mir , daß es natürlich jedem freistand , Abschnitte zu machen , aber sie waren erfunden . Und es erwies sich , daß ich zu ungeschickt war , mir welche auszudenken . Sooft ich es versuchte , gab mir das Leben zu verstehen , daß es nichts von ihnen wußte . Bestand ich aber darauf , daß meine Kindheit vorüber sei , so war in demselben Augenblick auch alles Kommende fort , und mir blieb nur genau so viel , wie ein Bleisoldat unter sich hat , um stehen zu können . Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab . Sie beschäftigte mich in mir und erfüllte mich mit einer Art endgültiger Frohheit , die ich für Kümmernis nahm , weil sie weit über mein Alter hinausging . Es beunruhigte mich auch , wie ich mich entsinne , daß man nun , da nichts für eine bestimmte Frist vorgesehen war , manches überhaupt versäumen könne . Und als ich so nach Ulsgaard zurückkehrte und alle die Bücher sah , machte ich mich darüber her ; recht in Eile , mit fast schlechtem Gewissen . Was ich später so oft empfunden habe , das ahnte ich damals irgendwie voraus : daß man nicht das Recht hatte , ein Buch aufzuschlagen , wenn man sich nicht verpflichtete , alle zu lesen . Mit jeder Zeile brach man die Welt an . Vor den Büchern war sie heil und vielleicht wieder ganz dahinter . Wie aber sollte ich , der nicht lesen konnte , es mit allen aufnehmen ? Da standen sie , selbst in diesem bescheidenen Bücherzimmer , in so aussichtsloser Überzahl und hielten zusammen . Ich stürzte mich trotzig und verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch wie einer , der etwas Unverhältnismäßiges zu leisten hat . Damals las ich Schiller und Baggesen , Öhlenschläger und Schack-Staffeldt , was von Walter Scott da war und Calderon . Manches kam mir in die Hände , was gleichsam schon hätte gelesen sein müssen , für anderes war es viel zu früh ; fällig war fast nichts für meine damalige Gegenwart . Und trotzdem las ich . In späteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts , daß ich aufwachte , und die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor , und ich konnte nicht begreifen , wie man es über sich brachte , so viel Welt zu versäumen . So ähnlich war mir , glaub ich , zumut , sooft ich von den Büchern aufsah und hinaus , wo der Sommer war , wo Abelone rief . Es kam uns sehr unerwartet , daß sie rufen mußte und daß ich nicht einmal antwortete . Es fiel mitten in unsere seligste Zeit . Aber da es mich nun einmal erfaßt hatte , hielt ich mich krampfhaft ans Lesen und verbarg mich , wichtig und eigensinnig , vor unseren täglichen Feiertagen . Ungeschickt wie ich war , die vielen , oft unscheinbaren Gelegenheiten eines natürlichen Glücks auszunutzen , ließ ich mir nicht ungern von dem anwachsenden Zerwürfnis künftige Versöhnungen versprechen , die desto reizender wurden , je weiter man sie hinausschob . Übrigens war mein Leseschlaf eines Tages so plötzlich zu Ende , wie er begonnen hatte ; und da erzürnten wir einander gründlich . Denn Abelone ersparte mir nun keinerlei Spott und Überlegenheit , und wenn ich sie in der Laube traf , behauptete sie zu lesen . An dem einen Sonntag-Morgen lag das Buch zwar geschlossen neben ihr , aber sie schien mehr als genug mit den Johannisbeeren beschäftigt , die sie vorsichtig mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben streifte . Es muß dies eine von jenen Tagesfrühen gewesen sein , wie es solche im Juli giebt , neue , ausgeruhte Stunden , in denen überall etwas frohes Unüberlegtes geschieht . Aus Millionen kleinen ununterdrückbaren Bewegungen setzt sich ein Mosaik überzeugtesten Daseins zusammen ; die Dinge schwingen ineinander hinüber und hinaus in die Luft , und ihre Kühle macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten , geistigen Schein . Da giebt es im Garten keine Hauptsache ; alles ist überall , und man müßte in allem sein , um nichts zu versäumen . In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal . Es war so glücklich erfunden , gerade dies zu tun und genau so , wie sie es tat . Ihre im Schattigen hellen Hände arbeiteten einander so leicht und einig zu , und vor der Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her , in die mit tauduffem Weinblatt ausgelegte Schale hinein , wo schon andere sich häuften , rote und blonde , glanzlichternd , mit gesunden Kernen im herben Innern . Ich wünschte unter diesen Umständen nichts als zuzusehen , aber , da es wahrscheinlich war , daß man mirs verwies , ergriff ich , auch um mich unbefangen zu geben , das Buch , setzte mich an die andere Seite des Tisches und ließ mich , ohne lang zu blättern , irgendwo damit ein . » Wenn du doch wenigstens laut läsest , Leserich « , sagte Abelone nach einer Weile . Das klang lange nicht mehr so streitsüchtig , und da es , meiner Meinung nach , ernstlich Zeit war , sich auszugleichen , las ich sofort laut , immerzu bis zu einem Abschnitt und weiter , die nächste Überschrift : An Bettine . » Nein , nicht die Antworten « , unterbrach mich Abelone und legte auf einmal wie erschöpft die kleine Gabel nieder . Gleich darauf lachte sie über das Gesicht , mit dem ich sie ansah . » Mein Gott , was hast du schlecht gelesen , Malte . « Da mußte ich nun zugeben , daß ich keinen Augenblick bei der Sache gewesen sei . » Ich las nur , damit du mich unterbrichst « , gestand ich und wurde heiß und blätterte zurück nach dem Titel des Buches . Nun wußte ich erst , was es war . » Warum denn