. Für eine Seebadekur scheint sich mir Düsternbrook nicht zu eignen , keine Dünenbildung und das Wasser oft unrein , zumal wenn der Wind das Schmutzwasser vom Hafen hertreibt . Ich selbst traf das Wasser zwar gut und klar , die Buchenwaldung auf der Promenade nach dem Bade prachtvoll , aber auf die Umgebung einer viel größeren Stadt wie Kiel deutend . Das üppige Grün fiel mir auf , das Land war nicht so regenarm gewesen . Land Holstein ist von einer Üppigkeit , die bei uns nicht existiert . Um vier Uhr fuhr ich nach Noer , welches dicht am Eckernförder Busen liegt ; man sieht in weiter Ferne Eckernförde liegen , sieht aber auch in weiter Ferne den weiten offenen Horizont des Meeres , was bei Kiel nicht stattfindet . Der Weg nach Noer führt durch die üppigsten Felder und Auen , eingefaßt durch buschige Hecken von Haselnüssen und Brombeeren ; überall ragen aus blühenden Gärten die hohen Dächer hervor , auf den Straßen im fetten Erdreich , weht kein Staub . Noer ist kein Dorf , nur eine Herrschaft von etwa zwölftausend Morgen . Das Schloß , 1722 erbaut , ohne architektonischen Schmuck , steht in einem weiten Park . Ich bewohne ein großes Zimmer im ersten Stock , den Meerbusen hinter dichten Baumgruppen überblickend . Des Abends springen Rehe über die Rasenflächen ; vor der Veranda , auf welcher der Tee genommen wird , stolzieren ein paar Pfauen , weiße Tauben umschwirren , zur Freude der Kinder , den einfach idyllischen Ort . Die Gräfin ist große Tierliebhaberin , hat zahme Rehe im Hühnerhof und anderes Getier . Auf Menschenumgang muß aber hier verzichtet werden . ( Moltke , der augenblicklich in Lübeck , wird in nächster Zeit zum Besuch erwartet . ) Der Umgang des Grafen sind seine Bücher , seine Bibliothek , in der er den größten Teil des Tages zubringt ; er fühlte sich gestern , da er meinetwegen viel im Freien zugebracht , sehr erquickt ; so lange dauernde Luftbäder hatte er lange nicht genommen , wie er mir sagte . In seinem Rock sind offene Hintertaschen für Bücher eingerichtet , die man immer aus denselben herausgucken sieht . Die Gräfin sehnt sich mehr nach Umgang , kultiviert , in Ermangelung desselben , außer der Tierwelt , auch die Blumen . Die älteste Tochter , jetzt drei Jahr , ist sehr schwächlich ; sie heißt nach der Mutter Carmelita . Die neunmonatliche Tochter Luise , nach der verstorbenen Schwester des Grafen genannt , ist ein pausbackiges , frisches Kind . Die Einrichtung im Schloß ist einfach , die Möbel teils modern , teils aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend . Die Stuckplafonds gehören der Jetztzeit an . An Bildern sind nur Familienporträts da , zwei von Rahl gemalt , den alten Prinzen von Noer , den Vater , darstellend ; dann seine Großeltern , der Herzog von Augustenburg , der Anfang des Jahrhunderts Kultusminister war , und die verwitwete Königin von Dänemark , Tante des Grafen . Der Billardsaal grenzt an mein Zimmer ; auf dem Billard wird übrigens nicht gespielt , es liegt voller illustrierter großer Werke , meistens Indien betreffend . Das Studium des Grafen bezieht sich , wie Du weißt , hauptsächlich auf Indien und die Sanskritliteratur . Frau Feuerbach , Mutter von Anselm Feuerbach , war eingeladen , hierher zu kommen , konnte aber , wegen Besuch ihres Sohnes aus Wien , diese Einladung nicht annehmen , Lothar Bucher war ' mal hier . Sonst besteht der Hauptumgang des Grafen aus Engländern , von denen von Zeit zu Zeit jemand herkommt . Der englische Maler Philipp hat ihn auch gemalt . Der Graf war in Karlsbad im Frühjahr ; er leidet an Gallensteinen und ist , seit ich ihn zuletzt sah , sehr grau geworden . Auf einer Spazierfahrt durch die zur Herrschaft gehörigen Ortschaften , Wiesen und Wälder sahen wir viel Wild ; es ist ein Paradies für Jäger . Das Baden im Meer ist sehr bequem ; ein Badekarren steht zu meiner Verfügung ; übrigens hat die Sturmflut auch hier große Verwüstungen angerichtet . Gestern hat das Wetter sich aufgeklärt ; am Nachmittag fuhren wir pirschen . Heute abend wird mich der Graf nach Kiel zurückfahren lassen , von wo ich um Mitternacht über Korsoer nach Kopenhagen gehe . Du sollst , so läßt Dir der Graf sagen , vor allem frisches Brot und ungekochte Milch vermeiden . Was machen die Kinder ? Zeichnet Ismael ? Hier ist paradiesische Ruhe , die Dir wohl mehr zusagen würde wie mir . Ich will nun mein viertes Bad nehmen ; das nächste hoffentlich in Klampenborg . Wie immer Dein W. G. Nun folgen die von Stockholm datierten Briefe in rascher Reihenfolge , meist von Tag zu Tag . Stockholm , 5. August 1874 In Schweden ! Und es sieht just so aus wie bei uns . Die Reise gemacht zu haben , ist vor allem interessant darin , zu beobachten , wie wenig Unterschied zwischen hier und bei uns besteht . Als ich mein Zimmer im vierten Stock nach dem Hof , Hotel Rydberg ( das erste Hotel hier ) bezog , kam eine Krähe ans offene Fenster geflogen , und obgleich ich ihr nichts zu geben hatte , blieb sie sitzen und schalt gewaltig ; sie ließ sich fast anfassen . Als ich das Zimmer verließ , packte ich alles vom Tisch , damit nicht im » Spuklande « ( Dr. Arnsteins Ausdruck ) etwas spukhafterweise verschwinden könne . Schwärme von Raben waren die einzigen Vögel , die ich von Malmö bis Stockholm sah . Als ich hier angekommen den Omnibus zum Hotel bestieg , sah ich den Baron Wahlberg , den ich zuletzt in Damaskus getroffen hatte ; er erzählte mir in der Eile , daß er , wenn er zwanzigtausend Taler gehabt hätte , den Preußen in Sidon einen schlechten Streich gespielt haben würde , Preußen hat nämlich für diesen Preis die zerstörte Kathedrale in