ach , gar viele ! Und an keinem einzigen Tage fühlt so ein armes Menschenkind die Sorge tiefer , den Kummer mehr und heißer , als an jenem , wo sich Alle freuen , wo sich der Friede herniedersenken soll in alle Herzen , nur in seines nicht ; wo sich die bange Frage regt : warum bin ich – warum nur sind wir ausgeschlossen von der Freude ? Dieselbe stumme Frage schien aus den Augen des jungen Mädchens zu sprechen , das da am Fenster stand und in die funkelnde Nacht hinausblickte . „ Dort unten in der Mühle flammen die Fenster in hellem Lichte auf ; da brennt der Weihnachtsbaum ! , “ flüsterte sie und preßte in kindlich heißem Schmerz die Hände gegen die Brust – welch ein Verlangen überkam sie nach seinen glänzenden , lichtergeschmückten Zweigen ! Lieschen hatte gebeten , sie müsse kommen ; sie sollte doch wenigstens die Lichter auf dem Baume brennen sehen , aber nein , wozu das ? Was ging sie Müllers Weihnachtsmann an ? Es war ja doch nicht der ihre , und wozu sollte sie in Lieschens glückliches Gesicht blicken ? Ihre finstere stille Heimath , sie wäre ja noch trauriger erschienen nach solchem Anblick . Sie wendete sich und schritt zu dem Sessel der Mutter , um ihre Wange an das liebe Gesicht zu schmiegen ; sie tastete mit der Hand und fand nur das leere Polster . „ Mama ! “ rief sie leise – es blieb still . „ Nun ist auch sie noch hinaufgegangen zur Großmama , “ flüsterte sie und sank in den weichen Stuhl . „ Alle lassen sie mich allein , wenn sie doch erst wiederkämen ! Die Mama und der Army , ach ja , Army ist da “ – das war doch gewiß ein süßer Trost . Morgen würde er gewiß nicht mehr mit Großmama so viel zu sprechen haben über Geschäftliches ; was es nur Wichtiges sein konnte , das sie nun schon seit seiner Ankunft verhandelten ? Immer noch Blanka ? – – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 49 , S. 801 – 807 Fortsetzungsroman – Teil 10 [ 801 ] Nelly irrte sich : ihre Mutter war nicht droben , wo die alte Baronin mit dem jungen Officier verhandelte – häßliche , unerquickliche Dinge , die so unweihnachtlich waren „ Zu Neujahr – noch kaum acht Tage ! “ sagte die alte Dame tonlos und sah finster vor sich hin . „ Zu Neujahr , “ bestätigte Army , der vor ihr stand . „ Und Du sagst , Hellwig weiß keinen Rath ? “ „ So theilte er mir mit – “ „ Aber dio mio ! Sonst wird es doch einem Officier nicht so schwer gemacht , Geld zu erhalten ? “ „ Sonst ? Du vergißt , Großmama , daß unsere Verhältnisse hinreichend bekannt sind . Kein Banquier leiht mir Geld auf die sichere Aussicht hin , es zu verlieren , und noch dazu solche Summen . Das Einzige , was ich erlangen konnte , war – Aufschub bis Neujahr . “ „ Und hast Du Dich nicht einmal bemüht , den Weg einzuschlagen , den ich Dir als die einzige Rettung empfahl ? “ Er sah trotzig zu ihr hinüber . „ Nein , meine Gläubiger riethen mir freilich dasselbe und wollten mir sogar behülflich sein ; aber tausendmal lieber nach Amerika und arbeiten wie ein Knecht , als ein solches Joch ! “ „ Wie Du willst ! “ sagte die alte Dame trocken , „ es ist Deine Sache , nicht die meine . “ „ Ganz recht ! “ lachte er auf .