zermalmt . In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet , daß eine Dame , welche im Hause wohne , meinen Namen erfahren und mich fragen lasse , ob ich derselbe sei , welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe . Diese liege krank in selbigem Hotel danieder , und wünsche sehnlich mich zu sprechen . In eine verödete Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzündete sie von einem Ende zum andern . Julia hatte sich erholt , ich führte sie aus dem Saale , küßte sie auf das gebrochene Auge und flog davon , Desdemonas Zimmer suchend . O was erlebte ich ! Mein gestähltes Innere bog sich wie ein Baumzweig . Bleich , ein Bild des zerstörenden Todes , lag das einst so schöne Weib auf dem Lager . Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelöst über Gesicht und Schultern und das weiße Nachtkleid herunter , die weichen Züge des Antlitzes waren spitz und schmerzhaft geworden ; der Mund , sonst lieblich wie ein Liebeslied , war verzogen , nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben , der nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien . Sie sprach nichts , als ich eintrat , es schien sie gar nicht zu überraschen ; als ich an ihr Bett trat , nickte sie kaum merklich mit dem Haupte und lispelte : » Nicht wahr , Hippolyt , es kann mir doch niemand wehren , Dich zu lieben ? « Die heißen Tränen - ja Freund , es waren heiße Tränen aus dem Kern meines Herzens - stürzten aus meinen Augen auf ihre abgemagerte Hand : » Bist ja heut ' so lang ' bei der Fürstin gewesen « - sagte sie weiter , ein zweischneidig Schwert wühlte in meinem Innern - » Du hast mich heut ' nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt , so wie Du mich ' s gelehrt . « Ich fühlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand , sie holte tief Atem , der Mund war wieder Liebe und lächelte , das Auge strahlte alte Glückseligkeit , ich hörte noch leise , ganz leise die Worte : » Ach , wie lieb ' ich Dich « - und Desdemona war tot . Lange stand ich unbeweglich , ich war auch tot . Des Kindes Stimme , das an der Erde spielte , und plötzlich über sein Spiel aufjauchzte , erweckte mich . Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest umklammert , ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine Schmerzen machen . Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in all meinen Taschen herum , um eine Waffe zu finden . Ich wollte bei meinem Weibe bleiben . Meine Taschen waren leer . Da mußte ich das Gräßlichste tun und meine Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien . Langsam ging ich nach der Tür . Das kleine Mädchen sah mich lächelnd an und bat mich , mit ihr zu spielen . Lange stand ich noch an der Tür und sah nach der lieben Leiche ; dann ging ich und schloß die Tür leise ; ich wollte mein Weib nicht stören . Dieses zuschlagende Schloß trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit . Ich ging langsam den Saal entlang und sah nur in weiter Ferne , was dicht um mich her vorging . Damen in Reisekleidern schlüpften an mir vorüber - es mochte Julia und ihr Mädchen sein - ich beachtete sie nicht . Man erzählte mir später , daß ich mich an die Haustür gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen , auf ihre an mich gerichteten Worte nichts erwidert habe . Es war die erste Totenstunde meines Lebens , und ich denke mit Grausen daran - der Tod ist ein garstig Scheusal , er ist der bare häßliche Gegensatz des Schönen . Es war ein trüber Regentag gewesen . Als ich noch an der Haustür des Hotels stand , brach plötzlich die Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge . Da wich mein Feind , der Tod , aus allen meinen Gliedern , ich fühlte wieder lebendig Blut in mir , meine Sehnen spannten sich , ich war auferstanden . Es fiel mir alles Lebendige , was ich gesehen , wieder ein . Juliens Abreise und ihre Schönheit - ich rief nach Pferden . Was kümmert mich der Tod ! Was sind die Menschen dumm , mit diesem abscheulichen Zustande noch Gepränge und Aufsehen vorzunehmen . Der gestorbene Mensch ist eine Sache , man bringe sie beiseit ' so schnell als möglich . Wer sich mit einem Leichnam beschäftigen kann , die Seele mag ihm noch so lieb gewesen sein , ist ein verhärtetes unästhetisches Leichenweib , ein Handwerkstotengräber . Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen . Ich schreibe dies in einem andern Gasthofe und warte auf Pferde . Die bunte Bastei mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster ; es ist aller Tod in mir überwunden , die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem , weit entferntem Nebel hinter mir . Mein Leben ist wieder lebendig - der Wagen fährt vor - Ade , mein Freund , ich fliege nach Paris , um Julien zu erobern . Ich werde sie erobern , müßt ' ich ihr nachjagen durch alle Zonen . Soll ich auch noch die Sentimentalität lieben , diese Krücke der Schwäche , den Regenschirm beim Gewitterregen , der das furchtsame Gesicht vor Donner und Blitz versteckt , dies Liebäugeln mit dem Tode ! Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben ? Ist die Sonne , weil sie täglich einmal untergeht , zum Untergehen da ? O ihr täglich sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt , Blut und Wärme such ' ich , ich suche Liebe und Julien - und damit Gott befohlen , Freund . 34. Valerius an Konstantin . Hippolyt ist auf der Reise nach Paris , ihm kann ich