stets gleich bleibende Frau von ziemlich guter Erziehung und einem Durchschnittsverstande . Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind , welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig und widerspenstig war ; da sie indessen gänzlich meiner Obhut anvertraut war und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgend einer Seite jemals meine Pläne und Absichten in Bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte , so vergaß sie bald ihre kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig . Sie besaß keine hervorragenden Talente , keine scharfen Charakterzüge , keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung , welche sie auch nur um einen Zoll über das gewöhnliche Niveau anderer Kinder empor gehoben hätte ; aber ebenso wenig hatte sie irgend ein Laster oder einen Fehler , welcher sie unter dasselbe gestellt hätte . Sie machte ziemlich gute Fortschritte , hegte für mich eine lebhafte , wenn auch nicht sehr tiefgehende Neigung , und flößte mir ihrerseits durch ihre Naivetät , ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen , mir zu gefallen , einen Grad von Liebe ein , welcher hinreichte , um uns ein gewisses Behagen an unserer gegenseitigen Gesellschaft finden zu lassen . Leute , welche heiligen Doktrinen über die engelgleiche Natur der Kinder huldigen und verlangen , daß jene , welchen ihre Erziehung anvertraut ist , eine abgöttische Liebe für dieselben hegen sollen , werden – in Parenthese gesagt – meine Worte für kalt und gefühllos halten ; aber ich schreibe nicht , um dem elterlichen Egoismus zu schmeicheln , um Kauderwelsch und Unsinn nachzubeten oder Humbug zu unterstützen , – ich erzähle nur die Wahrheit . Ich hegte eine gewissenhafte Sorgfalt für Adeles Wohlergehen und Fortschritte und ein ruhiges Wohlgefallen an ihrem kleinen Selbst ; gerade so , wie ich für Mrs. Fairfax ' Güte dankbar war und an ihrer Gesellschaft eine Freude empfand , welche sie für die Rücksichten lohnte , die sie für mich hatte , und ihr zeigte , wie sehr ich die weise Mäßigung in ihrem Charakter so wie in ihrem Gemüt zu schätzen wußte . Mag mich tadeln , wer da will , wenn ich noch hinzufüge , daß ich dann und wann , wenn ich einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parkthor hinunter gegangen war , um von dort auf die Landstraße zu blicken , oder wenn Adele mit ihrer Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte – daß ich dann die drei Treppen hinauf kletterte , die Fallthür in der Bodenkammer öffnete , an die Galerie des Daches trat und weit über Felder und Hügel bis an die verschwommene Linie des Horizonts hinblicke . Dann wünschte ich mir die Gabe einer Seherin , um über jene Grenzen fortsehen zu können , dorthin , wo die geschäftige Welt und Städte und lebensvolle Regionen waren , von denen ich wohl gehört , die ich aber niemals gesehen hatte . Dann ersehnte ich mir mehr praktische Erfahrung als ich besaß , mehr Verkehr mit meinesgleichen , mehr Kenntnis verschiedener Charaktere , als ich mir hier erringen konnte . Ich wußte das Gute in Mrs. Fairfax und das Gute in Adele zu schätzen , aber ich glaubte , es müsse eine andere , eine lebensvollere Güte geben , und ich wünschte , das was ich glaubte , mit eigenen Augen zu sehen . Wer tadelt mich ? Sehr viele wahrscheinlich , und man wird mich unzufrieden und ungenügsam nennen . Ich konnte nichts dafür ; die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur ; oft quälte sie mich aufs äußerste . Dann fand ich die einzige Beruhigung darin , in dem Korridor des dritten Stockwerks hin und her zu gehen , wo ich mich in der Einsamkeit des Ortes wohl und sicher fühlte , um das geistige Auge auf den herrlichen Visionen ruhen zu lassen , die sich vor demselben ausbreiteten – und es waren ihrer viele und prächtige und farbenglühende – und mein Herz schwellen zu lassen von lebensvoller Sehnsucht , die , wenn auch schmerzhaft , doch wenigstens Leben war ; und vor allen Dingen mein inneres Ohr auf eine Geschichte horchen zu lassen , die niemals endigte – eine Geschichte , welche meine Phantasie schuf und fortwährend wiederholte , – eine Geschichte , in welcher all das Leben , das Feuer , die Empfindungen pulsierten , nach denen ich mich sehnte , und die mein wirkliches Dasein mir nicht boten . Es ist umsonst , zu sagen , daß der Mensch zufrieden sein sollte , wenn er Ruhe hat , – er muss auch Thätigkeit haben , und er wird sie sich schaffen , wenn er sie nicht findet . Millionen sind zu einem stilleren Lose verdammt als das meinige , und Millionen empören sich lautlos gegen ihr Los . Niemand weiss , wieviel Empörungen außer politischen Empörungen in den Menschenmassen gähren , welche die Erde bevölkern . Im allgemeinen nimmt man an , daß Frauen sehr ruhig sind , aber Frauen empfinden gerade so wie Männer ; auch sie brauchen ein Feld der Thätigkeit für ihre Fähigkeiten , wie ihre Brüder es thun ; sie leiden unter zu schweren Fesseln , unter vollständiger Stagnation gerade so wie Männer es thun wurden ; und es ist engherzig , wenn ihre begünstigteren Nebenmenschen sagen , daß sie sich darauf beschränken sollten , Puddings zu machen und Strümpfe zu stopfen , Klavier zu spielen und Tabaksbeutel zu sticken . Es ist gedankenlos , sie zu verdammen oder über sie zu lachen , wenn sie versuchen , mehr zu arbeiten und mehr zu lernen , als das , was das alte Herkommen für ihr Geschlecht nötig erachtet . Wenn ich so allein war , hörte ich gar oft Grace Pooles Lachen , dasselbe Lachen , dasselbe leise , langsame ha ! ha ! das mich so seltsam erschüttert hatte , als ich es zuerst vernommen ; ich hörte auch ihr eccentrisches Gemurmel , das noch seltsamer war als ihr Lachen , Es gab Tage , an denen sie sich ganz still verhielt , aber wiederum andere , wo