Woche bestand noch ein gewisser Verkehr zwischen dem Petang und den Gesandtschaften . Man hörte ab und zu voneinander , weil es chinesischen Boten bisweilen noch gelang , sich durchzuschmuggeln , Briefe fortzutragen und Antworten mitzubringen . Ein paar Tage später suchte der Bischof nach einem Boten . Es war ihm die Kunde zugegangen , daß das Tsungli-Yamen den verschiedenen Ta-jens das Ultimatum gestellt hatte , Peking mit sämtlichen Fremden des Gesandtschaftsviertels binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen . Und obschon sicheres Geleit versprochen , witterte der erfahrene alte Bischof sofort eine Falle . Daher wollte er den Ta-jens den Rat senden , es lieber auf jeglichen Verteidigungskampf in Peking selbst ankommen zu lassen . Gleichzeitig wollte er sich aber auch erkundigen , was denn , im Falle einer solchen Auswanderung , über die Tausende chinesischer Christen beschlossen sei , die sich in das Gesandtschaftsviertel geflüchtet hatten . Da erbot sich Tschun zu dem gefahrvollen Gang . Bei Morgengrauen brach er auf . Kriechend , an den Mauern entlang huschend , manchmal , beim Nahen unheimlicher Gestalten , hinter Vorsprüngen mit bangem Herzklopfen niederkauernd , kam er nur langsam und mit großen Umwegen vorwärts . Er konnte es sich auch nicht versagen , die Gelegenheit zu benutzen , um bis zum Tschien men vorzudringen . Je näher er aber der Stätte der großen Feuersbrunst kam , desto durchdringender wurde der beklemmende Brandgeruch , der noch über der ganzen Gegend lagerte . Und dann stand er auf dem jedem Pekinger Kind so wohlbekannten Platze . Aber da war alles durch ungeheure Zerstörungsarbeit zu einem fremden und gräßlichen Bilde verändert ! Der einst so gewaltig hoch aufragende Trutzturm oben auf der Mauer war nach dem Feuer eingestürzt . Nur ein breiter , unförmlicher Rumpf stand noch . Und das Tor unten gähnte schwarz und verrußt . Dahinter lagen , soweit man blickte , nur rauchende Trümmerfelder . Ja , da konnte man freilich nicht nach einem einzelnen Menschen suchen , der hier gewohnt , waren doch kaum die Stellen zu bezeichnen , wo die einzelnen Häuser einst gestanden ! Es war , als habe Erdbeben dem Feuer geholfen , alle Spuren zu verwischen . - Und Tschun mußte an den gelassenen Ausspruch des Großonkels Lin te i am Neujahrstag denken : » Wenn aus dem Kun-Lun-Berge Feuer sprüht , wird kostbarer Nephrit zugleich mit wertlosem Gestein zugrunde gehen . « Er hatte wohl schwerlich gedacht , wie wahr er prophezeite , noch daß seine Worte sich an ihm selbst erfüllen sollten ! Und auch der auf gelbes Papier gemalten Beschwörungen an Yen ti , den Feuergott , gedachte Tschun , die so manche der hier einst Wohnenden an ihre Häuser zu kleben pflegten , weil sie so ganz bestimmt vor Bränden sichern sollten . Wo war ihre Wirkung geblieben , wo die Menschen , die an sie geglaubt ? - Allerhand Gestalten sah Tschun zwischen den Bergen von Schutt und verkohlten Ruinen auftauchen . Mit langen Haken stocherten sie in den Aschehaufen , gruben und scharrten eilig darin herum , verängstete oder auch tückische Blicke bei jedem Geräusch um sich werfend - einstmalige Besitzer vielleicht , die retten wollten , wo doch alles verloren , dunkle Existenzen noch mehr , die irgendeinen glücklichen Fund inmitten des Zusammenbruchs Begüterter erhofften . - Tschun hätte nun gern nach den beiden alten Verwandten geforscht , doch wo er fragte , erhielt er nur unwirsche Antworten . Denn es waren dies Zeiten , wo , in dem allgemeinen Argwohn , keiner zugeben wollte , von dem anderen etwas zu wissen . Wer vermochte denn auch vorauszusagen , was etwa aus einem unvorsichtigen Worte entstehen konnte ! Am Eingang der Gesandtschaftsstraße fand Tschun eine von Soldaten der fremden Schutztruppen besetzte Barrikade , denn auch hier war ja die Welt zur Festung geworden . Er wurde von dieser ihm neuen Art Ausländer rauh angeschrien und mußte die Legitimationskarte vorzeigen , die ihm der Bischof mitgegeben hatte . Erst dann wurde er durchgelassen . So sehr er aber auch die Zweckmäßigkeit , ja Notwendigkeit solchen Verfahrens einsah , empfand er doch zugleich in den geheimsten Tiefen seines Wesens eine Erbitterung darüber . Ein Grollen ob des herrischen Auftretens der Fremden , vor allem aber eine Entrüstung gegen die eigenen Machthaber . Was für Zustände hatten sie doch geduldet und gefördert , daß diese Ausländer sich solche Rechte in der Hauptstadt des Landes nicht nur anmaßen durften , nein , daß sie gezwungen waren , sie zu ergreifen , weil jegliche Ordnung und Sicherheit nur noch von ihnen abhing ! Und in der Erleuchtung einer Sekunde empfand Tschun die ganze ungeheure Erniedrigung seines Landes . Doch nun schritt er weiter in der Gesandtschaftsstraße . Und sogleich wollte es ihm scheinen , als müsse , inmitten all der außergewöhnlichen Zustände , noch ein ganz besonderes , unheilvolles Geschehnis hinzugekommen sein . Irgend etwas Entsetzliches lag in der Luft , spiegelte sich auf den Mienen der wenigen , die ihm da zuerst wie verstört begegneten . Und dann ward ihm der Grund von irgend jemand zugeraunt , bang und flüsternd , als getraue man sich kaum , das Furchtbare laut zu erwähnen : » Soeben ist die Nachricht gekommen , daß einer der Ta-jens ermordet worden ist ! « Dann setzte eine andere , schon lautere Stimme hinzu : » Er war auf dem Weg zum Tsungli-Yamen - er wollte dort einen letzten Versuch machen , zur Vernunft zu überreden - in der Sänfte ist er erschossen worden ! « Und ein Dritter erzählte : » Sein Vorreiter brachte die Nachricht zurück - Soldaten seiner Gesandtschaft sind gleich hin - aber sie haben nichts gefunden - , die Leiche , die Sänfte , die Träger , alles schon verschwunden - , und der Boden zerwühlt - , um die Spuren zu verwischen - , und die weite Straße leer - ganz leer . « So lief die Kunde weiter . Und nun sah man schon allerwärts Gesichter mit diesem selben Ausdruck verstörten Entsetzens