ihm schließlich nichts mehr fehlte , hatte er keine Lust , das Zimmer zu verlassen . Herr von Tucher nahm seinen Zustand für ein hypochondrisches Zwischenspiel ; als er sich jedoch überzeugte , daß sowohl seine vorsätzliche Gleichgültigkeit wie sein gütiger Zuspruch fruchtlos blieben und daß da eine unverstellte seelenvolle Betrübnis waltete , ward er besorgt . Nun geschah es an einem dieser Tage , daß ein auswärtiger Bote im Haus vorstellig wurde , der zu Caspar geführt zu werden verlangte , um ihm einen Brief auszuhändigen . Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis dazu . Nach einigem Bedenken überließ ihm der Mann das Schreiben und entfernte sich wieder . Herr von Tucher hielt sich für berechtigt , den Brief zu öffnen . Er war von rätselhafter Fassung ; noch rätselhafter dadurch , daß ihm ein kostbarer Diamantring beilag , den Caspar damit als Geschenk bekam . Herr von Tucher war unschlüssig , was er tun solle . Brief und Ring dem Gericht oder dem Präsidenten Feuerbach auszuliefern , erschien ihm das ratsamste . Doch widersprach es immerhin seinem Rechtsgefühl . Eine flüchtige Stimmung von Weichheit gegenüber Caspar ließ ihn den Vorsatz völlig vergessen ; er hoffte , den Jüngling aus seiner Niedergeschlagenheit aufzurütteln , und diesen Zweck erreichte er vollkommen . Er brachte Brief und Ring herbei . Caspar las : » Du , der du das Anrecht hast , zu sein , was viele leugnen , vertrau dem Freund , der in der Ferne für dich wirkt . Bald wird er vor dir stehen , bald dich umarmen . Nimm einstweilen den Ring als Zeichen seiner Treue und bete für sein Wohlergehen , wie er für das deine zu Gott fleht . « Als Caspar dies gelesen hatte , drückte er das Gesicht gegen den Arm und weinte still für sich hin . Herr von Tucher saß am Tisch und ließ den schönen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen . Der englische Graf In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann , und alsbald verließ ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrüßte leutselig den herbeistürzenden Wirt , der eines solchen Gastes nicht gewärtig war , da in seinem Hause fast nur Kaufleute und Handlungsreisende verkehrten . Der Fremde forderte die besten Zimmer , und ohne sich nach dem Preis zu erkundigen , schritt er durch das Spalier von Gaffern in das weitbogige Tor . Diener und Kutscher trugen die Koffer , den Nachtsack und sonstige Reisegegenstände in die Halle . Der Ankömmling verlangte von selbst das Fremdenbuch , und bald konnte jeder ehrfürchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen : » Henry Lord Stanhope , Earl of Chesterfield , Pair von England . « Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend , daß noch spät abends Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten , hinter denen der erlauchte Herr logierte . Am nächsten Morgen gab der Lord in der Wohnung des Bürgermeisters sowie bei einigen Notabilitäten der Stadt seine Karte ab , und schon wenige Stunden darauf erhielt er in seinem Quartier die Gegenbesuche , vor allem denjenigen Binders , der sich der früheren Anwesenheit des Lords natürlich wohl erinnerte . In der ziemlich langen Unterredung mit dem Bürgermeister gestand Graf Stanhope ohne Umschweife , daß wie jenes erste Mal so auch heute die Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt bilde . Er hege für den Findling die größte Teilnahme , sagte er und ließ durchblicken , daß er etwas Entscheidendes für ihn zu unternehmen gesonnen sei . Der Bürgermeister erwiderte , er verstatte Seiner Herrlichkeit , soweit es die Vorschriften erlaubten , freien Spielraum . » Was für Vorschriften ? « fragte der Lord rasch . Binder versetzte , Herr von Tucher sei Kurator des Findlings , habe weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht freundlich gegenüberstehen ; außerdem könne man ohne Wissen des Staatsrats Feuerbach keine Veränderung befürworten , die das Leben Caspar Hausers betreffe . Der Lord machte ein bekümmertes Gesicht . » Da werde ich einen schweren Stand haben « , bemerkte er . Hierauf erkundigte er sich , ob man wegen des Überfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prämie keinen Empfänger habe finden können . Dies mußte Binder verneinen ; er entgegnete , die so großmütig zur Verfügung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine Lordschaft könne sie zu beliebiger Stunde zurückerhalten , da doch jede Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei . Die nächsten Tage verbrachte der Lord ausschließlich mit der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten . Zu Mittag , zum Tee und zu Abend war er eingeladen oder gab kleine , aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel , wozu er eigens einen französischen Koch in Dienst nahm . Wenn es seine geheime Absicht war , sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu verschaffen , so blieb ihm darin nichts zu wünschen übrig . Wenn er den Zweck verfolgte , all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennenzulernen , so fiel ihm das nicht sonderlich schwer ; man gab sich rückhaltlos , man fühlte sich geehrt durch seine Gegenwart , man bestaunte seine geringsten Handlungen . Jeder Anlaß war ihm recht , um das Gespräch auf Caspar Hauser zu lenken ; er wollte wissen , immer Neues wissen , schwelgte in den rührenden Einzelheiten , die man zu berichten wußte , fand es aber dabei doch nicht notwendig , eine Unterlassung , die allerdings auffallend gefunden wurde , den Professor Daumer zu besuchen , sondern begnügte sich damit , den Gefängniswärter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen . Hill , von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht , schilderte so beweglich , daß es von einem unter Verbrechern ergrauten Mann wunderbar zu hören war , jenes hold verlorene Weben und ergreifende Darniedersinken Caspars während seines Aufenthalts im Turm ; zum Schluß rief er , glühend vor